Fluent English Amerikanisches Hüsteln

Wie gut verstehen wir Englisch wirklich, wie viel simulieren wir bloß? Unser Kolumnist Peter Littger hat Besucher des Kinofilms "American Hustle" gefragt, was "Hustle" heißt. Und erstaunlich pornografische Antworten bekommen.

"American Hustle": Bradley Cooper (l.) als Richie und Christian Bale als Irving
Tobis

"American Hustle": Bradley Cooper (l.) als Richie und Christian Bale als Irving


Als ich vor ein paar Wochen im Kino war, um "American Hustle" zu sehen, unterhielten sich meine Sitznachbarn über den Titel des Films, also über das Wort "hustle", das gerade in der englischsprachigen Popkultur recht populär ist:

"Was heißt eigentlich Hussl?"
"Ist das nicht Hässl?"
"Du meinst, Hässl schreibt man so?"
"Ja genau: Stress und Ärger - Hässl!"
"Also amerikanischer Stress. Stress auf amerikanische Art."
"Ja, gut möglich."

Dann wurde es dunkel, und der mysteriöse amerikanische Hustle begann. Mir hat der Film sehr gefallen. Vor allem die angeklebten Haare der Hauptfigur Irving werde ich nicht vergessen. Er ist ein Hochstapler, einer, der dichten Haarwuchs vortäuscht und auch Wissen. Und es damit ziemlich weit bringt.

Wir sind alle ein bisschen wie Irving, denke ich. Jedenfalls dann, wenn wir Englisch sprechen und doch nur die Hälfte verstehen. Oder wissen Sie, was "hustle" bedeutet?

Falls nein, sind Sie auf jeden Fall nicht allein. Ein Leser schrieb mir: "Je selbstverständlicher Englisch für uns wird, desto mehr muss ich raten, bluffen. Ich kann ja nicht einfach zugeben: Ich weiß es nicht."

Fotostrecke

10  Bilder
Studie: So gut spricht die Welt Englisch
In Wahrheit tragen wir also auch ein Toupet: Wir nennen es "Fluent English". Mal versuchen wir damit, Lücken zu verdecken ("The character is not sympathic and the film is genial."). Mal schieben wir es über die Ohren, um Hörprobleme vorzutäuschen ("What did you say: one does not say sympathic and genial? Likeable and stellar, what? The telephone connection is so bad.").

Ich selbst kann mich davon überhaupt nicht ausnehmen. Viele Jahre verwechselte ich zum Beispiel "Frieden" mit "freedom" und dadurch mit "Freiheit", bloß weil es so ähnlich klang.

Ein falscher Plural kann im Blutbad enden

Nun sollte ein Kinofilm für sich selbst sprechen, egal welchen Titel er hat. Deshalb ist es wahrscheinlich egal, wenn englischsprachige Filmtitel nicht mehr ins Deutsche übersetzt werden. Trotzdem frage ich mich, was die Leute verstehen, wenn sie hören: "Transcendence" mit Johnny Depp. "Gravity" mit Sandra Bullock und George Clooney. "Inception" mit Leonardo Di Caprio. "Elysium" mit Matt Damon.

"American Hustle" mit Christian Bale und Amy Adams war für mich ein Anlass für eine kleine Befragung: Ich bat einige Besucher, nach der Vorstellung zu erklären, was "hustle" bedeutet.

Gruppe 1: Sie hatten keine Ahnung und gingen weiter. Es waren die Nichtswisser - im Englischen übrigens "nitwits" genannt. Oder lateinisch hochgestochen "ignoramuses" (bilden Sie davon bitte immer den richtigen Plural, sonst werden Sie erschossen.)

Gruppe 2: Sie versuchten, sich das Wort "hustle" durch seinen Klang zu erschließen: "Husten" sagten die einen, "Hüsteln" die anderen. Das führte nicht weiter. Am besten fand ich die Deutung "Hysterie". Das brachte uns immerhin auf eine neue, herrlich hochgestochene Variante für den Filmtitel: "Hysteria americana". Das ergab einen gewissen Sinn - und Sonderpunkte.

Fotostrecke

7  Bilder
"American Hustle": Gauner-Ballade auf Oscar-Kurs
Gruppe 3: Die Mehrheit. Sie glaubten tatsächlich, "hustle" sei "hassle". Der Film handelte in ihren Augen von einer Art "amerikanischer Alltagsplackerei". Das war zwar nicht richtig, aber auch nicht ganz falsch. Typisch Fluent English!

Gruppe 4: Die zweitgrößte und durch einen offensichtlichen Hormonschub auch kreativste Gruppe. Sie dachte an nackte Mädchen, wilden Sex. Seltsam, das alles hatte ich im Film nicht gesehen. Die Gruppe gab sich überzeugt: "Hustle ist Porno." Sie dachten an Zuhälterei, einen "Gelegenheitsfick", Prostitution. Sie verwiesen auf den "Hustler", das Magazin von Larry Flynt. Außerdem fiel ihnen die Zeile "a hustle here and a hustle there…" aus Lou Reeds Lied "Walk on the Wild Side" ein. Lou Reed hatte 1972 über fünf homo- und transsexuelle Prostituierte gesungen, die er aus Andy Warhols Factory kannte. Sie schlugen sich so durch und hatten wirklich "ein Fickchen hier, ein Fickchen dort".

Gruppe 5: Sie hätte die richtige Antwort geben können. Aber es gab sie nicht.

Zugegeben: "Hustle" zu erklären ist nicht leicht. Dass das Wort so stark schillert (und sich deshalb so gut als Filmtitel eignet), liegt auch daran, dass es in den letzten hundert Jahren vor allem in den USA einige Male umgedeutet worden ist. Und, ja, dort kann es auch bedeuten, auf den Strich zu gehen, anzuschaffen, Sex zu haben.

Keine Spur von Sex

In Großbritannien dagegen wird "hustle" in seiner negativen Bedeutung vielmehr mit Trickdieben in Verbindung gebracht, so genannte "con men" (Nepper, Schlepper, Bauernfänger) oder "grifter", wie man in den USA sagt. Das zeigt die BBC Serie "Hustle", die bis 2012 lief, deutscher Untertitel: "Unehrlich währt am längsten". Mit Sex hatte sie nichts zu tun.

Allgemein ist "hustle" ein bestimmter (wahrscheinlich amerikanischer!) Ehrgeiz, eine Hatz bis hin zur Überforderung. Ein Drängen und Stoßen bis hin zur Nötigung. Eine Art zu handeln und ungeduldig zu sein, die manchmal wohl nicht ohne Tricksen auskommt. Es ist eine bestimmte Form, sich ins Zeug zu legen - und damit eine ideale Vokabel für fleißige Menschen, die im Büro unter Strom stehen oder es mit ihrer Karriere eilig haben. Dass dies nichts mit Gaunereien, mit Kriminalität oder Sex zu tun haben braucht, zeigt auch die gängige Wendung "hustle and bustle": Es ist nichts anderes als die alltägliche "Hektik" oder einfach ein "geschäftiges Treiben".

Der Duden erwähnt übrigens auch eine Bedeutung für "Hustle": "ein Modetanz der siebziger Jahre, bei dem die Tänzer in Reihen stehen und bestimmte Schrittkombinationen ausführen". Ich denke, diese Bedeutung können wir jetzt wieder vergessen.

  • KarriereSPIEGEL-Autor Peter Littger sammelt in seiner "Fluent English"-Kolumne die schönsten Englisch-Patzer und Beispiele für sprachliche Kreativität. Ihn beschäftigt seit der Schulzeit, wie wir Deutschen im Ausland ankommen und mit fremden Sprachen und Sitten umgehen. Er ist Co-Herausgeber der soeben in englischer Sprache erschienenen Essaysammlung "Common Destiny vs. Marriage of Convenience. What do Britons and Germans want from Europe?"

    .
  • Das Buch bei Amazon.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 138 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
michael76 07.05.2014
1. Elysium?
Elysium ist soweit ich weiss auch ein deutsches Wort.
ein-dummer-junge 07.05.2014
2. Glueckwunsch
da hast dir jetzt einen abge "hustle"t !
chopperreidhere 07.05.2014
3.
Es kommt halt immer auf den Kontext an. Aber wenn ich mir die Übersetzungen und Synchronisation von englischsprachigen Filmen oder TV Shows anhöre, dann brauchen sich die normalen Leute nicht zu schämen. Was da oft von 'Profis' für ein Schwachsinn übersetzt wird - im besten Fall nur Sinn verfälschend.
laotse8 07.05.2014
4.
doch wer noch "Ideal" und die neue deutsche Welle kennt, kommt schnell auf die eigentliche Bedeutung; heißt es dort doch "der ganze hustle um die Knete macht mich taub und stumm". Heute wohl auch der ganze hustle um die Steuern ...
Alimentator 07.05.2014
5. Ignoramuses - sonst werden sie erschossen?
Warum wird man erschossen? Der Link ist unvollständig.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.