Deutsche Forscherin in der Antarktis Nur vier Minuten duschen - pro Woche

Seit elf Monaten erforscht Raffaela Busse, 28, Lichtteilchen in der Antarktis. Hier erzählt sie von einem halben Jahr ohne Sonne, abgelaufenen Konserven - und der Angst, bei einem Spaziergang zu erfrieren.

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"Die Antarktis ist die menschenfeindlichste Umgebung auf dem Planeten. Ohne Schutzkleidung könnte man hier nur wenige Minuten überleben. Trotzdem ist für mich ein Traum in Erfüllung gegangen, als ich die Zusage bekommen habe, 13 Monate auf der Amundson-Scott-Station am Südpol zu verbringen. Die Antarktis ist die letzte größtenteils unerforschte Landmasse der Erde - das zieht mich als Wissenschaftlerin natürlich an.

Zur Person
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    Raffaela Busse, Jahrgang 1990, ist Astroteilchenphysikerin an der Uni Münster. Von November 2017 bis Dezember 2018 lebt sie auf der US-amerikanischen Amundsen-Scott-Station. Hier ist sie an einem Forschungsprojekt beteiligt, bei dem mit Sensoren nach Lichtteilchen in kilometertiefem Eis gesucht wird. Ihre Aufgabe ist es, hunderte Computer 24 Stunden am Tag am Laufen zu halten.

Nun sind schon elf Monate vorbei, von denen ich ein halbes Jahr lang keine Sonne gesehen habe. In dieser Zeit ist immer Nacht, man sieht den ganzen Tag lang nur die Sterne, den Mond und Polarlichter. Eine so lange Zeit in Dunkelheit zu verbringen, schlägt manchmal aufs Gemüt. Wir bekommen zwar Vitamin-D-Zusätze, um die ganz schweren Entzugserscheinungen wie Depressionen zu vermeiden, aber mit echtem Sonnenlicht kann das natürlich nicht mithalten.

Ich bin auf der Forschungsstation ein sogenannter Überwinterer, verbringe also nicht nur den Sommer, sondern auch den Winter hier. Dieser dauert am Südpol von Ende Februar bis Anfang November. In dieser Zeit landen keine Flugzeuge, weil das in absoluter Dunkelheit und extremer Kälte fast unmöglich ist. Niemand kann die Station also verlassen, wir sind komplett isoliert.

Raffaela Busse in Schutzkleidung
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Raffaela Busse in Schutzkleidung

Aber daran habe ich mich bereits ebenso gewöhnt wie an die Temperaturen. Am kältesten war es am 12. Juli. An diesem Tag hatten wir minus 75 Grad Celsius. Im Sommer kann es bis minus 20 Grad Celsius werden. Trotz der Kälte versuche ich, jeden Tag rauszugehen, auch wenn es nur ein kleiner Spaziergang ist. Bei gutem Wetter, wenn es windstill ist, kann ich es eine Stunde draußen aushalten. Aber ich muss mich die ganze Zeit bewegen und mir die Handschuhe mit chemischen und elektrischen Handwärmern vollstopfen.

Wer sich bei Wind und schlechten Sichtverhältnissen draußen verläuft, hat trotz Funkgerät und Notrufsystem schlechte Chancen, denn bei gefühlten Windtemperaturen von minus 100 Grad Celsius ein Funkgerät zu bedienen, ist nicht einfach. Man muss mindestens eine Schicht Handschuhe ausziehen und dann werden die Finger vor Kälte schnell taub.

Wenn ich die Station verlasse, trage ich am ganzen Körper Schutzkleidung, nur um die Augen herum bleibt immer ein Spalt offen. Wenn der Wind zu stark weht, sollte man nicht raus. Denn dann kann die Haut in dem ungeschützten Bereich schon nach kurzer Zeit geschädigt werden, sie verbrennt quasi vor Kälte, und das ist sehr unangenehm. Es bringt auch nichts, eine Skibrille aufzusetzen; die beschlägt sofort und friert zu.

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Aber wenn das Wetter gut ist und ich frei habe, kann ich draußen Fotos und Zeitraffer-Aufnahmen vom Nachthimmel machen. Bei schlechtem Wetter schreibe ich in meiner Freizeit für meinen Blog oder stricke dämliche Mützen für meine Kollegen. Oft sitze ich im Gewächshaus und genieße das kleine bisschen Luftfeuchtigkeit, das wir sonst nirgendwo auf der Station haben. Ich helfe manchmal in der Küche aus oder wir spielen Gesellschaftsspiele oder auch mal eine Runde Badminton.

Die Station ist nämlich ziemlich groß. Neben der Sporthalle gibt es einen Trainingsraum, einen Musikraum und eine Bibliothek. Den Sommer verbringen bis zu 200 Menschen hier, im Winter sind wir aber nur 40. Jeder hat sein eigenes Zimmer, wir können uns auch ganz gut aus dem Weg gehen, was nicht unwichtig ist: Nach so langer Zeit mit denselben Menschen regt man sich nämlich schon manchmal über komplett belanglose Kleinigkeiten auf, zum Beispiel, wie jemand lacht oder sein Essen kaut.

"Wir feiern zweimal Weihnachten im Jahr"

Wir müssen uns hier ganz schön einschränken, zum Beispiel darf jeder nur vier Minuten pro Woche duschen. Auch beim Essen müssen wir auf vieles verzichten. Wir haben zwar ein Gewächshaus, in dem wir ein bisschen Gemüse und Salat anbauen. Bis vor ein paar Wochen hatten wir auch noch Eier, aber jetzt essen wir hauptsächlich Tiefgefrorenes und Konserven. Manchmal sind die Lebensmittel sogar schon ein paar Jahre abgelaufen. Wir essen auch abgelaufenes Müsli und trinken abgelaufenen Pulverkaffee oder benutzen Zahnpasta, die über dem Verfallsdatum ist, aber das Zeug wird ja nicht wirklich schlecht. Bis jetzt ist noch niemand krank geworden.

Falls das passiert, sind wir medizinisch gut versorgt. Wir haben hier eine kleine Klinik und zwei Ärzte, die auch operieren können. Bei einem lebensbedrohlichen Ernstfall muss die Person ausgeflogen werden - das nennt sich "med-evac". Dafür müssen die Wetterbedingungen allerdings so perfekt sein, dass ein kleines Flugzeug hier im Dunkeln landen kann. Das kann manchmal Wochen dauern. Ein paar Mal gab es schon Notfälle, aber diesen Winter glücklicherweise noch nicht. Alle Überwinterer müssen sich vor ihrer Reise einer sehr ausführlichen medizinischen und psychologischen Untersuchung unterziehen, um genau diesen Fall möglichst zu vermeiden.

Am meisten vermisse ich hier meine Familie, Freunde von zu Hause und unseren Hund. Aber da wir für ein paar Stunden am Tag Internet haben und manchmal sogar telefonieren können, ist das Heimweh nicht allzu schlimm. Um die Moral auf der Station hochzuhalten, sind Feiertage und Feste für uns sehr wichtig. Wir feiern sogar zwei Mal Weihnachten, einmal im Dezember und einmal im Juli. Meinen Geburtstag habe ich vor Kurzem auch so begangen, wie ich es zu Hause machen würde: mit Musik, Bier und meinen Freunden - also den anderen 39 Leuten hier."



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
bolonch 14.09.2018
1. Faszinierend
Ein wirklich spannender Artikel und die Fotos der Polarlichter sind absolut großartig. Fehlt nur noch der Link zu Frau Busses Blog.
sverris 14.09.2018
2.
"Nur vier Minuten duschen - pro Woche" Also etwa sieben mal 35 Sekunden. Das reicht i.d.R. völlig.
nasodorek 14.09.2018
3.
Zitat von bolonchEin wirklich spannender Artikel und die Fotos der Polarlichter sind absolut großartig. Fehlt nur noch der Link zu Frau Busses Blog.
http://nechnif.net/17_antarctica.html War in diesem ominösen Internet nicht schwer zu finden.
Marakai 14.09.2018
4. Verwöhntes Balg!
Damals, November 2003, da war die neue Station noch unfertiger Neubau. Der Dom stand noch und ich musste in einem der "hypertats" hausen (mehr Zelt und Wohnwagen als feste Unterkunft). Die kids heute wissen ja nicht, wie gut sie es haben! Aber im Ernst, ich würde diverse Gliedmassen opfern um noch einmal hinzu dürfen. Davon wird die junge Frau ein Leben lang zehren und ich gönne es ihr.
Marakai 14.09.2018
5.
Zitat von sverris"Nur vier Minuten duschen - pro Woche" Also etwa sieben mal 35 Sekunden. Das reicht i.d.R. völlig.
Generell 2 mal die Woche 2 Minuten. Fühlt sich einfach besser an dann auch mal einfach heisses Wasser über den Körper laufen zu lassen. Es ist in Worten schwer zu beschreiben wie kalt einem wird, selbst wenn draussen gleissender Sonnenschein herrscht.
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