Lastwagenfahrer in Jakutien Unterwegs auf Straßen aus Eis

Sie riskieren ihr Leben, um Lebensmittel in die entlegensten und kältesten Gebiete Russlands zu bringen: die Eisstraßen-Fahrer in Jakutien. Fotograf Amos Chapple hat die gefährliche Reise begleitet.

Amos Chapple/ RFE/ RL

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Wenn im Winter die Temperaturen auf unter minus 50 Grad fallen, frieren die Flüsse und Seen im Nordosten Russlands zu. Dann beginnt in Jakutien die Zeit der Eisstraßen-Fahrer. Sie lenken ihre Lastwagen über das vereiste Wasser, um Waren in die entlegensten und kältesten Gebiete des Landes zu bringen. Der Fotograf Amos Chapple hat im Auftrag von Radio Free Europe den jungen LKW-Fahrer Ruslan und seinen Helfer Gerrick auf ihrer zwölftägigen Reise begleitet.

Chapple hatte im Internet über die russischen Eisstraßen-Fahrer gelesen - und war fasziniert. Er flog nach Jakutsk, in die Stadt, die als die kälteste der Welt gilt. Dort überzeugte er Ruslan, ihn begleiten zu dürfen. Beladen mit zwölf Tonnen Lebensmitteln wie Nudeln, Softgetränken und sogar Schokoladencroissants machten sie sich an einem Frühlingsnachmittag auf den Weg nach Belaya Gora.

Auch wenn das kleine Dorf nur 1000 Kilometer Luftlinie entfernt liegt, dauerte es fast eine Woche, um es zu erreichen. Vier Tage davon verbrachten die Männer mit dem 25 Tonnen schweren Lastwagen auf dem zugefrorenen Fluss Indigirka - und fuhren über ein bis zwei Meter dickes Eis.

Mitten auf dem Fluss hörte Chapple auf einmal ein Splittern: "Ich dachte es wäre aus." Doch es war nur die oberste dünne Eisschicht des Flusses, die zerbarst: Das Eis darunter hielt und der Lastwagen konnte weiterfahren. Im Frühjahr ist das Eis schon weniger solide und die Fahrt gefährlich. Es kommt immer wieder vor, dass Leute einbrechen - manchmal mit tödlicher Folge.

Ein Teil der Reise führt auch über die Kolyma Fernstraße, die während der Stalin-Ära gebaut wurde. Hier entdeckte Chapple einen Lastwagen, der von der Autobahn gerutscht und einen Abhang hinuntergefallen war. Ruslan erzählte ihm, dass das häufiger vorkommt.

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Gefährliche Fahrt: Versorgung in der Abgeschiedenheit

Wegen der eisigen Temperaturen verbrachten die Männer fast die gesamte Reisezeit im Lastwagen - sie schliefen im Fahrerhäuschen und aßen auch dort. Sie verließen die enge Kabine nur, wenn es absolut notwendig war. Sie konnten sich nicht waschen und trugen die ganze Woche die gleiche Kleidung. Auch nachts lief der Motor und trotzdem froren Teile ein, die die Männer morgens mit einer Lötlampe wieder auftauen mussten.

Chapple kannte vorher bereits bitterkalte Gegenden, hatte Rentiere in Norwegen und Mammutstoßzahnjäger in Sibirien fotografiert. Doch nichts davon bereitete ihn auf diese Reise vor: "Es ist kein Spiel - das ist wirklich gefährlich."

Umgerechnet rund 500 Euro verdienen die Männer für eine Strecke, doch das ist laut Chapple nicht ihr einziger Ansporn. Er sagt, sie lieben die Herausforderung. Nur dank ihres Mutes, können die Regale in kleinen Dörfern wie Belaya Gora auch im Winter gefüllt werden.

Nachdem die Männern wieder sicher nach Jakutsk zurückgekehrt waren, bereitete sich Ruslan auf eine letzte Fahrt vor dem Auftauen des Eises vor. Chapple lehnte das Angebot mitzukommen höflich ab - noch einmal wollte er das Risiko nicht eingehen.



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