Apotheker Traumberuf mit Dellen

Wer heute Pharmazie studiert, hat prächtige Aussichten auf einen sicheren Job mit hohem Sozialprestige. Die Schattenseiten: Die meisten Apotheker sind alles andere als Großverdiener, und der Sprung in die Selbständigkeit mit eigener Apotheke ist längst kein Selbstläufer mehr.

dapd

Einst, das waren noch Zeiten, gab es auf dem Land ein klares Prestige-Gefüge. Die Könige der Provinz waren der Bürgermeister und der Richter, der Arzt, der Lehrer, der Herr Pfarrer. Und der Apotheker - immer mittendrin statt nur dabei, hoch geachtet und hofiert. Daran hat sich gar nicht so viel geändert: Noch immer gehören Apotheker zu den Berufen, denen die Menschen am meisten vertrauen. 86 Prozent der Deutschen schenkten Apothekern bei einer Umfrage des Magazins "Reader's Digest" ihr Vertrauen, mehr als den Ärzten, etwas weniger als Feuerwehrleuten, Piloten und Krankenschwestern.

Platz vier und damit ein Spitzenplatz unter den vertrauenswürdigsten Berufsständen, das kann sich sehen lassen. Auf den ersten Blick sind die Perspektiven für Absolventen der Pharmazie auch sonst traumhaft: Ein Arbeitsmarkt mit Vollbeschäftigung, auf lange Sicht eher wenig Nachwuchs und obendrauf noch eine Rentenwelle - so rosig schaut es für angehende Apotheker aus.

Auf den zweiten Blick erscheint der Beruf in einem ganz anderen Licht. Das Gehalt angestellter Apotheker ist im Vergleich zu anderen Berufen mit ähnlich aufwendigem Studium eher enttäuschend. Die Zeiten für eine eigene Apotheke waren lange nicht so schlecht. Und auf dem Land droht bereits das Apothekensterben.

Laut Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) gibt es deutschlandweit 58.000 Apotheker. Gut 12.000 junge Menschen studieren derzeit Pharmazie. Fast alle, so die Erfahrung, werden in den gut 20.000 öffentlichen Apotheken unterkommen - dort arbeitet mit knapp 50.000 Apothekern der Großteil der Branche. Nur wenige Tausend haben Jobs in Krankenhausapotheken, Industrie, Unis oder Verwaltungen.

Bezahlung: Mäßig im Vergleich etwa zu Ärzten

Und die Apotheker in Deutschland sind überaltert: Bis 2020 wird etwa jeder dritte Apothekeninhaber im Rentenalter sein. Werden die angestellten Apotheker eingerechnet, geht laut ABDA in den nächsten zehn Jahren jeder Fünfte in Rente. Der Verband wirbt mit Sprüchen wie "Gesunder Beruf - gesunde Zukunft" um Abiturienten. Denn der Arbeitsagentur zufolge waren 2009 deutschlandweit nur 550 Apotheker arbeitslos. Auch die Studentenzahl wird kaum steigen, weil die Laborplätze begrenzt sind.

Der Sprung ins Pharmaziestudium ist jedoch nicht leicht. Für einen garantierten Studienstart brauchen Bewerber je nach Bundesland eine Abinote zwischen 1,1 und 1,5. Die Stärken der Studenten sollten eher in den naturwissenschaftlichen Fächern liegen; wer eine Niete in Mathe, Biologie oder Chemie ist, hat es schwer. Das Studium an den 22 Unis gilt als hart. Vielen Tagen im Labor schließen sich oft lange Phasen des Büffelns an. Und acht Semester Regelstudienzeit sind erst die halbe Miete - es gilt drei Staatsexamina zu bestehen.

Plötzlicher Reichtum winkt anschließend nicht. Im ersten Berufsjahr gibt es gerade einmal 3088 Euro brutto. Zum Vergleich: Ein Arzt unter 30 Jahren bekommt als Angestellter in einem kommunalen Krankenhaus über 4000 Euro brutto, wie das Statistische Bundesamt errechnet hat. Für Apotheker ist im elften Berufsjahr die höchste Tarifstufe erreicht: 3745 Euro. Der Krankenhaus-Arzt dagegen verdient mit Mitte 40 beinahe doppelt so viel, nämlich 7300 Euro.

Eigene Apotheke wird zum Wagnis

Die Apothekengewerkschaft Adexa sagt, bei den Gehaltssteigerungen der vergangenen Jahre sei der "Verteilungsspielraum sehr gering gewesen" - eine Aussage wie sonst von Arbeitgeberseite. In Apotheken als "frauendominierten Berufszweigen" werden laut Adexa "generell niedrigere Gehälter gezahlt als in männerdominierten Branchen". Und der Beruf ist sehr weiblich geprägt: Etwa 70 Prozent sind Frauen.

Was außer Geld macht den Beruf also attraktiv? "Arbeitsplätze in der Apotheke sind familienfreundlich, wohnortnah und Teilzeitarbeit ist relativ leicht umsetzbar", sagt ABDA-Sprecherin Ursula Sellerberg. Die Gewerkschaft Adexa betont, Filialleiter würden über Tarif bezahlt - dann aber wird die 40-Stunden-Woche in aller Regel klar überschritten, der Gehaltsvorteil ist also relativ. Auch die Öffnungszeiten der Apotheken sind so familienfreundlich nicht.

Bleibt das Modell eigene Apotheke - doch auch das wird zunehmend zum Wagnis: "Unsere Berufsaussichten sind heute eher gemischt", sagt ein junger Apotheker aus dem niedersächsischen Emsland. Nach einiger Zeit als Angestellter wagte er vor kurzem die Selbstständigkeit und kaufte eine ältere Apotheke, zum Preis in der Größenordnung einer Eigentumswohnung. Sein Vater hat im selben Ort seit Jahren eine Apotheke, später soll der Sohn beide weiterführen.

"In der Summe herrscht ja Überversorgung"

"Ich habe die Hoffnung, dass das klappt", meint er. "Aber nur, wenn die Ärztedichte hier so bleibt." Denn Arztrezepte machten knapp drei Viertel seines Umsatzes aus. "Das ist ein üblicher Schnitt in ländlichen Regionen", sagt der junge Apothekenbesitzer. "Ich mache das hier vor allem, weil ich diesen Job immer wollte, weil der Ort aus privaten Gründen stimmt und weil es mit Hilfe meines Vaters eine Perspektive gibt." Beide teilen sich Personal und kaufen gemeinsam ein - "allein hätte ich das nie gewagt, nicht in diesen Zeiten".

In Niedersachsen ist jeder vierte Apothekenleiter 60 Jahre oder älter. Mehr Schließungen seien daher absehbar, sagt die Sprecherin der Apothekerkammer, Anja Hugenberg. Die "starken wirtschaftlichen Belastungen" der Gesundheitsreformen verstärkten diesen Trend.

Aus Sicht von Markus Lüngen vom Institut für Gesundheitsökonomie an der Uni Köln bieten Schließungen auch Chancen. "In der Summe herrscht ja Überversorgung", sagt er. So wie Patienten schon heute einen Hausarzt haben, wäre auch eine zentralere Apothekenstruktur denkbar - so wie in Skandinavien. Eine zentrale "Hausapotheke" könnte auch die Krankengeschichte der Kunden besser verfolgen und effektiver vor Nebenwirkungen warnen. Und noch ein Tabu, zumindest aus Sicht der Apotheker, spricht Lüngen an: Ärzte könnten Arzneien direkt ausgeben.

In Hessen hat die Firma CoBox bereits 15 Video-Apotheken aufgebaut. Dort sprechen Kunden über Bildschirm mit dem Apotheker in der fernen "echten" Apotheke; die bestellten Medikamente kommen per Bote nach Hause. Diese Geschäftsidee scheint Zukunft zu haben. Die Box kostet monatlich etwa so viel wie ein Teilzeit-Apotheker.

Von Heiko Lossie, dpa/jol



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