Mein Leben als Zollbeamtin Krokodilköpfe und Schlangen

Sie guckt in Container und macht Häkchen auf einer Liste: Beim Zoll fällt viel Routinearbeit an, erzählt eine Beamtin. Aber dann gibt es doch immer wieder diese Tage, an denen sie ihren Augen kaum traut.

Zollbeamtin am Frankfurter Flughafen (Symbolbild)
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Zollbeamtin am Frankfurter Flughafen (Symbolbild)

Aufgezeichnet von Sarah Wiedenhöft


Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Mit meinem Beruf kann ich zumindest Eindruck schinden. Wenn ich erzähle, dass ich beim Zoll arbeite, sind die meisten Leute beeindruckt: "Wow, mit Hunden Drogen suchen und so? Das ist bestimmt total spannend!" "Schön wär's", denke ich dann.

Als Kind habe ich mir den Job des Zollbeamten auch aufregend vorgestellt. Mit meinen Eltern guckte ich abends im Fernsehen die Serie "Schwarz Rot Gold". Die Beamten liefen darin ähnlich wie Polizisten mit Spürhunden herum, fanden Drogen, geschmuggelte Zigaretten und tibetische Schätze. Sie deckten Menschenhandel und Spionage auf.

Ich arbeite in der Abfertigung. Ich schaue mir am Computer die angemeldeten Waren an und überprüfe dann, ob sie auch tatsächlich transportiert wurden. Dazu gehe ich raus zu den Containern, schaue hinein und hake den Inhalt Stück für Stück auf meiner Liste ab. Dann gehe ich wieder an den Schreibtisch und protokolliere. Über 90 Prozent meiner Arbeitszeit sitze ich am Computer. Wenn ich als junger Mensch gewusst hätte, wie monoton mein Arbeitsalltag sein würde, hätte ich mich vielleicht für einen anderen Beruf entschieden.

Ich begann mit 1800 Mark netto

Nach der Schule wusste ich zunächst nicht so genau, was ich machen wollte. Ich hätte gern studiert, aber dafür fehlte die Unterstützung meiner Eltern. Ein paar Monate nach dem Abi entdeckte ich eine Stellenanzeige vom Zoll, der dringend Nachwuchskräfte suchte. Es winkten ein sicherer Job mit Verbeamtung auf Lebenszeit und die Möglichkeit eines dualen Studiums. Ich bewarb mich und wurde eingestellt.

Ich begann als Finanzanwärterin mit einem Gehalt von 1800 Mark netto im Monat. Als ich nach drei Jahren Ausbildung zur Beamtin auf Lebenszeit ernannt wurde, musste ich per Eid schwören, dass ich der Bundesrepublik Deutschland dienen werde.

Natürlich habe ich mich nach Alternativen umgeschaut, als ich feststellte, wie monoton der Job sein kann. Als ich 25 war, hätte ich zu einem renommierten Hamburger Unternehmen in die Zollabteilung wechseln können, mit guten Aufstiegschancen. Zeitgleich wurde ich jedoch schwanger und blieb dann doch lieber Beamtin. Später, nach der zweiten Schwangerschaft, schrieb ich erneut Bewerbungen. Aber da war ich bereits Anfang vierzig und bekam nur noch Absagen.

Beamtin zu sein bedeutet Sicherheit. Ich wusste bei der Einstellung, wann mein letzter Arbeitstag sein wird. Als junger Mensch fand ich das befremdlich. Viele meiner Kollegen arbeiten aber genau auf diesen Tag hin. Einige haben sogar eine Uhr auf dem PC, die die Zeit bis zur Rente runterzählt.

Krokodilsköpfe und tote Schlangen

Manchmal passiert es schon, dass Dinge transportiert werden, die nicht angemeldet sind oder deren Transport verboten ist. Jagdtrophäen etwa. Einer der bekanntesten Funde bei uns im Zoll ist ein abgetrennter Elefantenfuß, der unangemeldet in einer Kiste verpackt in einem Container transportiert wurde. Auch Taschen mit Krokodilsköpfen und eine große Kiste mit toten Schlangen habe ich gefunden.

Die Absender solcher Güter bekommen eine Strafanzeige. Die Exponate landen meist im Zollmuseum oder als Lehrstücke bei den Lehranstalten des Zolls.

Bisher habe ich es noch nicht erlebt, dass jemand Menschen durch den Zoll schmuggeln wollte. Aber Tiere, die unerlaubt transportiert wurden, habe ich schon oft gesehen. Einmal habe ich über tausend kleine Fläschchen entdeckt, in denen jeweils ein bunter Fisch eingesperrt war. Die Flaschenöffnung war zugeschweißt, die Fische konnten also nicht gefüttert werden und bekamen keinen Sauerstoff. In Asien werden solche Flaschen als Schmuck um den Hals getragen. Wenn der Fisch gestorben ist, wird die Flasche weggeworfen. Gemeinsam mit zwei Kollegen habe ich alle Flaschen geöffnet und die Fische in den Zoo gebracht.

Ich bin jetzt fünfzig und hatte letztes Jahr 30-jähriges Dienstjubiläum. Als Geschenk bekam ich 300 Euro und einen Tag Sonderurlaub. Mit 67 gehe ich in Pension. Derzeit habe ich inklusive aller Zulagen 4000 Euro netto im Monat.

Meine Sorge gilt der nächsten Generation. Denn auch den neuen Azubis wird suggeriert, dass ihr Job total spannend ist. Mit Hunden herumlaufen, Sachen suchen und so weiter. Und am Ende landen die jungen Leute wie ich in der Abfertigung. Denn mit einem Studium und dem anschließenden Einstieg in den gehobenen Dienst ist eine Karriere als Hundeführer gar nicht möglich. Die ist den Angestellten im mittleren Dienst vorbehalten."



insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
Nania 17.11.2017
1.
Ich glaube, viele junge Menschen von heute sind froh, wenn sie so eine Perspektive haben und sich nicht von Befristung zu Befristung (trotz guter Ausbildung) und von Job zu Job hangeln müssen, wenn sie die Möglichkeit haben, eine Familie zu gründen, ein Haus zu bauen und die Sicherheit, auch im nächsten Jahr noch einen Job zu haben. Ich muss sagen, dass ich mich heute dabei erwische zu denken, dass ich auch besser den Lebensweg meines Vaters eingeschlagen hätte, seines Zeichens Beamter im gehobenen Dienst. Dann könnte ich mir nämlich all die Zukunftsunsicherheit ersparen.
flaimysalar 17.11.2017
2. Vielleicht hätte ich
... damals für diese Ausbildung entscheiden sollen. Schade, die Info kommt 20 Jahre zu spät :(. Viele Jobs sind monoton, haben viel Routine, ich glaube es ist eine Illusion wenn man meint, irgendein Job wäre immer aufregend.
zora81 17.11.2017
3. Immer wieder interessant...
Ich lese gerne diese Rubrik. Viele Berufe sind ja letztendlich doch von Routine und Papierkram geprägt. Ein wenig erschreckend finde ich die Aussage, dass Kollegen Rentencountdown-Apps auf dem Computer haben. Ich stelle es mir unendlich frustrierend vor, wenn man von seinem Beruf so angeödet ist, dass man in den letzten 15 Jahren jeden einzelnen Tag herunterzählt. Da möchte ich gar nicht wissen, wie hoch der Krankenstand ist. Aber bei den Beamten geht das ja : ) Zumindest lohnt sich das Durchhalten pensionstechnisch - da denk ich mir immer wie muss es da erst jemandem mit einem monotonen Beruf UND einem niedrigem Gehalt gehen... Interessant fand ich auch die Geschichte mit den Fischkettenanhängern. Die google ich jetzt mal. Vielen Dank für die Einsicht in Ihren Berufsalltag.
spon_2999637 17.11.2017
4.
Zitat von flaimysalar... damals für diese Ausbildung entscheiden sollen. Schade, die Info kommt 20 Jahre zu spät :(. Viele Jobs sind monoton, haben viel Routine, ich glaube es ist eine Illusion wenn man meint, irgendein Job wäre immer aufregend.
Daher machen sehr viele Menschen ihren Job auch nicht für "immer". Ich jedenfalls nicht. Ab und an was neues zu probieren ist nicht verkehrt...
mwroer 17.11.2017
5.
Zitat von flaimysalar... damals für diese Ausbildung entscheiden sollen. Schade, die Info kommt 20 Jahre zu spät :(. Viele Jobs sind monoton, haben viel Routine, ich glaube es ist eine Illusion wenn man meint, irgendein Job wäre immer aufregend.
Ist es - allerdings gibt es Jobs für die man immer was neues lernen muss. Ich habe mich deswegen für den Job als Netzwerk-Administrator entschieden. Laufend neue Techniken, laufend neue Bedrohungen und dabei, wenn man will, immer noch Kontakt mit Menschen. So bleibt der Arbeitsalltag abwechslungsreich. Das allerdings auch nur in kleineren und mittleren Firmen. Ich kenne genug Administratoren in großen Firmen die nur noch die Datenbank betreuen und einfach das gleiche Problem haben wie die Zollbeamtin. Wenn man zwischen Zukunftssicherheit und Routine im Job entscheiden muss ... ja, stelle ich mir durchaus schwer vor. Andererseits, liebe Zollbeamtin, sehen Sie es positiv: Sie haben die Zukunftssicherheit und das bedeutet Sie können beruhigt auch in die Zukunft ihrer Kinder schauen. Sie haben, wie es klingt, geregelte Arbeitszeiten und das bedeutet Sie können sich ein geistig anspruchsvolles Hobby suchen und bezahlen um den vermutlich manchmal langweiligen Job auszugleichen :)
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