Schwäbischer Jurist in Asien Bloß nicht in Deutschland arbeiten

Vor einem Anwaltsalltag in Deutschland grauste es ihm. Darum flog Jürgen Baur gleich zum Berufsstart als Berater nach Asien - und blieb. China, Thailand, Myanmar, er eröffnet überall Standorte und will nicht sesshaft werden.

Jürgen Baur

Aufgezeichnet von Désirée Balthasar


"Shanghai, Guangzhou, Hongkong, Bangkok, Ho-Chi-Minh-Stadt, Rangun - ich lebe und arbeite seit zwölf Jahren in Asien und finde es immer noch spannend. Von hier aus begleite ich deutsche Unternehmen in der Region. Wenn ein Mandant Firmenanteile in den Philippinen kauft oder in Myanmar eine Produktionsstätte eröffnet, bin ich vor Ort.

So hatte ich mir mein Berufsleben immer vorgestellt: reisend im Ausland, ständig Neues kennenlernen. Im Studium grauste es mir vor einem Anwaltsalltag in Deutschland.

Deshalb bin ich damals bei einem Beratungsunternehmen eingestiegen. Es war für mich der ideale Berufsstart, denn die Firma hat überall auf der Welt Büros. Da ich schon während des Studiums in Asien mit dem Rucksack unterwegs war, begann ich in der Asienabteilung. Bereits nach wenigen Monaten konnte ich nach Shanghai ziehen. Für mich war klar, dass dies mehr als nur ein Kurzaufenthalt werden würde.

In Shanghai gibt es eine riesige Bandbreite an Freizeitaktivitäten, und das kulinarische Angebot ist überwältigend. Die Stadt ist geprägt von der chinesischen Kultur und gleichzeitig stark geschäftsorientiert. Aber es fehlt an entspannten Ecken, die Atmosphäre ist hektisch. Deshalb war ich nicht allzu traurig, als ich nach zwei Jahren einen neuen Standort in der südchinesischen Stadt Guangzhou eröffnen sollte.

Chinesen lieben Billy-Regale

Die Menschen dort sind wesentlich gelassener. Für Ausländer ist es angenehm, weil die Kantonesen für internationale Dinge recht aufgeschlossen sind. Ganze acht Jahre lebte ich dort. Während in Shanghai vor allem die Stadt zählt, ist man von Guangzhou aus schnell in der Natur oder in Hongkong.

Innerhalb der eigenen Wohnung musste ich mich nicht sonderlich umgewöhnen: Die Chinesen lieben Ikea. Wenn sie eine Wohnung an Ausländer vermieten, stellen sie Billy-Regale und Malm-Betten auf. Das ist für gut für alle, die sich mit den landestypischen verschnörkelten Barockmöbeln nicht anfreunden können.

Fotostrecke

36  Bilder
Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten
Wenngleich der Kontakt mit den Kollegen eng ist, weil man oft abends zusammen essen geht, konzentriert sich mein Freundeskreis auf andere Ausländer. Es ist schwierig, sich komplett zu integrieren, auch wenn man die Sprache noch so gut beherrscht. Ich spreche zwar etwas Mandarin, aber leider war neben der Arbeit nie die Zeit, es intensiv zu lernen - was ich im Nachhinein schade finde. Die meisten Ausländer bleiben höchstens zehn Jahre in China. Auch ich konnte mir nicht vorstellen, dort in Rente zu gehen. Und so zog ich vor zwei Jahren in unser Büro in Bangkok und leite von dort aus unsere Aktivitäten in den umliegenden Ländern.

In Bangkok habe ich mir sogar eine Wohnung gekauft. Ob das ein erstes Zeichen der Sesshaftigkeit ist, kann ich noch nicht sagen. Ein gutes Investment ist die Wohnung in jedem Fall. Und auch wenn der Verkehr in den letzten Jahren katastrophale Ausmaße angenommen hat, ist die Lebensqualität sehr hoch, vor allem wegen der umgänglichen Art der Thais. Vielleicht gehe ich aber auch wieder woanders hin.

Und wer holt den Müll ab?

Nach Rangun zum Beispiel. Hier, im Wirtschaftszentrum Myanmars, eröffneten wir vergangenen November einen Standort - seitdem pendele ich zwischen Thailand und Rangun. Und ich tue das, was ich am interessantesten finde: ein neues Büro in einem fremden Land zum Laufen bringen.

Das ist spannend, aber auch anstrengend. Um gute lokale Anwälte und Buchhalter zu finden, musste ich unzählige Kontakte bemühen. Und ich trete hin und wieder in Fettnäpfchen. Zum Beispiel sollte man keine Fleischgerichte für die Kollegen zum Mittagessen mitbringen, das kommt nicht bei allen gut an. In Myanmar hat der Buddhismus einen äußerst hohen Stellenwert; auch wenn einige Fleisch essen, ernähren sich viele Menschen aufgrund ihres Glaubens vegetarisch.

Das Büro liegt in einem idyllisch gelegenen Wohnhaus. Denn es gibt in Rangun derzeit nur zwei Bürotürme. Wir haben also ein freistehendes Haus gemietet und umfunktioniert. Das hat natürlich seinen Charme. Andererseits beschäftigt man sich mit Themen wie: Wo kriegen wir einen Gärtner her, von wem wird der Müll regelmäßig abgeholt?

Langeweile kommt da nicht auf, auch kein Heimweh nach Deutschland. Ich bin schon heimatverbunden, insbesondere zu meiner Geburtsstadt Ravensburg. Ich checke ständig die Ravensburger Eishockey-Ergebnisse im Internet. Meine Neugier und der Reisegeist haben nach mehr als zehn Jahren natürlich etwas nachgelassen. Ich habe die Gegend mittlerweile gut kennengelernt und viel Wissen angehäuft. Und es tut sich einfach immer etwas. Das ist es, was ich an Asien so spannend finde: Hier ist niemals Stillstand."

  • Gregor Balthasar
    Désirée Balthasar (Jahrgang 1982) ist freie Journalistin in Hamburg. Sie schreibt über den Wirtschaftsanwaltsmarkt und interessiert sich für gesellschaftspolitische Themen.
Kulturschock

insgesamt 26 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
kika2012 21.05.2015
1. Na das geht ja gut los...
Ach ja, wie doof...vielleicht möchte ja nicht jeder so ein "doofes" Leben wie Sie führen, trackingerror. Ich finde diese Geschichten toll, sollten mehr Leute mal machen...und wenn es nur für ein paar Jahre ist. Zu den Finanzen: Ich kenne keinen, der nicht mit finanzieller HIlfe der Eltern den Start ins Leben gewagt hat, sei es Wohnung/Haus kaufen, Projekte etc. Klar kann man auf die "Fresse" fallen, aber wer nichts riskiert, erlebt auch nichts...da ist was Wahres dran!
vegas333 21.05.2015
2. @trackingterror....
na da scheint jemand sehr frustriert u. neidisch zu sein auf den im Artikel beschriebenen Menschen! Aber das viele Deutsche von Neid regelrecht zerfressen sind ist ja bekannt! Egal wie und durch was dieser Mensch erfolgreich ist .... er hat was dafür getan ..basta!
phthalo 21.05.2015
3. @trackingerror
Sie sprechen mir aus der Seele - echt!!
muunoy 21.05.2015
4. Wo ist das Problem?
Also, es gibt zig Jobs, wo man ständig unterwegs ist und auch längere Zeit in anderen Kulturkreis schafft. Ich habe so einen Job, den ich auch noch als Selbständiger ausüber. Und da die meisten Leute das als Belastung empfinden und es auch durchaus viele Nachteile hat, werden solche Jobs häufig auch noch sehr gut bezahlt. Jedenfalls kann ich nicht klagen. Außerdem brauche ich das Unterwegs-Sein wie ich während meiner Auftragsflaute in 2009 gemerkt habe. Und noch etwas: Südostasien ist meine Lieblingsregion. Festlandchina ist schon etwas schwieriger. Aber ich kann dem Anwalt durchaus nachempfinden. Meine schönsten Projekte waren in Singapur und Bangkok.
valmorphanize 21.05.2015
5. was mir auffällt
...schon während des Studiums mit dem Rucksack in Asien unterwegs... Das hätte ich mal zu meinem Ausbildungsbetrieb oder im anschließenden Vollzeitstudium sagen sollen "bin mal für paar Monate mit dem Rucksack in Asien, bis denne!" die hätten mich für beklopt gehalten. In Sachen Müßiggang und Lebenskünstlern ist anscheinend echt etwas an mir vorbei gegangen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.