Sprache und Etikette "Sagen Sie nie zu früh Amigo"

Schon bei der Anrede kann alles schiefgehen: Fremdsprachen im Beruf führen oft geradewegs ins Fettnäpfchen. Im Interview verrät Sprachforscher Horst Simon die typischen Fallen und gibt Tipps, wie man unfallfrei durch die meisten Begrüßungsrunden kommt.

"Hi Johnny" - nicht immer die richtige Begrüßung beim Businessmeeting
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"Hi Johnny" - nicht immer die richtige Begrüßung beim Businessmeeting


KarriereSPIEGEL: Herr Simon, Sie waren gerade auf einer internationalen Konferenz: Wie spricht man die Kollegen aus anderen Ländern an, ohne ins Fettnäpfchen zu treten?

Simon: Das hängt von der Branche ab. Sprachwissenschaftler und Informatiker sind da eher locker, Juristen legen auf Status viel mehr Wert. Der grundlegende Rat ist: Erst mal zurückhalten und beobachten, wie's die anderen machen. Genau das Gleiche gilt, wenn zwei Deutsche sich zuerst auf Englisch kennenlernen.

KarriereSPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Simon: In einer englischsprachigen Runde am Rande einer Konferenz ist man schnell beim Vornamen. Aber wenn man sich eine Stunde später wieder trifft, eiert jeder rum. Also offensiv sagen: Vorhin waren wir "Hans" und "Maria" - sind wir jetzt per du? Wenn das ein Aufsichtsratsmitglied ist, geht das natürlich nicht. Meine Strategie sind Grinsen und Selbstironie, nach dem Motto: "Wir sind Siezer, oder"?

KarriereSPIEGEL: Von Ironie sollte man ja bei Fremdsprachen besser die Finger lassen. Was ist denn die größte Fehlerquelle für Deutsche, die auf Englisch Geschäfte machen?

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Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten
Simon: Deutsche fallen immer auf, weil sie das Informelle im US-Englischen missverstehen. Sie übergeneralisieren sofort - und geraten von der deutschen Formalität ins andere Extrem. Denn einerseits ist man im amerikanisch geprägten Raum auch in E-Mails schnell beim Vornamen. Andererseits empfinden es Muttersprachler beim Erstkontakt als unprofessionell, wenn man sie sofort mit "Hi Johnny" anredet. Besser in E-Mails zunächst Vor- und Nachnamen benutzen, inklusive Titel. Steht in der Antwort: "Best wishes, Elizabeth", ist das das Signal: Ab jetzt ist der Vorname okay.

KarriereSPIEGEL: Apropos Titel: Wie hält man's damit bei persönlichen Treffen?

Simon: Auf Englisch den Titel vor dem Namen weglassen, geht gar nicht. Einfach nur Mr. Sowieso zu sagen ist ein echter Fauxpas. In der Wirtschaft ist das auch bei uns wichtig, um Kompetenz zu demonstrieren: Wie viele Buchstaben hast du vor oder, in englischsprachigen Ländern, hinter dem Namen? Aber bitte nicht übertreiben - wenn man auf Titeln beharrt und den Schritt zum Vornamen nicht schafft, ist man sofort der verkniffene Deutsche.

KarriereSPIEGEL: Das ist ja fast so schlimm wie in Österreich.

Simon: Dort sind Titel wirklich wichtig. Und längst nicht nur Doktortitel. Man sollte auch Frau Magister sagen oder Herr Hofrat. Das Erstaunliche: Trotz aller Titelfreudigkeit duzen sich die Österreicher häufiger als Deutsche. Und zwar vor allem auf Ämtern und in Ministerien. Das klingt dann so: "Du, Dr. Müller!" Es ist eine alte k.u.k.-Anrede, die hat überlebt. Im Gemüseladen geht das natürlich nicht. Die Devise für Nicht-Österreicher lautet: nicht wundern, aber auch nicht mitmachen.

KarriereSPIEGEL: Gut zu wissen. Kann man Duzen auch missverstehen?

Simon: Im Spanischen schon. Im europäischen Spanisch gibt es etwa als Höflichkeitsform "usted", das entspricht unserem "Sie". Aber in Südamerika hat "usted" manchmal den informellen Rang von "Du". Dort nutzt man andere formelle Anreden, in Kolumbien etwa "sumercé", das kommt von "Euer Ehren". Kurz: Wenn also einer in Europa Spanisch gelernt hat, in Südamerika angemessen formell sein will und "usted" sagt, wird er vielleicht für unhöflich gehalten.

KarriereSPIEGEL: Und was ist mit einem lockeren "Hey, Amigo"?

Simon: Das ist schwierig. Kommt auf die Zwischentöne an. Wenn ich das zu früh sage - hält der mich dann noch für einen vertrauensvollen Geschäftspartner? Da muss man manchmal etwas rumlavieren.

KarriereSPIEGEL: Haben wir solche innerdeutschen Anrede-Fallen eigentlich auch?

Simon: Ja - zwischen Ost und West, aber das ist eine Generationenfrage. Alle, die noch in der DDR sozialisiert wurden, tragen die alte Anredekultur in sich. Das hängt mit der Politik zusammen: Das Genossen-Du ist ja eine linke Tradition, so war das auch unter SED-Mitgliedern. Leute, die nicht in der Partei waren, wollten das betonen - indem sie konsequent siezten. Bis heute halten sie länger am Sie fest, wenn sie jemanden neu kennenlernen, als etwa in Westdeutschland üblich wäre.

KarriereSPIEGEL: Wie wechsele ich die Ebenen zwischen Sie und du denn möglichst elegant?

Simon: Ganz einfach: "Übrigens, ich heiße Horst." Oder eben: "Muss ich jetzt echt Sie sagen?" Im Polnischen benutzen sie das deutsche Wort "Bruderschaft" für dieses Ritual, dann trinkt man was und gibt sich Küsschen.

KarriereSPIEGEL: Und was, wenn ich nicht will? Kann ich ablehnen?

Simon: Das ist eigentlich nicht üblich, auch bei uns nicht.

KarriereSPIEGEL: Wir sind ja aber nicht die Einzigen, die das Siezen und Duzen genau nehmen. Die Franzosen lieben ihr "vous" und "tu" doch auch.

Simon: Aber Frankreich ist deutlich konservativer. Das sieht man daran, dass das "Hamburger Sie" sehr weit verbreitet ist, also: Vorname und Siezen. Und zwar auch unter Gleichrangigen und Kollegen, die sich gut kennen. Selbst Jüngere haben mich in Pariser Hausfluren schon mit "vous" angeredet. Wenn ich in Kreuzberg schlecht rasiert rumlaufe, passiert mir das nicht so oft.

KarriereSPIEGEL: Gibt es Kulturen, die es mit Formalien nicht so eng sehen?

Simon: Na, die Amis machen schnell einen auf "Solidarity" und klopfen einem auf die Schulter. Sie nennen einen "buddy", stellen sehr direkte Fragen und erzählen, was man eigentlich gar nicht wissen möchte. Wir hingegen empfinden das eher als distanzlos.

KarriereSPIEGEL: Auf Geschäftsreise in Frankreich machen die sich damit sicher sehr beliebt.

Simon: Ja, das ist das komplette Gegenteil. Aber auch in England! Als ich in London unterrichtet habe, schrieb ein US-Kollege eine Rundmail an unser Institut und stieg ein mit den Worten: "Howdie, guys". Einer, der ihn kannte, beruhigte alle: Nehmt's nicht so persönlich, der ist immer so. Aber ehrlich: Nimmt man all das ernst, macht man's falsch.

KarriereSPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Simon: Klare Regeln, die mir sagen, was zu tun ist, gibt es nicht mehr. Diese Sprachregeln haben sich in den vergangenen 50, 60 Jahren stark aufgesplittert.

KarriereSPIEGEL: Aber in Schweden scheint doch alles glasklar. Wir wissen ja von Ikea: Die duzen sich alle.

Simon: Ja, das ist das Klischee - aber es ist gar nicht so. Schweden neigen im Gegenteil stark dazu, direkte Anreden zu vermeiden. Und das Land erlebt gerade eine Renaissance der Höflichkeitsform. Ausgerechnet bei den Schweden, dem sozialdemokratischsten Land der Welt, ist die Ideologie des "Wir haben uns alle lieb" der fünfziger und sechziger Jahre massiv auf dem Rückzug. Das Gleiche beobachte ich übrigens auch bei uns.

KarriereSPIEGEL: Es wird nicht mehr geduzt?

Simon: Ja, die Leute siezen mich heute deutlich häufiger als früher.

KarriereSPIEGEL: Ähm - vielleicht liegt es daran, dass Sie älter geworden sind und graue Haare haben?

Simon: Hm, möglich. Aber ich bin neulich auf dem Markt extra stehen geblieben und habe beobachtet, wie der Verkäufer die anderen Kunden anspricht. Er hat wirklich alle gesiezt.

  • Das Interview führte KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Haeming (Jahrgang 1978), freie Journalistin in Berlin.



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insgesamt 107 Beiträge
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Seite 1
Lexx 17.06.2013
1.
Ich hasse dieses Siezen. Es schafft nur unnötig Distanz und alle machen es nur, weil es davor auch gemacht wurde. Mir macht es keinen Spaß zu überlegen ob ich mit einer Person schon per du bin oder noch nicht...
gertrud.kanu 17.06.2013
2.
Ich dagegen hasse das Duzen von Leuten, die ich nicht kenne. Ich will einfach nicht mit jedem auf einer so kumpelhaften Ebene sein.
danielc. 17.06.2013
3. Unsicherheit bleibt
Der Beitrag hat mich nicht weiter gebracht, sondern mir nun Zusätzlich mehr Unsicherheit innerhalb des deutschen Sprachraums vermittelt. Vielen Dank! Ich kehre zurück zur alten Anrede für Höhergestellte und wende wie im Englischen die Anrede "IHR"an. Mal sehen, was passiert...
Robert A. C. 17.06.2013
4.
Zitat von LexxIch hasse dieses Siezen. Es schafft nur unnötig Distanz und alle machen es nur, weil es davor auch gemacht wurde. Mir macht es keinen Spaß zu überlegen ob ich mit einer Person schon per du bin oder noch nicht...
Das steht Ihnen frei. Wenn Sie sich allerdings herausnehmen, mich zu Duzen, dann landen blitzschnell auf meiner Blacklist. Und das bedeutet, dass ich Sie auch vor versammelter Mannschaft ignoriere. Ich bin übrigens gebürtiger Brite und einer der größten Missverständnisse ist, dass wir Briten wegen des Fehlens eines formellen "Sie" nicht doch sehr fein abgestufte Anreden haben. Z.B. reden sich wirklich gute Freunde nur mit dem Nachnamen an. Und mir macht es keinen Spaß, wenn irgendein intellektueller Tiefflieger meint, die soziale Distanz zwischen uns ignorieren zu können.
AlexBauer1981 17.06.2013
5.
Zitat von LexxIch hasse dieses Siezen. Es schafft nur unnötig Distanz und alle machen es nur, weil es davor auch gemacht wurde. Mir macht es keinen Spaß zu überlegen ob ich mit einer Person schon per du bin oder noch nicht...
Und, was ist daran falsch? Warum sollte ich jemand (zu) schnell der persönliche/freundliche DU anbieten, wenn ich es nicht möchte? Die Gefahr ist doch auch - z.B. bei einem Streit - dass es zu schnell eskaliert. Weil eins ist auch klar und erwiesen, "Du A....loch" sagt sich wesentlich schneller und einfacher als "Sie A....loch". Ich finde, dass auch in der heutigen Zeit gewisse Höflichkeits- und Respektformen gewahrt werden müssen und bei entsprechend respektvoler Erziehung keine Probleme bereiten sollten.
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