Trendwende Wer im Alter noch arbeitet - und warum

Immer mehr Menschen im Rentenalter arbeiten, binnen zehn Jahren hat sich ihre Zahl verdoppelt. Woher kommt das? Wie geht es weiter? Und was muss man beachten, wenn man länger im Beruf bleibt?

Viele Firmen wollen nicht mehr auf die Erfahrung älterer Mitarbeiter verzichten
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Viele Firmen wollen nicht mehr auf die Erfahrung älterer Mitarbeiter verzichten


Mit 65 ist Schluss? Viele Menschen arbeiten noch jenseits des Rentenalters - und ihre Zahl steigt. Waren es 2006 noch rund 483.000, wurden im vergangenen Jahr schon 942.000 gezählt. Damit hat sich die Zahl fast verdoppelt. Und auch der Anteil der Altersgruppe an den Erwerbstätigen stieg in der Zeit, von fünf auf elf Prozent. Das geht aus aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts hervor.

Was bedeuten die Zahlen genau?

Jeder Zehnte zwischen 65 und 74 arbeitet noch. Das klingt dramatischer, als es ist. Denn erwerbstätig nach dieser Zählung ist man schon, wenn man nur eine Stunde pro Woche für Geld arbeitet. Erfasst werden also auch Minijobber, Selbstständige oder Ehrenamtler, wenn ihre Tätigkeit vergütet wird.

Woher kommt der Trend?

Viele Gründe liegen auf der Hand - steigende Lebenserwartung und bessere Gesundheit, nicht zuletzt aber die schrittweise Einführung der Rente mit 67: Wer Mitte 2017 in Rente geht, muss für einen abschlagsfreien Ruhestand bereits 65 Jahre und sechs Monate alt sein. "Ältere sind außerdem noch leistungsfähig und wollen auch noch was tun. Es muss nur entsprechende finanzielle Anreize geben", sagt Hilmar Schneider, Chef am Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA). Früher sei das Gegenteil der Fall gewesen - da habe der Staat 55- bis 64-Jährige eher Richtung Vorruhestand gedrängt. Erst mit der Arbeitsmarktreform 2005 sei damit Schluss gewesen, sagt Schneider. Und je mehr 55- bis 64-Jährige arbeiten, desto mehr kommen auch für ein Weiterarbeiten im Rentenalter infrage.

Warum arbeiten Arbeitnehmer im Rentenalter weiter?

Für 37 Prozent der Erwerbstätigen zwischen 65 und 74 ist die Arbeit laut Destatis wichtigste Quelle des Lebensunterhalts. "Aus unserer Sicht belegen die Zahlen erneut, dass viele Menschen im Ruhestand arbeiten, weil sie mit ihrer Rente kaum über die Runden kommen." Finanzielle Gründe oder die Angst vor Altersarmut können den anhaltenden Trend allein aber noch nicht erklären, sagt Jürgen Deller, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Leuphana Universität Lüneburg. "Für die meisten, die nach dem Rentenalter weiterarbeiten, ist Arbeit einfach positiv besetzt." Ihnen gehe es zum Beispiel darum, soziale Kontakte zu behalten oder sich weiter gebraucht zu fühlen.

Was haben Unternehmen davon?

"Ältere Arbeitnehmer haben ein riesiges Erfahrungswissen, das so schnell nicht zu ersetzen ist", sagt Rudolf Kast, Chef des Demografie-Netzwerks und der Botschafter der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA). Das zeigt auch eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB): Firmen bemühen sich demnach vor allem um ältere Mitarbeiter, wenn es in ihrer Branche einen Mangel an Fachkräften gibt - im verarbeitenden Gewerbe etwa oder im Maschinenbau.

Was tun Unternehmen, um Ältere zum Bleiben zu überreden?

Laut IAB setzen die Unternehmen vor allem auf flexible Arbeitszeitmodelle und generell kürzere Arbeitszeiten - und haben damit großen Erfolg. Wichtig seien darüber hinaus Bildungsangebote, sagt Jürgen Deller. Denn vielen älteren Arbeitnehmern gehe es auch darum, noch nicht zum alten Eisen zu gehören. "Da gibt es ja diverse Möglichkeiten, Fortbildungen oder Tandems mit jüngeren Mitarbeitern zum Beispiel."

Wird der Trend zum Weiterarbeiten anhalten?

Gut möglich. Denn jetzt gehen die Babyboomer in Rente - und die sind nicht nur mehr, sie sind oft auch besser qualifiziert als ältere Generationen. "Sie haben dann interessante Jobs und sind oft relativ gesund", sagt Deller. Voraussetzung ist aber, dass die Arbeitgeber mitspielen. "Noch haben aber nicht alle Unternehmen verstanden, wie wertvoll ältere Arbeitnehmer und ihr Wissen sind", sagt Rudolf Kast.

Wie unterstützt die Politik das Weiterarbeiten?

Seit Anfang 2017 gibt es das Gesetz zur Flexi-Rente für einen leichteren Übergang zwischen Arbeitsleben und Rente und für attraktiveres Weiterarbeiten jenseits der Altersgrenze. Weitere Anreize könnten nach der Bundestagswahl hinzukommen: CDU und SPD wollen die Flexi-Rente prüfen und eventuell verbessern, die Grünen wollen Teilrenten ab 60 attraktiver gestalten. Die AfD fordert Zuverdienstmöglichkeiten für Frührentner ohne Einschränkung der Bezüge. Und die FDP will ein festes Rentenalter ganz abschaffen - und so auch längeres Arbeiten belohnen.

Was muss man tun, um über das Rentenalter hinaus im Job zu bleiben?

Ein Arbeitsverhältnis endet nicht automatisch mit dem Rentenalter. Das ist nur dann der Fall, wenn es eine entsprechende Regelung im Arbeits- oder Tarifvertrag gibt, erklärt Rechtsanwalt Alexander Bredereck. Arbeitgeber und -nehmer können dann aber gemeinsam vereinbaren, den Zeitpunkt hinauszuschieben. Gibt es kein automatisches Ende, läuft der Arbeitsvertrag ohnehin einfach weiter. Für Kündigung, Teilzeit und Befristung gelten in beiden Fällen die üblichen Spielregeln.

Was ist in so einem Fall mit der Rente?

Altersrente gibt es nur auf Antrag. Wer im Rentenalter voll weiterarbeitet, kann daher einfach auf die Bezüge verzichten. Das kann sich lohnen, weil die Rentenversicherung dafür einen Bonus gutschreibt. Ältere Arbeitnehmer können sich ihre Rente aber auch parallel zum Gehalt auszahlen lassen, erklärt die Deutsche Rentenversicherung Bund - ohne Abzüge. Allerdings steigt damit auch das zu versteuernde Einkommen. Beiträge zur Rentenversicherung müssen arbeitende Rentner nicht mehr zahlen. Wer die Rente weiter aufbessern will, kann das aber freiwillig weiter tun.

Ändert sich etwas bei den Abgaben?

Wer arbeitet und gleichzeitig schon eine Altersrente bezieht, zahlt einen geringeren Beitrag zur Krankenversicherung. Dafür gibt es allerdings kein Krankengeld mehr, wenn jemand länger als sechs Wochen ausfällt. Stattdessen kann die Krankenkasse verlangen, dass ältere Arbeitnehmer bei längerer Krankheit den Rentenantrag stellen.

mamk/Tobias Hanraths/dpa

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insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
blabla55 13.07.2017
1.
Ich arbeite noch weil die Rente nicht reicht.66 Jahre.
alsterherr 13.07.2017
2.
Mein Nachbar arbeitet noch (mit 71) weil es ihm Spaß macht, seine Rente ist absolut ausreichend. Er ist Ingenieur, repariert alte Motorräder und bringt Jungs das Schrauben bei.
vantast64 13.07.2017
3. Hier wird weitergearbeitet, weil wir nicht österreichische
Verhältnisse haben, uns die halbe Rente vom Staat gestohlen wird und wir nicht als Beamte alimentiert werden. Auch die Abgeordneten wissen, sich der Rente zu verweigern.
wpdat 13.07.2017
4. Wenn
ich (55) gesund bleibe, werde ich so lange arbeiten, wie es mir möglich ist. Nicht wegen des Geldes, sondern weil ich das, was ich mache, gern mache und meine Arbeit Kopfarbeit ist. Ausserdem bin ich seit einiger Zeit selbsständig. Da spielt das Alter weniger eine Rolle. Eher was ich biete. Und das wird mit der Zeit immer mehr.
trader_07 13.07.2017
5.
Zitat von alsterherrMein Nachbar arbeitet noch (mit 71) weil es ihm Spaß macht, seine Rente ist absolut ausreichend. Er ist Ingenieur, repariert alte Motorräder und bringt Jungs das Schrauben bei.
Ich kenne auch ein paar Senioren, die aus Spaß an der Freud noch ein bisschen arbeiten. Ich finde das sehr positiv - solche Leute bleiben länger fit (auch geistig) und versumpfen nicht vor der Glotze.
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