Arbeiten mit 95 Jahren "Warum ich das noch mache? Ich kann es"

Liesel Gaspar ist 95 Jahre alt - und betreibt ein Tabak- und Schreibwarengeschäft in der Pulheimer Innenstadt. Zu Besuch bei einer Frau, die seit 79 Jahren arbeitet. Und sich erst jetzt Sorgen um die Zukunft macht.

Matthias Lauerer

Zügig gleiten ihre Finger über die Tastatur. Es ist Freitagmorgen, und Liesel Gaspar gibt die Kundenwünsche für das Samstagslotto in den Rechner ein. "Sonst mag ich keine Computer und schreibe auch keine elektronischen Briefe. Das Internet finde ich so hässlich, es stiehlt den Menschen die Zeit", sagt sie. "Aber das hier muss sein."

Eine Lehre oder ein Studium hat Gaspar nie absolviert, sich das nötige Wissen und die Fähigkeiten immer selbst angeeignet. 1936 stieg sie bei einem Rechtsanwalt als Schreibkraft ein und wechselte 1937 zur "Dürener Zeitung": "Die suchten eine neue Sekretärin, weil meine Vorgängerin heiratete. Früher hörte man dann ja auf zu arbeiten."

So startete die damals 16-Jährige in die Arbeitswelt, der sie bis heute angehört. Umgerechnet 75 Euro brutto bekam Gaspar monatlich für ihre Arbeit, doch wenn "Not am Mann war" half sie dem Gesellschaftsredakteur aus. "Ich ging oft zu Abendterminen und sah 1938 den ersten Auftritt des Don-Kosaken-Chors in Deutschland." Zweieinhalb Cent gab es für jede Zeile, die sie schrieb.

1941 folgte sie ihrem Mann, der im Frankreich-Feldzug seinen rechten Arm verlor, nach Wuppertal-Elberfeld, später nach Hamm. Nach dem Krieg landete das Ehepaar im rheinischen Städtchen Pulheim, weil Gaspars Eltern dort noch Land besaßen, der Grundbesitz ist bis ins 16. Jahrhundert datiert. "Der Rest war weg", sagt Gaspar.

"Wir mussten doch leben"

Einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg baute sie mit ihrem Ehemann ein Foto-Atelier auf. Die Eröffnung am 5. Januar 1951 stand unter keinem guten Stern: "Ich wollte den Laden aufschließen, doch der Schlüssel brach im Schloss ab. Der Schmied musste uns dann die Tür aufbrechen", erinnert sie sich. Doch das Malheur tat dem geschäftlichen Erfolg keinen Abbruch, nach und nach vergrößerte sich das Geschäft. Mit dem Fahrrad ging es schon mal zu Kunden, um die gewünschten Fotos mit der Welta-Kamera zu machen. Die hatte einen Linksauslöser, Gaspar besitzt sie bis heute. Die Fotografie sei das Einzige gewesen, was ihr im Krieg verwundeter Mann noch habe machen können. "Wir mussten doch leben", sagt sie.

Wenige Jahre später eröffnete ein weiteres Atelier in der Stadt, die Konkurrenz wurde zu groß. Und wo die Gaspars einst Fotos gemacht hatten, wurden fortan Zeitschriften und Schreibwaren verkauft. Bis heute steht Gaspar jeden Tag im Laden. "Ich kann es - und bin noch rüstig im Kopf", sagte sie.

Unterstützt wird Gaspar von ihrer Tochter und zwei Enkelinnen, ihr Ehemann starb vor vielen Jahren im Alter von 71. Von 8 Uhr bis 18.30 Uhr arbeitet die 95-Jährige im Laden, mittags ist für zwei Stunden geschlossen. Urlaub? Den gönnte sie sich genau zweimal: Mykonos und Italien. Sonst ging es am Wochenende in die Eifel oder in die heimische Sauna.

Fotostrecke

8  Bilder
Altersvorsorge: Lebenslust und Ruhestandsbezüge
1951 fuhr die Geschäftsfrau noch zweimal pro Woche mit dem Zug nach Köln zum Hauptbahnhof, um dort neue Zeitungen und Magazine einzuladen. Zurück ging es mit zwei Taschen im Gepäck. "Die waren so schwer, dass ich immer nur eine auf einmal tragen konnte. Zeitschriften konnte man damals nirgendwo in Pulheim kaufen", erinnert sich Gaspar. Einer ihrer Kunden hatte sie damals auf die Idee mit Köln gebracht.

Zweimal in ihrem Leben war Gaspar ernsthaft krank: 1957 traf sie eine virale Lungenentzündung und vor 14 Jahren eine Nierenbeckenentzündung. Heute ist Gaspar kerngesund - und raucht rund 20 Zigaretten täglich.

Was treibt die 95-jährige bis heute an? "Mir macht die Arbeit immer noch großen Spaß", sagt sie und geht behänden Schrittes zur nächsten Kundin, die eine Zeitungsannonce aufgeben möchte, Gaspar wird sie an die Redaktion weitergeben. Minuten später ist sie wieder im Büro. Der Text bleibt meistens gleich, deshalb "geht es eben so schnell".

"Wir wissen nicht, wie es weitergeht"

Pro Monat bekommt Gaspar 48 Euro gesetzliche Rente: "Ich war ja die meiste Zeit selbstständig." Befragt man sie und ihre Tochter Elke Gaspar-Horst, 72, nach der Zukunft des Geschäfts, so werden beide nachdenklich. "Heute haben wir nur noch ein Drittel des früheren Umsatzes. Das Internet nimmt uns die Kunden weg", sagt Gaspar. "Außerdem kamen früher Eltern und Kinder vor dem Schulstart zu uns und kauften Bücher und Hefte dafür ein. Heute gehen sie lieber zum Discounter."

Tochter Gaspar-Horst ergänzt: "Wir wissen nicht, wie es weitergehen wird. Noch vor fünf Jahren hat meine Mutter gesagt: Ich habe das alles hier aufgebaut, das wird schon weitergehen. Heute sagt sie: Ich weiß es nicht." Dann ruft die Enkeltochter nach ihr. Derweil tut Liesel Gaspar, was sie schon seit 79 Jahren macht: Sie geht zum nächsten Kunden.

  • Matthias Lauerer (Jahrgang 1975) ist freier Journalist. Er hat nach dem Volontariat bei der "Neuen Westfälischen" unter anderem für "Stern" und stern.de gearbeitet.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 49 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Brillalein 02.06.2014
1. Wow.
48 € gesetzliche Rente. ACHTUNDVIERZIG EURO. Nach 79 Jahren Arbeit... SO geht das nicht. Basisrente für alle gleich, die Kirschen obendrauf können sich die Leute selber irgendwie sparen. Und mit Basisrente meine ich NICHT den Hartz IV-Satz, davon kann man nur sterben.
tomrobert 02.06.2014
2. Fuer diese Leute hat der Staat kein Geld
um ihnen eine anständige Rente zu zahlen, aber für alles Andere . Wie ungerecht!
goljirbb 02.06.2014
3.
Zitat von Brillalein48 € gesetzliche Rente. ACHTUNDVIERZIG EURO. Nach 79 Jahren Arbeit... SO geht das nicht. Basisrente für alle gleich, die Kirschen obendrauf können sich die Leute selber irgendwie sparen. Und mit Basisrente meine ich NICHT den Hartz IV-Satz, davon kann man nur sterben.
48 Euro Rente. Wo ist das Problem? Die Dame war ihr Leben lang selbständig und hat anderweitig vorgesorgt. Das sagt sie übrigens selbst: "Ich war ja die meiste Zeit selbstständig." Kein einziges Wort im Artikel deutet daraufhin, dass die Frau wegen wirtschaftlicher Probleme arbeitet oder von Armut bedroht ist. Trotzdem sofort wieder unreflektiertes Grundrenten und H4-Gesülze.
tommit 02.06.2014
4. Meine Grossmutter
Zitat von tomrobertum ihnen eine anständige Rente zu zahlen, aber für alles Andere . Wie ungerecht!
hat das gemacht bis sie 102 war und etwa die selbe Rente. Das resultiert aus 2 Sachen. Die Leute haben als Selbständige in eine andere Absicherung gezahlt, diese Leistungen wurden duch diue Verischerungen mit Begründung der Geldentwertung faktisch als vernichtet angesehen.. dabei hatten die Versicherungen sicher vorher inauch in Gold oder ähnliches investiert.. SPäter zogen dann Vertreter durch Deutschland und veruschten den Abgezpckten nochmal eine Verischerung anzudrehen.. Einer verirrte sich damals auch zu meiner Grossmutter die ehrlich noch wie 60 aussah, als der Vertreter jedoch schnallte dass sie schon 85 war, hat er sich wortreich dünn gemacht.. Hartz4 wäre für diese Leute das Todesurteil.. diese Leute leben durch und mit ihrer Arbeit.. und sind so geprägt dass ein ANtrag auf Hilfe jenseits des Denkbaren liegt (man hat isch immer selbst versorgt).. Tragisch ist dass dann oft solch ein mensch wegen Lapalien ins Krankenhaus eingewiesen wird, dort wir dnur 2 WOchen untersucht, doch das reicht um diese Leute zu einem Pflegefall werden zu lassen... Thema gewohnte Umgebung, Seelische Stabilität... Und Krankengymnastikk an Patienten über 90.. nach 6 Tagen Untätigkkeit kann man das alles getrost vergessen.. Meine Grossmutter wurde nach einer 'erquatschten' Katarakt-OP mit 102 noch 6 Jahre lang gepflegt.. ( ungewohnte Umgebung, geistiger Abbau in Rekordtempo ) Wir überschreiten an vielen Stellen die Grenze vom Fortschritt und Sozialsinn zum Irrsinn.. Manchmal sollte man einfach zurücktreten können, um die Bäume im Wald noch erkennen zu können..... Manchmal ist Fortschritt eben gerade der eine über die Kante der Klippe..
michpama 02.06.2014
5. 48 Euro
Eine Rente von 48 Euro ist ein Witz. Aber so ist das nun mal, wenn man jahrzehntelang infolge von Selbständigkeit nicht in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt hat. Selbständig erwerbende sind in der Eigenverantwortung fürs Alter vorzusorgen. Man kann der Allgemeinheit nicht jahrzehntelang die Unterstützung (Generationenvertrag) vorenthalten und hinterher Leistungen beziehen wollen. Immerhin haben diese Menschen jahrelang die Prämien für die Rentenversicherung "gespart", und jetzt erhält man dafür eben die Quittung. Das ist sehr traurig, aber letztenendes selbstverschuldet. Traurig stimmt mich allerdings, dass solche netten kleinen Läden immer weniger Beachtung finden und unterdessen fast vollständig von der Bildfläche verschwunden sind. Wo immer ich kann, versuche ich solche Läden zu unterstützen, indem ich im Fachhandel vor Ort einkaufe und nicht im Discounter. Für alles (un)mögliche haben die Menschen Geld, aber um die Erhaltung unserer Einkaufskultur schert sich leider kaum jemand. Bewundernswert die Alte Dame, die mit 95 Jahren noch immer hinter ihrem Tresen ihre Waren verkauft, obwohl sie ihren Ruhestand sicher verdient hätte, hätte sie nur entsprechend vorgesorgt...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.