Arbeitslos mit 57 Jahren Bayer will 7000 Kilometer laufen, um einen Job zu finden

Mehr als hundert Bewerbungen hat er erfolglos verschickt, jetzt will er Arbeitgeber von sich überzeugen, indem er vom Nordkap bis nach Sizilien wandert: Thomas Rohrmann über die schwierige Jobsuche mit über 50.

Thomas Rohrmann
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Klar werde der Vertrag verlängert, hieß es. Da solle er sich mal keine Sorgen machen. Wieder und wieder wurde Thomas Rohrmann vertröstet. Erst drei Wochen vor Vertragsende rückten die Vorgesetzten damit heraus: Nein, für ihn werde es keine Zukunft in der Firma geben. Arbeitslos, mit 57 Jahren.

Rohrmann, der zuletzt im Außendienst in der Lebensmittelbranche gearbeitet hatte, dachte sich schon, dass es schwer werden würde mit der Jobsuche. Aber so schwer? Damit hatte er dann doch nicht gerechnet. Denn neun Monate und mehr als hundert Bewerbungen später hat er noch immer keinen neuen Job.

Aber jetzt hat er einen Plan: Er will 7000 Kilometer laufen, vom Nordkap bis nach Sizilien. Allein, ausgerüstet nur mit Zelt und Rucksack und einem Banner. "7 Länder, 7000 km, 1 Europa, 1 Job", steht darauf. Unterwegs will er so viele Menschen kennenlernen wie möglich - und einer davon wird sein zukünftiger Arbeitgeber sein. So zumindest die Hoffnung des Bayern. "Irgendwie muss ich ja Arbeitgeber auf mich aufmerksam machen", sagt er. Dienstag geht die Reise los.

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Als Verzweiflungstat will Rohrmann sie aber nicht verstanden wissen. "Mich treibt eher die Wut als die Verzweiflung", sagt er. "Ich bin 57, ich kann doch noch zehn Jahre arbeiten!"

Mit seiner Wanderung will er auch eine gesellschaftliche Diskussion über die Zukunft älterer Arbeitnehmer starten. "Jüngere können vielleicht schneller arbeiten, aber Ältere kennen die Abkürzung", das sei sein Wahlspruch, sagt Rohrmann. "Es kann doch nicht sein, dass man schon ab 40 zum alten Eisen gehört."

Auf 60 Prozent seiner Anschreiben habe er noch nicht mal eine Absage bekommen, erzählt er. Nur ein einziges Mal sei er zum Vorstellungsgespräch eingeladen worden. Und was aus der Stelle wurde, weiß er nicht. Auf Nachfragen reagierte niemand. "So kann man nicht mit Leuten umgehen", sagt er.

Was er sich wünsche, sei doch nur "ein anständiger Job", die Stelle müsse weder in der Lebensmittelbranche sein, noch im Vertrieb, noch nicht mal in Deutschland. Mit seiner Frau habe er das schon besprochen; er könne überall in Europa arbeiten. Zur Not hätten sie dann eben eine Fernbeziehung. Nur eines, das könne er sich gar nicht vorstellen: Hartz IV zu beantragen. "Das mach ich nicht. Da hab' ich eine Schranke", sagt Rohrmann.

Sein Arbeitslosengeld läuft jetzt aus. Die nächsten neun Monate will er vom Ersparten leben. Acht Euro pro Tag beträgt sein Budget. Vielleicht könne er sich unterwegs mal ein Abendessen erarbeiten, durch Holzhacken oder so, sagt er. Länger als ein paar Tage werde er aber auf keinen Fall an einem Ort bleiben, er wolle ja seinen Zeitplan nicht über den Haufen werfen. Und der sieht vor, dass er im September wieder in Bayern ist - da will er zwei Tage Urlaub im eigenen Haus in Schongau machen - und im Januar auf Sizilien ankommt.

Über seine Fortschritte will er bloggen, die Website hat er schon eingerichtet. Und erste Leidensgenossen haben sich auch schon bei ihm gemeldet: Sie wollen mitlaufen. Wenigstens einen Teil der Strecke.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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ackergold 10.04.2017
1. Viel Glück!
Es ist eine Schande für dieses Land, wie mit den älteren Arbeitslosen umgegangen wird, obwohl die arbeitswillig sind.
noalk 10.04.2017
2. Das Bild
Rohrmann war als Außendienstler in der Lebensmittelbranche tätig. Auf dem Bild ist eine Immobilie eines Lebensmittel-Discounters zu sehen. Das könnte nahelegen, dass der was mit dem Fall zu tun habe. Sollte das nicht der Fall sein, ist das Bild zumindest unglücklich gewählt.
Bundeszentrale 10.04.2017
3. kann klappen, aber eigentlich ist es Zeitverschwendung
Wer so beharrlich ist, könnte in der eigenen Branche auch ne Firma aufmachen und seine Dienste anbieten. Dann interessiert sich nämlich niemand für das Alter des Inhabers. Die Aktion ist schöne PR, aber falls die PR nicht direkt zu einem Job führt - vertane Lebenszeit. Es sei denn, man will eh von Zuhause weg. Wenn der Weg das Ziel ist, geht´s ja gerade nicht um den Job.
hanstreffer 10.04.2017
4.
Ich habe nach 150 Bewerbungen aufgegeben. Dieses Land schickt einen nach 30 Arbeitsjahren und Studium in die Arbeitslosigkeit und Hartz4 und wir müssen dann der Regierung zuhören wie sie was von mehr Beschäftigung faselt. Ich gehe jetzt in die Politik, das sollte der Wanderer auch tun. Da hat er in den nächsten Jahren eher ein gut bezahltes Amt und vor allem bringt er Erfahrung mit, was man von der jetzigen Politikerkaste kaum sagen kann.
Leser161 10.04.2017
5. Schaffe, Schaffe, nix behalte
Schaffe, schaffe Häusle baue hat nicht nur die Schwaben sondern unser Land weit gebracht. Es hat Gastarbeiter motiviert sich hier was aufzubauen (Ich weiss Land ist out, Hauptsache der Wirstchaft gehts gut, aber ohne funktionierendes Land keine funktionierende Wirtschaft) Aber es ist abzusehen, dass dieses Versprechen bald nichts mehr wert sein wird. Rente mit 67, aber immer weniger Jobs durch Automatisierung. Schlechterstellung von braven Sparern durch Agenda 2010. Unser Staat ruht(e) aber auf den Schultern derer, die schaffe, schaffe, Häusle baue. Nicht auf den Schultern derer, die ohne Motivation von Job über Hartz-IV zu Job sich hangeln müssen. Das wird so nicht funktionieren.
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