Arbeitskultur Otto zieht es ins Betahaus

Letzter Hafen für mittellose kreative Einzelkämpfer oder Keimzelle einer neuen Arbeitskultur? "Coworking Spaces" melden neue Kundschaft. In den Gemeinschaftsbüros mieten jetzt auch Großunternehmen Schreibtische: Sie wollen ihren Talenten eine Alternative zur muffigen Konzernzentrale bieten.

Von Eva Buchhorn


Das schwarzgefärbte Kurzhaar punkig gen Himmel geleimt, die Schuhe spitz wie einst bei den Leningrad Cowboys. Unverkennbar ein junger Finne, der da gerade das Rednerpult erklimmt. In vernuscheltem Englisch erläutert Juho Hyytiäinen aus Helsinki, wie sich die Nordländer das Arbeiten in Gemeinschaftsbüros vorstellen.

Vor Hyytiäinen die übliche Szenerie, die erkennen lässt, dass hier Angehörige der "digitalen Boheme zusammenhocken: Menschen in Kapuzenpullis und mit iPod-Knöpfen im Ohr, meist zwischen Anfang 20 und Mitte 30, bearbeiten ihre Laptops. Nur sitzen sie diesmal nicht in einem Cafe in Berlin-Mitte, sondern auf grauem Konferenzgestühl im beschaulichen Wilmersdorf.

Polen, Franzosen, Spanier, Amerikaner und Chinesen sind nach Berlin gekommen, um das Potential so genannter "Coworking Spaces" auszuloten.

Austragungsort der Konferenz ist ein Hochhaus an der Bundesallee, das früher eine Sparkasse beherbergte und zwischenzeitlich leerstand. Bis vier Gründer es entdeckten, die 26.000 Quadratmeter mit bunten Möbeln und viel Handarbeit stylten, Großraumbüros, Konferenzräume und Appartments einrichteten und ein Schild an die Eingangstür hefteten: "Cluboffice".

Das Cluboffice zählt zu Berlins größten Coworking Spaces. Ähnliche Projekte entstehen gerade an vielen Orten der Welt, um die 1000 sollen es insgesamt sein, allein Berlin zählt 25. Dort eröffnete das "Betahaus" schon Anfang 2009, mit rund 2000 Quadratmetern mitten in Kreuzberg.

Konzept des "Cluboffice" erfährt einen neuen Boom

Aufgekommen sein soll die Idee laut "Deskmag", dem Online-Magazin der Bewegung, bereits in den neunziger Jahren im Tech-Milieu der USA. Nach der Dotcom-Bubble war es leer geworden in den Spaces. Seit einigen Jahren erfährt das Konzept einen neuen Boom.

Im Berliner "Cluboffice" checken kreative Einzelkämpfer ein, denen zu Hause die Decke auf den Kopf fällt, aber auch der Vertriebsmanager von Shell, der ständig auf Reisen ist. Man redet auf dem Flur, geht gemeinsam in die Kantine und knüpft unkompliziert neue Kontakte.

Doch die Propagandisten der Szene sehen in den Spaces weit mehr als eine Möglichkeit, kostensparend Internetanschluss und Kopierer zu teilen. In einem Video, das ein aufgekratzter Trainingsjacken-Träger aus Philadelphia mitgebracht hat, äußern sich die Nutzer eines Bürogebäudes namens "Indy-Hall" euphorisch: Das sei "ein bisschen wie in einer Familie", sagt jemand, "eine echte Erfahrung": "Die Leute hier teilen wirklich ihr Leben miteinander und helfen sich, wo immer Hilfe nötig ist."

Das klingt nach der üblichen Rhetorik versprengter Angehöriger des digitalen Prekariats aus freien Textern und Webdesignern, die im täglichen Überlebenskampf ein bisschen Nestwärme tanken wollen. Oder entsteht da tatsächlich eine neue Arbeitskultur?

Konzerne und Freelancer nähern sich an

Davon sind die Betreiber des "Betahauses", eines Coworking Areals in Hamburg St. Pauli, überzeugt. Werte würden heutzutage nicht mehr in klassischen Büros geschaffen, sagen die Nutzer des Hamburger Coworking Areals. Wertschöpfung finde vielmehr "an unterschiedlichen Orten statt, zu unterschiedlichen Zeiten, in wechselnden Teamkonstellationen und ohne Festanstellung". Benötigt würden "offene, digital vernetzte und kollaborative" Arbeitsorte. Eben solche wollen die Coworking Spaces zur Verfügung stellen.

Christoph Giesa von der Otto-Gruppe lässt sich auf diese Sichtweise ein. Mit seiner schwarzumrandeten Brille und seinem halblangen Haar weist er sich selbst als Mitglied der kreativen Klasse aus. In seinem Blog bezeichnet er sich als "Liberalen, Freidenker, Autor", bei der Otto-Gruppe firmiert er als "Leiter Personalpolitische Projekte".

Giesa versucht, talentierte Hochschulabsolventen für die Konzernwelt zu gewinnen. Und stellt fest, dass das schwieriger wird: "Viele Junge meinen, Konzerne seien schwerfällig und bürokratisch, und wählen immer öfter die Selbständigkeit." Andererseits gingen die Konzerne fehl, wenn sie meinten, "Innovation immer nur aus sich selbst generieren zu können", meint Giesa. Die Otto-Gruppe geht daher jetzt häufiger mal dorthin, wo sich die Hamburger Kreativen zu Hause fühlen: ins "Betahaus" auf St. Pauli.

Vom Gemeinschaftsbüro zur Qualitätsgemeinschaft

Man trifft sich, tauscht sich aus und schickt auch mal die Azubis oder ein Projektteam vorbei, das zwischen Ikea-Regalen und "Schlummer-Ecke" auf neue Ideen kommen soll. Das Interesse sei durchaus beidseitig, sagt Giesa: Auch die Betahaus-Bewohner möchten doch ganz gern wissen, wie ein etablierter Konzern wie Otto so tickt - immerhin ein potentieller Auftraggeber. Man ging sogar schon gemeinsam wandern.

Glaubt man den Forschern Carolyn Ockels und Steve King vom Beratungsinstitut Emergent Research aus San Francisco, haben Coworking Spaces noch viel Potential. Unternehmen lagern immer mehr Tätigkeiten an Freelancer aus, "um Kosten zu sparen und Flexibilität zu gewinnen", so King. 30 bis 35 Millionen Selbständige gibt es schon in den USA, in Europa immerhin 32 Millionen, Tendenz steigend. Die überwiegende Zahl dieser Leute sei hochqualifiziert: "Für sie ist Selbständigkeit kein Abstieg, sondern eine bewusste Karriereoption."

Wenn immer mehr Menschen zwar auf eigene Rechnung und nach eigenen Regeln, aber trotzdem nicht mutterseelenallein arbeiten wollen - dann könnten sie zu Coworkers werden. Im besten Fall könnte dann aus gemeinschaftlich genutzten Räumen tatsächlich ein Mehrwert für jeden Nutzer entstehen.

Davon jedenfalls träumt auf der Berliner Konferenz die Chinesin Liu Yan, Gründerin von Chinas größtem Coworking Space "Xindanwei" in Shanghai. In der digitalen Welt, sagt sie, könne zwar theoretisch jeder mit jedem in Kontakt treten. Coworkers aber könnten gemeinsame Qualitätsstandards entwickeln, beispielsweise zur Abwicklung von Projekten und dem Umgang mit Auftraggebern, was sie von anderen Freelancern abhebe. "Dann schaffen wir eine wesentliche soziale Währung: Vertrauen."

Vom Gemeinschaftsbüro zur Qualitätsgemeinschaft, das klingt vielversprechend - das Konferenzpublikum schaut tatsächlich kurz von seinen Laptops auf und verleiht seiner Zustimmung auf geradezu altmodische Weise Ausdruck: Es applaudiert.

  • Eva Buchhorn ist Redakteurin beim manager magazin.



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