Arbeitgeber im Test So urteilen Nachwuchskräfte über ihre Firmen

Christian O. Bruch / Illu: Sarah Knorr

Von Michael Gatermann

2. Teil: Arbeit und der Rest - "Gebt mir 25 Prozent weniger, aber lasst mich auch während der Woche etwas vom Leben haben"


Ganz oben auf der Werteskala steht für die Jungarbeitnehmer nachhaltiges Wirtschaften - weshalb Siemens sich in aktuellen Kampagnen als "grünes" Unternehmen preist und der Atomkraft abgeschworen hat. Und klar sei Work-Life-Balance ein wichtiges Thema, aber, hier muss von Rosty die jungen Leute in Schutz nehmen, nicht im Sinne geringerer Leistung: "Die strikte Trennung zwischen Arbeit und Freizeit wird aufgehoben, wir beobachten eher eine Work-Life-Integration."

Da denkt Lars Wehmeyer ganz in von Rostys Sinn: "Den Konzern sehe ich nicht als Problem, sondern als Chance." Der 24-Jährige absolvierte beim Autokonzern Daimler (Nummer 5 bei Wirtschaftsstudenten und Ingenieuren) ein duales Wirtschaftsstudium und ist dort seit 2011 fest angestellt. Seine Aufstiegsperspektiven sind klar umrissen - im Guten wie im Schlechten: "Das geht hier eher Schritt für Schritt, Wahnsinnskarrieren sind in der Regel nicht möglich." Dafür freut er sich über ein - im Vergleich zu Freunden in anderen Branchen - stattliches Salär aus Fixgehalt, übertariflicher Zulage plus variabler Vergütung abhängig von der Zielerreichung.

Ein Betriebswirt im gleichen Alter, als Berater für die Boston Consulting Group tätig (Nummer 20 bei den Wirtschaftswissenschaftlern), wäre gar mit einem Gehaltsabschlag einverstanden: "Gebt mir 25 Prozent weniger, aber lasst mich auch während der Woche etwas vom Leben haben."

"Ich weiß nicht, wie Leute mit Kindern das machen"

Natürlich freut er sich über die "unglaubliche Lernkurve", die "wahnsinnige Themenvielfalt" und "tolle Kollegen". Doch die Arbeitszeiten hält er für "unmenschlich". Zuvor hatte der Berater bei der Deutschen Bank (Nummer 11 bei Wirtschaftlern) gearbeitet, zunächst als Trainee ("Zum Start sechs Wochen in London - ein absolutes Sahnestück"), später im Bereich Vermögensverwaltung.

Doch nach drei Jahren kam die Sinnkrise: "Sicher, die Deutsche Bank ist ein Toparbeitgeber - aber wo ist mein Beitrag?" Es war Zeit, einen neuen Job zu suchen, zumal dem Jungbanker klar war: "Wer einen richtigen Gehaltssprung machen will, muss das Unternehmen wechseln." Der Job bei Boston Consulting schien da ein logischer Schritt. Bloß die Arbeitszeiten hatte er unterschätzt.

Immer noch Spaß am Consulting hat Stephan Dümpelfeld, 28. Der Wirtschaftsingenieur arbeitet als Berater bei PricewaterhouseCoopers (Platz 12 bei Wirtschaftlern): "Ich begegne in kurzer Zeit vielen Branchen, Herausforderungen und Kunden." Gehalt ist für ihn nicht der wichtigste Motivator: "Geld ist ein Hygienefaktor - wenn's nicht stimmt, stimmt gar nichts." Den Ausschlag geben Kollegen, Vorgesetzte und Perspektiven: "Wenn das stimmt, stimmt alles."

Eine gleichaltrige Kollegin beim Wettbewerber KPMG (Rang 16) beobachtet bei ihren Kollegen und Kolleginnen: "Viele, die zu Kunden wechseln, fühlen sich schnell unterfordert - die Angst vor Langeweile hält uns hier." Die Kehrseite allerdings ist: Zu tun gibt es immer etwas, wer nicht auf sich aufpasse, könne nonstop arbeiten. "Man muss loslassen können", hat sie erkannt und rätselt: "Ich weiß nicht, wie Leute mit Kindern das machen."

Männer in Elternzeit, Mütter in Teilzeit

Das ist eine der Fragen, die Ana-Christina Grohnert, Personalchefin des KPMG-Wettbewerbers Ernst & Young (Platz 14), beschäftigen. "Früher galt: Wenn eine Frau schwanger wird, scheidet sie als Führungskraft aus." Heute ist diese Haltung passé. "Ein paar Ansätze wie Frauen- und Mütternetzwerke oder Teilzeitmöglichkeiten reichen nicht", sagt Grohnert, "die Unternehmenskultur muss sich ändern." Männer in Elternzeit, Mütter in Teilzeit - Ernst & Young arbeitet an der Flexibilisierung. "Jeder muss eine Auszeit nehmen können, ohne dass alle vergessen, was er oder sie kann."

Um Arbeit und Leben in Balance zu bringen, gibt es bei Ernst & Young nach Phasen hoher Belastung zum Ausgleich Freizeit, die Berater können auch von zu Hause aus arbeiten - die "Work from home policy" ist gerade in Arbeit.

Bei Adidas (Nummer 7 bei den Wirtschaftsstudenten) ist eine entsprechende Struktur schon Wirklichkeit. "Es gibt Vertrauensarbeitszeit, wir arbeiten mit sehr hoher Eigenverantwortung", sagt Simon Berle, 26. Der studierte Sportmanager arbeitet als Trainee für Sales & Retail - und ist als begeisterter Fußballer angetan von den zahlreichen Sportangeboten auf dem Adidas-Campus: Auch tagsüber finden sich spontan Mannschaften für Basketball, Fußball und Volleyball.

Bloß Bälle treten reicht allerdings auch beim Sportgiganten nicht. "Das Topmanagement hat sehr ehrgeizige Ziele gesteckt" - Leistung und Druck gehören dazu. Spaß, Herausforderungen und hohe Erwartungen: Es ist der Mix, den viele der befragten Nachwuchskräfte serviert bekommen. Und stellvertretend für die meisten sagt Simon Berle: "Es kommt immer auf einen selbst an, was man daraus macht."

    Michael Gatermann ist Chefredakteur des Medienbüros Extern. Sein Artikel erschien zuvor bei manager magazin Online.

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