Crashkurs Arabisch "Der Kühlschrank hat Ferien"

Drei Jahre Sprachunterricht und dennoch nicht verhandlungssicher - Anja Reumschüssel war unglücklich mit ihrem Arabisch. Sie wagte einen Crashkurs. Kommt sie nach diesen drei Wochen nun ohne Dolmetscher aus? Ein Erfahrungsbericht.

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Erstaunlich viele Menschen im Westjordanland sprechen kein Englisch. Als freie Journalistin brauchte ich dort 2011 eine Übersetzerin. Dabei wollte ich doch selbst nachhaken, eigene Fragen stellen, so tief wie möglich in die arabische Kultur einsteigen.

Seitdem lerne ich Arabisch - in Ägypten, Palästina und Deutschland. Ich kann mich auf Arabisch vorstellen, nach dem Weg fragen und mit Taxifahrern den Fahrpreis verhandeln. Für ein Interview reicht es noch lange nicht.

Das soll nicht so bleiben: Die nächsten drei Wochen verbringe ich am Landesspracheninstitut Bochum (LSI) und lerne hoffentlich so viel und so intensiv Arabisch, dass ich danach mühelos mit jedem Taxifahrer plaudern kann.

Tag 1, bekloppt um 23 Uhr

So lange habe ich nicht mal während der Abiturzeit Hausaufgaben gemacht. Schon gar nicht im Urlaub. Irgendwie bekloppt. Und ich muss noch Vokabeln lernen!

Ja, ich bin freiwillig im LSI, einer Art Bootcamp zum Sprachenlernen. Rundherum ein karges Wäldchen, Einfamilienhäuser und Studentenwohnheime. Fünfzehn Minuten Fußmarsch durch den Wald zum nächsten Supermarkt, zwanzig Minuten zur ersten Kneipe, hier gibt es nichts, nur 80 andere Teilnehmer. Und die vage Hoffnung, in zwei bis drei Wochen so viel von dieser exotischen Sprache zu lernen, wie es in drei Jahren mit Privatlehrern und Selbststudium nie gelungen ist. Vollzeit-Unterricht bis 16.30 Uhr - am Samstag bis 12 Uhr. Das muss doch klappen!

Tag 2, schnurrrrende Rrrasenmähermotorrren

Jetzt kommt es raus: Ich kann kein R rollen. Beim Vokabellernen am heimischen PC hat niemand meine Sprachstörung mitbekommen. Aber hier um mich herrrum rrrollen sie wie schnurrrende Rrrasenmähermotorrren. Mein Motor springt nicht mal an. Kehllaute hasse ich besonders. Immer wieder presse ich meine Zunge in den Rachen, um den Laut zu produzieren, den man für zu viele arabische Worte braucht. "Das klingt, als müsstest du kotzen", hatte mein Freund immer wenig charmant gesagt, wenn ich zu Hause Vokabeln geübt habe.

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Junge Sprachschüler: Warum ausgerechnet Arabisch?
Aber im Moment sprechen wir eh nicht viel. Ali und ich brüten über bunten Kärtchen mit Vokabeln, auf denen wir das Wort finden sollen, das nicht in die Gruppe passt. Ali heißt übrigens anders - gleich am ersten Tag sollten wir uns alle arabische Namen geben. Ich heiße für drei Wochen Maryam, fühle mich damit aber noch nicht wie eine Muttersprachlerin. Als Ali und ich die falschen Wörter aussortiert haben, sind die anderen schon lange fertig und beugen sich über Lückentexte. Ich beschließe, abends noch mehr Vokabeln zu lernen.

Tag 3, Suche nach dem Krankenpfleger

Majda, eine besonders geduldige Dozentin, wirft mir einen bunten Ball zu: "Was heißt 'Krankenpfleger'?" Das Ballspiel ist ein Morgenritual, überhaupt spielen wir öfter kleine Spiele, damit sich die fremdartigen und ständig gleich klingenden Worte in unseren Köpfen festkrallen. In der Schule war ich bei Vokabeln eigentlich immer ganz gut. Aber hier brauche ich das Buch aufgeschlagen vor mir. Gefunden! "Mumared", rufe ich. Mission erfüllt, ich werfe den Ball weiter. Und beschließe, abends doch noch mehr Wörter zu üben, um nicht länger spicken zu müssen.

Tag 4, Akkordarbeit im Lernbunker

Ich greife von Übungsblättern zum Wörterbuch und zurück. Jeden Tag füllt sich unser Wortschatz mit 20 bis 30 neuen Vokabeln. So richtig bleiben sie noch nicht hängen, immer wieder muss ich nachschlagen. Es dauert gefühlte zwei Stunden, bis ich die letzten drei Sätze übersetzt habe.

Ich stelle mir vor, wie in jedem der 78 Zimmer in diesem Lernbunker Menschen vor ihren Büchern und Laptops versuchen, sich japanische, arabische, chinesische oder russische Vokabeln in die Köpfe zu hämmern. Die volle Dröhnung. Hierher kommen die, die es wirklich wissen wollen. Die es zum Freiwilligendienst nach Russland zieht, zum Studium nach Korea oder zum Arbeiten nach Iran.

Das LSI hat den Ruf, seinen Schülern in kürzester Zeit eine Sprache einzutrichtern. Sie kommen aus ganz Deutschland, oft noch Studenten, aber auch Anwälte, Geschäftsleute, Hobbylerner.

Tag 5, hysterisches Kichern beim Nachbarn

Neben mir bemalt Makram im Sekundentakt neue Vokabelkärtchen: auf einer Seite arabische Zeichen, auf der anderen Begriffe wie "schön", "gebildet" oder "hohl". Wir lernen Worte, mit denen wir Menschen beschreiben können. "Die Adjektive sind ja ganz leicht, die haben alle den gleichen Plural!", freut sich Makram. Ich erwarte, dass er gleich in hysterisches Kichern ausbricht. Die ersten Anzeichen von Lagerkoller.

Tag 15, fliegende Arme, verzerrte Mimik

Acht Stunden Unterricht und drei Stunden Hausaufgaben täglich, sie sind uns zur Routine geworden. Vokabel-Ballspiel am Morgen, Grammatikeinheit, dann liest uns der Dozent den nächsten Text vor. Dabei fliegen seine Arme, seine Mimik verzerrt sich, manche der Lehrer sind so eifrig, als müssten sie eine Horde Kindergartenkinder in den Bann ziehen.

Nicht nur ich bin dafür dankbar. Wir verstehen viel mehr als durch einfaches Vorlesen, die ersten neuen Vokabeln bleiben besser hängen. Vor allem, wenn die Dozentin dann noch erklärt, dass das Wort für "außer Betrieb" zur gleichen Wortfamilie wie "Ferien" gehört. "Der Kühlschrank hat Ferien." Klingt komisch, so merkt man sich's aber.

Letzter Tag, Träume auf Arabisch

Eine Mitschülerin träumt auf Arabisch. Ich buchstabiere immerhin auch deutsche Worte mittlerweile intuitiv auf Arabisch. Und beim Kochen im Gemeinschaftsraum konjugieren wir aus Spaß Verben. "Das Ziel des Aufbaukurses ist es, dass man keine Angst mehr hat, in einem arabischen Land klarzukommen", erklärt uns Institutsleiterin Michaela Kleinhaus zum Abschluss und empfiehlt, nach dem Kurs kleine Zeitungsnachrichten zu übersetzen, Nachrichten zu hören und natürlich sprechen zu üben.

Das nehme ich mir fest vor. Ich kann zwar immer noch kein R rollen, habe aber die komplette arabische Grammatik durchgearbeitet, rund 500 neue Wörter gelernt, kann in einem arabischen Land einfache Zeitungsartikel lesen oder Interviewpartner suchen.

Nur für das Interview selbst, da brauche ich noch immer einen Übersetzer.

  • privat
    Anja Reumschüssel (Jahrgang 1983) ist freie Journalistin in Hamburg und schreibt unter anderem über den Nahen Osten, Migration und Islam. Seit dem Boot-Camp in Bochum lernt sie in Hamburg mit einer syrischen Familie im Sprachtandem weiter Arabisch. Die müssen nur manchmal lachen, wenn das gerollte Rrrrr wieder nicht funktioniert.

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flushbush 11.02.2015
1. Humorvoller Artikel
Hatte als kleiner Junge bis ich 10 Jahre alt war gut Arabisch gesprochen, gelesen aber danach leider mit der zeit das meiste vergessen. immer wieder mal angefangen es neu zu lernen, bin aber immer wieder dann gescheitert wenn ich das arabische alphabet lernen muesste, wie man ein vokal am anfang, mitte oder ende des wortes malen sollte. Zu alt zum lernen :-(
Layer_8 11.02.2015
2. Jaja
Die unregelmäßigen Verben :D Die Schrift lernen und Nominalsätze formulieren ist aber relativ einfach. Und prinzipiell ist das auch eine ziemlich logisch aufgebaute Sprache. Bei den verschiedenen Dialekten ist es auch so, dass ein Marokkaner und ein Jordanier sich eigentlich nur schriftlich unterhalten können. Verstehen tun alle aber ägyptisch, weil von dort die meisten Filme kommen.
bismarck_utopia 11.02.2015
3.
Es ist ein Witz zu glauben, dass man in drei Wochen eine von den europäischen Sprachen so weit entfernte Sprache bis zur Verhandlungssicherheit lernen könnte. Noch skurriler ist der Versuch, dies mit Lernprogrammen auf eigene Faust erreichen zu wollen. Und was waren das für Privatlehrer, die das Problem mit dem rollenden R die ganzen Jahre nicht bemerkt haben? (Tips zum rollenden R übrigens: http://www.arabisch.tv/magazin/artikel/das-r-richtig-rollen.php) Beim Lesen des Artikels kam mir der Verdacht auf, dass diese Privatlehrer aber ohnehin recht selten in Anspruch genommen wurden. Die einzige Lösung ist, bei eine(r) bewährten Sprachlehrer(in) über mehrere Jahre hinweg mehrmals pro Woche zu lernen, oder ein mehrmonatiger Vollzeitsprachkurs in einem arabischen Land.
minsk60 11.02.2015
4. Arabisch
Wenn die Autorin Interviews im Westjordanland führen will, wird sie ja den palästinensischen Dialekt lernen müssen und nicht die Schriftsprache. Diese beiden Formen unterscheiden sich erheblich. Der Nachteil bei Dialekt ist, daß dieser nur schwach normiert ist und er normalerweise auch nicht geschrieben wird. Das einzige was wirklich hilft ist eintauchen, also im Westjordanland eine längere Zeit (mehrere Monate) in einem ausschließlich arabischsprachigen Umfeld leben. Dies war der Autorin, da sie ja sicherlich längere Zeit in der Gegend war, aber wohl nicht so ganz nach dem Geschmack. Habe selbst Islamwissenschaft studiert und danach war mir auch nicht. Habe aber immerhin, unter steter Zuhilfenahme von Wörterbüchern, gelernt, komplexe historische Texte zu verstehen.
forumgehts? 11.02.2015
5. Es ist wie hier:
Das sogen. Hochdeutsch ist nur eine Sonderform der Dialekte. Wenn sich zB ein Saudi mit einem Marokkaner unterhält, dann könnten die oft auch einen Dolmetscher gebrauchen. Wie Bayer und Preiss!
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