Anwerbung im Osten Wie Pawel in den Cottbusser Kaufhof kommt

2004 schotteten sich Deutschland und Österreich gegen osteuropäische Arbeiter ab. Seit 1. Mai sind diese Schranken weg - und schon läuft die Anwerbung von Fachkräften aus Polen und Tschechien auf vollen Touren. Vor allem in den Grenzgebieten sollen so Lücken geschlossen werden.

AFP

"Wir haben einige hundert Jobs, für die wir Leute benötigen", sagt Christian Mitterdorfer. Auf einer Jobbörse im polnischen Breslau sucht der Österreicher nach qualifizierten Arbeitskräften. Aus Angst vor einem Ansturm billiger Arbeitskräfte aus dem Osten hatte Österreich wie Deutschland nach der Erweiterung der Europäischen Union im Jahr 2004 die Grenzen für arbeitswillige Ost- und Mitteleuropäer zunächst dicht gemacht. Doch nun, sieben Jahre später, wird mit dem Inkrafttreten der vollen Arbeitnehmer-Freizügigkeit der vielzitierte polnische Klempner direkt in seinem Heimatland abgeholt.

Seit dem 1. Mai können sich Menschen aus den acht EU-Staaten Polen, Tschechien, Slowakei, Slowenien und Ungarn sowie aus Lettland, Litauen und Estland zum Arbeiten in Deutschland und Österreich niederlassen. Auch die Schweiz hat zum Monatswechsel ihren Arbeitsmarkt geöffnet.

Aus diesem Anlass präsentieren Mitterdorfer und seine Kollegen aus Deutschland und der Schweiz ihre Arbeitsplatzangebote mitten in Breslau. "Wir brauchen vorwiegend Leute aus der Baubranche, Metallindustrie und Elektroindustrie", sagt Mitterdorfer. In der Region Vorarlberg gebe es zu wenig Fachkräfte, er suche deshalb Maurer, Metallbauer, Dreher, Schlosser und Gas-Wasser-Heizungsinstallateure.

"Polen gehen so fröhlich auf die Menschen zu"

"Wir haben momentan ein enormes Wachstum, kommen aber bei der Suche nach qualifizierten Mitarbeitern in Deutschland nicht nach", klagt auch Sandra Titkemeier vom deutschen Spielhallenbetreiber Merkur-Spielothek. "Die Polen sind sehr qualifiziert", sagt sie und lobt vor allem die Aufgeschlossenheit der Polen. "Sie gehen so offen und so fröhlich auf die Menschen zu."

Auch die Handelskammer in Cottbus ist dazu übergegangen, jenseits der polnischen Grenze nach Spezialisten für ihre Unternehmen zu suchen. Sie hat dabei vor allem junge Leute im Auge, denen sie Praktika anbietet. Der 19-jährige Pawel Konieczka macht im polnischen Zielona Góra (Grünberg) eine kaufmännische Ausbildung und absolviert dazu ein Praktikum im Cottbusser Kaufhof. Dort berät er in noch etwas zögerlichem Deutsch Kunden beim Kauf von Kühlschränken und Mikrowellen. "Aber es ist sehr aufregend, ich bin zufrieden", bekundet er.

Die Kaufhof-Personalchefin Maxi Becker hat drei polnische Praktikanten eingestellt. Zum einen zähle das Kaufhaus mehr und mehr polnische Kunden, zum anderen gebe es angesichts des Bevölkerungsschwunds in Brandenburg immer weniger Bewerber für Ausbildungsplätze, sagt sie.

Mit einem Arbeitsplatz im Ausland verbinden viele Polen die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Denn selbst wenn die Wirtschaft des Landes blüht, sind laut Statistik in Polen 13 Prozent der Menschen im arbeitsfähigen Alter ohne Job. Und die Arbeitslosigkeit trifft vor allem junge Menschen. Die Bundesregierung rechnet zumindest kurzfristig mit rund 100.000 Zuwanderern aus Ost- und Mitteleuropa pro Jahr.

"In Polen sind die Löhne niedrig und die Preise hoch", sagt der 20-jährige Mechaniker Michal Barwicki, der sich auf der Jobbörse in Breslau nach einem Arbeitsplatz umschaut. Er will mit seiner Freundin zum Arbeiten ins Ausland. "Nicht in der Hoffnung auf das große Geld, sondern um normal zu leben."

afp/mamk

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
makutsov 03.05.2011
1. Wegnehmen
Bei aller Angst vor billigerer Konkurrenz sollten wir nicht vergessen, dass die ärmeren Länder intelektuell ausbluten. Jeder, der was kann, geht weg. Das dürfte für die Zukunft gigantische Probleme heraufbeschwören. Dann hat man die Zustände aus brandenbrgischen Dörfern im gesamten Ostblock. Und dann gibt es richtig Ärger!
anders_denker 04.05.2011
2. Ist in DE auch so
Zitat von makutsovBei aller Angst vor billigerer Konkurrenz sollten wir nicht vergessen, dass die ärmeren Länder intelektuell ausbluten. Jeder, der was kann, geht weg. Das dürfte für die Zukunft gigantische Probleme heraufbeschwören. Dann hat man die Zustände aus brandenbrgischen Dörfern im gesamten Ostblock. Und dann gibt es richtig Ärger!
Wer was kann geht in die Städte, wirtschaftlich starke regionen oder noch besser ins Ausland. Schuld am deutschen Brain Drain dürfte vor allem auch der zu geringe Gehaltsunterschied zwischen Akademikern und gelerntem Volk sein. Wobei sich auch zunehmend Leute für den weg gen. Osten entscheiden. Weniger fürs Geld, aber für ne Herausforderung, Spass an der Arbeit etc.
skorpianne 06.05.2011
3. De
Zitat von anders_denkerWer was kann geht in die Städte, wirtschaftlich starke regionen oder noch besser ins Ausland. Schuld am deutschen Brain Drain dürfte vor allem auch der zu geringe Gehaltsunterschied zwischen Akademikern und gelerntem Volk sein. Wobei sich auch zunehmend Leute für den weg gen. Osten entscheiden. Weniger fürs Geld, aber für ne Herausforderung, Spass an der Arbeit etc.
Ja was denn nun? "Zu geringer Gehaltsunterschied zwischen Akademikern und gelerntem Volk" oder " Weniger fürs Geld, aber für ne Herausforderung, Spass an der Arbeit "?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.