Arbeitsalltag im Flüchtlingsamt "Ich bin leistungsmäßig an der Grenze"

Bleibt ein Flüchtling, oder muss er das Land verlassen? Das entscheiden Mitarbeiter der Behörde Bamf - möglichst schnell, denn Tausende Anträge stapeln sich. Ein Beamter beschreibt anonym den Druck, dem er ausgesetzt ist.

Protokolliert von Anja Tiedge

Überlastete Behörde: Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) in Nürnberg
DPA

Überlastete Behörde: Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) in Nürnberg


"Ich bin seit über 20 Jahren beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Als Entscheider - so lautet mein Beruf - prüfe ich derzeit Asylanträge vom Schreibtisch aus. Früher habe ich mir von den Flüchtlingen selbst ein Bild gemacht und sie in der Anhörung gefragt, warum sie in Deutschland Schutz suchen. Das war die Grundlage dafür, ob Asyl gewährt werden kann. Ein Mitarbeiter bearbeitete einen Fall vom Antrag bis zum Bescheid.

Wegen der Flut an Anträgen ist das jetzt anders. Meine Kollegen in den Außenstellen führen teilweise nur noch Anhörungen durch. Danach bekomme ich die Akte auf den Tisch und muss entscheiden, ohne den Betroffenen je gesehen zu haben. Das kann nur eine Notlösung sein. Die Außenstellen sind in ganz Deutschland verteilt, nur dort können die Flüchtlinge Asylanträge stellen.

Wir machen Akkordarbeit. Für die Mitarbeiter in den Außenstellen heißt das, sie haben eine Anhörung nach der nächsten. Ich beneide sie nicht um ihren Job. Der psychische Druck ist groß; vor dir sitzen Menschen, für die vom Gespräch viel abhängt. Natürlich werden sie auch mal emotional. Außerdem sind die Kollegen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt, weil nicht alle Flüchtlinge medizinisch untersucht werden.

Wer soll die neuen Kollegen einarbeiten?

Werden die Flüchtlinge an der Grenze registriert oder von der Polizei aufgegriffen, geben sie ihre Fingerabdrücke ab. Wenn sie danach zu uns kommen, brauchen wir ihre Fingerabdrücke auch - auf die Datenbank der Polizei haben wir aber keinen Zugriff. Das ganze Prozedere beginnt also von vorn. Das ist umständlich und kostet unnötig Zeit.

Politiker erhöhen durch unqualifizierte Äußerungen die Erwartungshaltung der Menschen und damit den Druck auf die Behörden. Das führt zu blindem Aktionismus und verursacht unnötige Kosten. Vor ein paar Tagen hat Herr Weise, mein neuer Chef, angekündigt, dass wir bis zu 3000 neue Kollegen von der Bundesagentur für Arbeit bekommen. Das klingt für Außenstehende toll - aber für uns kommt das viel zu spät. Ich würde sogar sagen, im Moment ist es kontraproduktiv. Kommen wirklich so viele neue Kollegen, würde sich unsere Mitarbeiterzahl fast verdoppeln. Aber wer soll sie denn alle einarbeiten? Wir schaffen es zurzeit noch nicht mal annähernd, alle Anträge zu bearbeiten.

Es gibt Flüchtlinge, die noch gar nicht als solche registriert sind. Andere warten seit Monaten auf ihre Anhörung, einige sogar seit Jahren. Und nun fallen auch noch Kollegen für die Antragsbearbeitung aus, weil sie Personal suchen und Neulinge anlernen. Wir müssen zusätzliche Arbeitsplätze einrichten, meist an neuen Standorten, und sie mit Möbeln, PC und Telefonanlagen ausstatten.

Fotostrecke

10  Bilder
Kleiderkammer in der Messehalle: Wie Hamburg Flüchtlingen hilft
Zumal das nicht von heute auf morgen geht. Allein die Schulungen brauchen ein paar Monate - und dann kennt man erst die Theorie. Wir ziehen keinen Hebel hoch und runter, unsere Arbeit ist komplex.

Wir müssen uns mit Asyl- und Ausländerrecht auskennen und mit der politischen Lage im Heimatland des Flüchtlings. Wir haben es mit religiösen Besonderheiten zu tun, mit unbegleiteten Minderjährigen, traumatisierten Personen und frauenspezifischen Problemen.

Wenn jemand zum Beispiel schwer krank ist - ist die Behandlung in seinem Heimatland gewährleistet? Falls nicht, wird die Abschiebung ausgesetzt. In solche Themen muss man sich reinbohren, das braucht Erfahrung und Zeit. Wir treffen Entscheidungen, von denen die Gesundheit oder gar das Leben eines Menschen abhängen kann. 'Große Berufserfahrung als Voraussetzung' steht unter dem Stichwort 'Entscheider' auf unserer Webseite. Wie so oft klafft hier eine große Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit.

Mit dem Druck steigt die Fehlerquote

Was mich am meisten ärgert: Die Lage, in der wir jetzt stecken, war abzusehen. Jahrelang sind die Antragszahlen gestiegen, aber das Personal wurde nicht aufgestockt. Komischerweise ist bis jetzt niemandem aufgefallen, dass diese Rechnung nicht aufgeht. Das Asyl- und Ausländergesetz sollte dringend vereinfacht werden, indem etwa Bürgerkriegsflüchtlinge durch ein eigenständiges Aufenthaltsrecht aus den Asylverfahren herausgehalten werden.

Es würde meiner Meinung nach auch helfen, wenn für Flüchtlinge, die in Deutschland massiv straffällig werden, ein praxistauglicher Tatbestand der "Asylunwürdigkeit" geschaffen wird. Wer das Gastrecht offenkundig missbraucht, zeigt, dass er keines Schutzes bedarf.

Wenn wir Entscheidungen treffen, müssen sie wasserdicht sein, sonst sind sie juristisch anfechtbar. Weil wir momentan unter hohem Druck stehen, nimmt die Fehlerquote aber zu. Deshalb ist meine Vermutung: Die hohe Arbeitslast, die wir jetzt zu spüren bekommen, wird sich bald auf die Gerichte verlagern. Viele Flüchtlinge werden gegen die Entscheidungen klagen - und wenn tatsächlich ein Fehler gemacht wurde, haben sie gute Erfolgsaussichten.

Einige meiner Kollegen machen derzeit freiwillige Wochenenddienste und Schichtarbeit. Für mich kommt das nicht infrage. Ich arbeite 41 Stunden die Woche und pflege einen Angehörigen. Ich bin nicht mehr der Jüngste und leistungsmäßig an der Grenze. Es nützt niemandem etwas, wenn ich am Ende ausfalle, weil ich ausgebrannt bin."

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 258 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
bertha.benz 10.10.2015
1. Warum wird nicht vor Ort entschieden?
Warum gibt es diese Trennung der Aufgaben in "Anhörung vor Ort" und "Entscheidung nach Aktenlagen" in Nürnberg? Wie inneffizient kann man eigentlich arbeiten? Der Mann kann ja nichts dafür, er scheint seinen Job mit großem Pflichtbewusstsein zu machen und möchte eine Verbesserung, sonst hätte er sich nie anonym Luft gemacht. Es wird immer klarer: Deutschland braucht sofort eine Pause. Wir laufen in jeder Hinsicht auf die Katastrophe zu.
olli_65 10.10.2015
2. Sie können es auch lassen
Die tun mir ein wenig leid weil es eh eine (fast) sinnfreie Tätigkeit ist da eh nicht oder nur sehr selten abgeschoben wird. Insofern hat deren Tun wirklich kaum Konsequenzen.
vox veritas 10.10.2015
3. Wir schaffen das
Chaos pur. Die Lage ist vollkommen außer Kontrolle geraten und niemand will es wissen.
BettyB. 10.10.2015
4. Da läuft wohl alles schief
Keine Frage, da haben Vorgesetzte versagt, doch wie war das mit Flüchtlingen aus Kriegsgebieten? Asylanträge von Syrern sollten somit wohl im Eiltempo "abstempelbar" sein, oder nicht? Wie will man da sonst den Berg abbauen, den man seit Jahren pfleglich aufgebaut hat?
Champagnerschorle 10.10.2015
5. ein Satz
"ich arbeite 41 Stunden die Woche" und "bin leistungsmäßig an der Grenze" damit ist alles gesagt. Die Meisten, die ein Gehalt analog dieses Beamten erhalten dürften bei 41 Stunden müde lächeln und haben keinen Beamtenstatus (ja den Arbeitsplatz verlieren zum können ist auch Druck). Dieser Artikel hat kein Fleisch am Knochen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.