Psychisch krank Wie sag ich's dem Chef?

Wer unter ADHS leidet, wird mit einem Büro-Job oft nicht glücklich. Andreas Müllendorff sprach mit dem Vorgesetzten über seine Hyperaktivität - das half. Aber nicht mit allen psychischen Erkrankungen kann man so offen umgehen.

Von Martina Gauder

Corbis

Andreas Müllendorff, 51, hat im Büro meist einen Einzelplatz - um Ärger zu vermeiden. Er kann nämlich seine Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (kurz: ADHS) nur schwer verbergen. Schon oft hat er die Kollegen mit seinem Redefluss und seiner Hektik von der Arbeit abgehalten, bis sein Chef eingriff und ihn umsetzte.

Mangelnde Produktivität kann man dem gelernten Postdienstleister nicht vorwerfen. So schnell wie er spricht, so schnell arbeitet er: "Oft war ich als erster fertig, dann habe ich die Arbeit der Kollegen mitgemacht", so Müllendorff. "Doch ich wurde dann oft als arrogant wahr genommen."

Vor vier Jahren bekam Müllendorff die Diagnose: Er hat ADHS im Erwachsenenalter. Mittlerweile nimmt er regelmäßig das Medikament Ritalin, das ihn dämpft. Seit er um die Erkrankung weiß, könne er sein Verhalten besser regulieren, findet er - ein wichtiger Unterschied zu ADHS im Kindesalter.

Wie gehe ich im Beruf damit um?

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Jedes Jahr sind 33 Prozent der deutschen Bevölkerung von mindestens einer psychischen Störung betroffen, ergab eine Studie der TU Dresden von 2012. Mehr als ein Drittel aller Patienten hat gleich mehrere Diagnosen, etwa Angststörungen, Suchtproblemen oder Depressionen. Zum Krankheitsbild gehören auch Zwangsneurosen, Panik-Attacken und Medikamenten-Missbrauch. Junge Erwachsene zwischen 18 und 35 Jahren leiden mit 45 Prozent am häufigsten. Mehrfachdiagnosen sind in allen Altersgruppen nicht selten.

Obwohl es so viele betrifft, sind psychische Erkrankungen ein heikles Thema in Deutschland. Für ein gebrochenes Bein hat jeder Verständnis - aber eine psychische Erkrankung? Da gibt es viele Vorurteile. Deshalb haben viele Patienten Angst vor einem Gespräch mit dem Chef: Wie soll ich es ihm sagen? Oder sollte ich doch besser schweigen?

Was dürfen, was sollen die Kollegen wissen?

Carsten Burfeind, Berater für psychische Gesundheit am Arbeitsplatz, rät: "Prinzipiell sollte eine psychiatrische Diagnose sowohl im Bewerbungsgespräch als auch während der Ausübung des Jobs nicht angegeben werden, es sei denn, sie spielt eine wesentliche Rolle für die Arbeitsfähigkeit."

Doch spätestens dann, wenn die Belastung zu groß wird und eine akute Erkrankung droht, sollte der Mitarbeiter einen Termin mit seinem Vorgesetzten vereinbaren. Carsten Burfeind rät: "Der Arbeitnehmer sollte seine Arbeitsbelastungen reduzieren. Im besten Fall wird so ein Erkrankungsausbruch verhindert."

So reagieren Sie als Vorgesetzter richtig

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Beim Chef sollte der Mitarbeiter in "Ich-Botschaften" sprechen: "Ich muss momentan vorsichtig sein, damit ich nicht dauerhaft überlastet bin, und möchte mit Ihnen besprechen, wie wir damit umgehen." So könnte das Gespräch beginnen, sagt Burfeind. Details zur psychischen Erkrankung oder zur Diagnose müssten jedoch kein Thema sein. Hat der Chef Verständnis oder nicht? Letztlich muss wohl jeder Kranke selbst entscheiden, wie weit er sich öffnen will. Und abwägen, ob der Vorgesetzte sein Vertrauen verdient.

Schwieriger ist häufig das Verhältnis zu den Kollegen. Wenn ein akut erkrankter Mitarbeiter seine Probleme am Arbeitsplatz öffentlich macht, fordert er oft viel Rücksicht vom Team. Für die Kollegen bedeutet das in der Regel Mehrarbeit. Sie müssen einspringen, wenn der Kollege mal wieder zu spät kommt oder seine Aufgaben nicht zu Ende bringen kann. Oder sie eben permanent ablenkt.

Für Andreas Müllendorff war irgendwann klar, dass ein Bürojob nicht zu ihm passt. Seine Zukunft plant der passionierte Fahrradfahrer derzeit auf Mallorca. Dort will er in diesem Jahr als Fahrradmechaniker arbeiten. Mit seinem neuen Arbeitgeber hat er über sein ADHS-Problem bereits im Bewerbungsgespräch gesprochen. Er ermunterte den künftigen Chef, ein offenes und ehrliches Gespräch mit ihm zu suchen, falls seine Leistungen nachlassen oder er die Kollegen stört.

Müllendorff freut sich über den Wechsel: "In diesem Job kann ich aus meiner Energie etwas Sinnvolles machen. Ich passe einfach nicht hinter einen Schreibtisch."

  • Martina Gauder (Jahrgang 1983) greift als freie Journalistin psychische Gesundheitsthemen auf und lebt in Berlin.
  • Martina Gauders Website

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insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
hbm-1291214196194 26.01.2015
1. was denn nun?
Überschrift "psychisch krank". dann wird seitenlang über ADHS berichtet. und dann wieder von "psychisch" gefasselt. Ihnen ist aber schon klar, dass ADHS grundsätzlich eine physische Anomalie darstellt? (von krank möchte ich hier nicht reden, ich fühle mich nämlich kerngesund!)
fridagold 26.01.2015
2.
Mit dem Begriff "psychische Krankheit" werfen Sie hier ADHS und Schizophrenie oder Borderline munter in einen Topf, ungeachtet dessen, dass Auswirkungen und Grad der Stigmatisierung völlig unterschiedlich sind. Warum belassen Sie es nicht einfach bei einem Artikel über ADHS, wo Sie doch auf andere Erkrankungen eh nicht wirklich eingehen?
hbm-1291214196194 26.01.2015
3. @FridaGold
Das hätte dann wohl eine Auseinandersetzung mit dem Thema ADHS erfordert, die über Wikipedia hinaus geht. Dann wäre auch klar gewesen, dass bei dem beschriebenen Fall, der mit Ritalin zu "lösen" war ein "echtes ADHS" vorlag, welches seine Ursachen in einer physischen Disfunktion im Gehirn hat. Die Fälle von anerzogenem ADHS schließe ich hier mal aus - aber ansonsten hat ADHS seine Gründe vor allem in "Fehlfunktionen" (die je nach Ausprägung auch sehr sehr hilfreich sein können, wie auch schon in dem Artikel bemerkt) des Körpers begründet. aus diesen Fehlfunktionen KÖNNEN dann natürlich auch psychische Probleme folgen - aber es würde ja auch keiner auf die Idee kommen einem Beinamputierten direkt pauschal eine psychische Erkrankung zu unterstellen oder?
Rumgeseier 26.01.2015
4. Normale Jobs gehen gar nicht.
Bei mir war eine unerkannte ADS-Erkrankung der Grund für viele Probleme, das wurde mir nach der Diagnose klar. Ganz besonders fiel es bei den Jobs auf, normale Arbeit wurde schnell langweilig und die Motivation ging in den Keller. Nachdem ich über 20 verschiedene Tätigkeiten und Arbeitgeber durch hatte, verschlug es mich in die Zeitarbeit. Dort fühle ich mich jetzt wohl, die Tätigkeiten wechseln regelmäßig und es wird nie richtig langweilig. Meinen Chef freut es auch, denn die Abwerbeversuche unserer Kunden lehne ich ab, weil ein normales Arbeitsverhältnis mit Stempelkarte, immer gleichen Arbeitsabläufen und Gesichtern, für mich total uninteressant ist.
zufriedener_single 26.01.2015
5. Andersrum
Die heutige Arbeitswelt ist krank, nicht der Mensch.
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