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09. September 2011, 15:05 Uhr

Arbeitslose Ingenieure

Wir wurden aussortiert

Protokolle: und Eva-Maria Hommel

Schizophrenie des Arbeitsmarktes: Während Wirtschaftsverbände eine riesige Ingenieurlücke beklagen, kassieren qualifizierte Fachkräfte Absagen in Serie. Warum bekommen sie kein Bein auf den Boden? Wie gehen sie mit der Situation um? Sechs arbeitslose Ingenieure berichten.

Eigentlich dürfte es sie nicht geben: arbeitslose Ingenieure. Die deutsche Industrie freut sich am Boom der vergangenen Monate und beklagt, dass sie zu wenig Techniker hat. Und tatsächlich spricht vieles dafür: Wer nach einem Ingenieurstudiengang exakt das bieten kann, was die Unternehmen suchen, kann seine Arbeitskraft meistbietend verkaufen.

Doch offenbar ist die Not, gute Leute zu bekommen, nicht überall gleich groß. Wer nicht haargenau auf ein Stellenprofil passt, darf sich wenig Hoffnung machen, trotzdem eine Chance zu erhalten. Gerade in den beliebtesten Ingenieursfächern - Maschinenbau und Elektrotechnik - gibt es viele Berufseinsteiger mit Anlaufschwierigkeiten. Und trotz demografischer Entwicklung ist es für altgediente Arbeitskräfte schwierig, noch mal eine Stelle zu bekommen.

Der Ingenieurmangel ist ungleich verteilt. Damit kann man kaum von einem allgemeinen Mangel sprechen, sondern eher von Lücken. Auch sonst sind Zweifel erlaubt: Wenn die Personalnot in den Unternehmen wirklich so groß ist, warum verharren sie dann im Jugendwahn, anstatt ältere Bewerber einzustellen und fortzubilden? Warum werden fachlich versierte Kräfte aufgrund schlechter Sprachkenntnisse aussortiert, wo es doch Deutschkurse gibt?

Dass es einzelne Lücken gibt, nutzt den arbeitslosen Kollegen wenig. 20.400 Ingenieure sind derzeit als arbeitssuchend gemeldet. Und jenseits der Statistik behilft sich so mancher mit einem fachfremden Arbeitsplatz, weil er längst die Hoffnung auf eine Rückkehr in den erlernten Beruf aufgegeben hat.

Sechs von diesen Arbeitslosen berichten hier, wie sie in diese Lage gekommen sind. Überwiegend sind es ältere Semester, doch auch Berufsneulinge sind dabei. Sie alle beschreiben, wie sich das anfühlt: zu einer Gruppe zu gehören, die es eigentlich nicht geben dürfte.

Elektroingenieur und arbeitslos - "Nicht so gern jemanden, der ihnen reinreden könnte"

Ingolf Schröder, 55, droht nächstes Jahr Hartz IV

"Ich habe Ingenieur für Elektrotechnik gelernt, bin dann aber in die IT abgewandert. Das geht natürlich, schließlich habe ich während meines Studiums auch programmiert. Bei meinem letzten Arbeitgeber habe ich die Datenbanken betreut und gepflegt, mit denen der Mitarbeitereinsatz geplant wurde.

Im Juli 2010 hat dann die amerikanische Mutter unsere Niederlassung geschlossen. 140 Ingenieure wurden auf einen Schlag auf die Straße gesetzt, viele haben schnell was gefunden. Und ich machte mir erst auch keine großen Sorgen. Man hört ja immer vom Fachkräftemangel, da habe ich gedacht, ich dürfte schnell unterkommen, ohne allzu weit umziehen zu müssen.

Aber Fehlanzeige. Ich bewerbe mich und bekomme Absagen und bewerbe mich und bekomme Absagen. Das geht jetzt seit einem Jahr so, im nächsten Jahr würde mir Hartz IV drohen, dann müsste ich wirklich von der Substanz leben. Die wenigsten Firmen laden mich zum Gespräch ein, und wenn, dann ist es bisher auch negativ ausgegangen. Dabei sind meine fachlichen Referenzen alle gut, das sagt sogar der Fallmanager bei der Agentur für Arbeit. Ich unterstelle mal, es liegt am Alter. Man hört ja, dass manche Firmen schon keine Über-50-Jährigen mehr in ihren Reihen haben.

Die meisten Arbeitgeber hätten wohl gern Leute, die nicht so teuer sind und vielleicht auch etwas zurückhaltender und leichter zu führen. Ein gestandener Ingenieur mit 20 Jahren Berufserfahrung lässt sich nicht so schnell was anordnen, wenn er die Sache skeptisch sieht. Chefs wollen eben nicht so gern jemanden, der ihnen reinreden könnte."

(bk)

Die Jungingenieurin - "Die Agentur soll nicht über mein Leben entscheiden"

Olga Krause, 26, muss sich die Qualifizierung erkämpfen

"Ich komme aus der Ukraine. Dort habe ich ein Master-Studium in Elektrotechnik abgeschlossen, mit Schwerpunkt Kabeltechnik. Jedes Semester habe ich vier bis sechs Wochen Praktikum in einem großen Kabelwerk gemacht.

Ich habe gedacht, ich könnte in Europa einen guten Arbeitsplatz bekommen. Deswegen bin ich vor drei Jahren nach Deutschland gegangen. Zuerst habe mich an der Technischen Universität Hamburg-Harburg weitergebildet, um die Fachsprache besser zu lernen.

Seit 2010 bewerbe ich mich ohne Erfolg. Vielleicht spielt dabei eine Rolle, dass ich aus dem Ausland komme. Wobei mein Abschluss eigentlich nie das Problem war, und auch nicht, dass ich eine Frau bin. Sondern dass meine Fachrichtung sehr spezifisch ist. In Deutschland sind andere Technologien vorhanden.

Kein Bildungsgutschein von der Agentur

Kurze Zeit habe ich als Floristin gearbeitet. Mir war es wichtig, dass ich kein Geld vom Staat beziehe. Auf Dauer wollte ich den Job aber nicht machen. Doch für die Agentur für Arbeit ist nur wichtig, dass du einen Arbeitsplatz hast. Ob er zu dir passt, ist deine Privatsache. Deswegen hat sie mir nicht geholfen. Das kann ich akzeptieren, aber verstehen kann ich es nicht.

Jetzt mache ich eine Weiterbildung 'Regenerative Energie' bei der gemeinnützigen Otto-Benecke-Stiftung, 13 Monate lang. Das ist in Deutschland sinnvoll. Dazu gehört auch ein Praktikum. Ich habe große Hoffnung, dass mir das den Einstieg in einen Betrieb ermöglicht. Die Arbeitsagentur wollte mir dafür keinen Bildungsgutschein geben: Sie hat gesagt, ich wäre nicht flexibel genug, um in eine andere Stadt zu ziehen. Dabei bin ich doch sogar aus der Ukraine hier hergekommen. Also finanziere ich Unterkunft und Verpflegung für den Kurs selbst.

Die Agentur soll nicht über mein Leben entscheiden und sagen, ich hätte keine Chance."

(ems)

Der Halbleiteringenieur - "Müssten eigentlich alle zum Psychologen"

Harry Schönfeld, 62, kommt nur in Bewerbungsgespräche, wenn er sein Alter verschweigt

"Mein Schwerpunkt war Halbleiterphysik; ich war Entwicklungsingenieur im Messgerätewerk Zwönitz im Erzgebirge. Wir waren 2500 Beschäftigte. Nach der Wende ist das Werk zerstückelt worden. Ich habe das Pech gehabt, dass ich produktionsnah gearbeitet und mich mit Bauelementen beschäftigt habe, nicht mit Software. Dadurch war ich nicht so flexibel einsetzbar.

Ich habe dann eineinhalb Jahre in Chemnitz im Industriemuseum gearbeitet. Dort haben wir Geräte aus der DDR-Industrie zusammen getragen, konserviert und instand gesetzt. Bald hatte die Stadt nicht mehr genug Geld dafür übrig. Ich fing bei einer kleinen Firma an, die Photovoltaik-Anlagen konzipiert. Das war 1995, da war der Markt noch gar nicht reif und die Firma plötzlich zahlungsunfähig. Ich habe mich dann von Ast zu Ast gehangelt, und die Äste wurden immer tiefer.

Als meine Frau und ich ins Arbeitslosengeld II gefallen sind, begann der Horror. Wenn man sich als Diplomingenieur von einer Zwanzigjährigen sagen lassen muss, wo man sich bewerben soll, fühlt man sich gegängelt.

Die kaputte Tramanzeige, das tut regelrecht weh

Meine Frau und ich haben auch ein kleines Nebengewerbe: Wir befragen die Fahrgäste im Regionalverkehr. Ich würde aber lieber in meinem Beruf arbeiten. Wenn ich in Dresden sehe, dass die Anzeigen bei der Straßenbahn wieder ausgefallen sind, tut das regelrecht weh - ich wüsste, wie man das ändern könnte, kann aber nichts tun.

Mit 62 habe ich eigentlich keine Chance mehr. Ich habe mich mal beworben, ohne mein Alter anzugeben. Da wurde ich eingeladen, aber beim Bewerbungsgespräch gab es lange Gesichter.

Ich kenne viele aus meinem Jahrgang, denen es heute so geht. Wir müssten eigentlich alle zum Psychologen. Keiner hat das wirklich verkraftet."

(ems)

Der Einwanderer: "Das Problem ist wohl mein ausländischer Name"

Nour-Eddine Souissi, 51, wartet auf eine Weiterbildung

"Ich habe meinen Abschluss als Ingenieur in Belgien gemacht. Dort habe ich meine Frau kennen gelernt und bin ihr 1986 nach Deutschland gefolgt. Ich konnte kein Wort Deutsch. Aber das war kein Problem. Mein Arbeitgeber damals war sehr professionell und menschlich. Er sprach etwas Französisch und hat mir im Bewerbungsgespräch gesagt: "Das mit der Sprache kommt noch. Hauptsache, du machst deine Arbeit gut."

2004 ist die Firma in die Insolvenz gegangen. Ich konnte mich erst zwei Jahre mit verschiedenen Projektverträgen über Wasser halten, zum Beispiel bei Ölfirmen, die neue Anlagen gebaut haben. Das ist so etwas wie eine Praktikantenstelle: Das Gehalt ist nicht so toll, aber man hofft, dadurch fest unterzukommen. Das hat aber nie geklappt. Drei Monate hier, sechs Monate da, und am Ende hieß es immer: Die Auftragslage ist gerade nicht gut.

In der Zeitung lese ich ständig, dass Ingenieure fehlen. Aber wenn ich irgendwo eine Bewerbung hinschicke, dann bekomme ich Absagen. Manche antworten gar nicht. Wenn ich anrufe und nachfragen will, ist immer nur eine Sekretärin dran und vertröstet mich.

Sehnsucht nach dem gelernten Beruf

Ich nehme an, das eigentliche Problem ist mein ausländischer Name. Da denkt sie sich wahrscheinlich bloß: Aha, kein Deutscher. Und kümmert sich nicht weiter drum.

Im Moment bin ich in einer Beschäftigungsmaßnahme von der Arbeitsagentur: Ich mache eine Art Hausmeisterjob bei der Caritas. Aber ich möchte wieder in dem Beruf arbeiten, den ich gelernt habe. Und ich möchte auch wieder ein Gehalt bekommen, das meinem Wissen und Können entspricht.

Deshalb habe ich mich jetzt um eine Weiterbildung beworben, 13 Monate, in denen ich noch mal studieren und mein Wissen auffrischen könnte. Dann sind meine Chancen hoffentlich besser. Aber im Moment warte ich noch auf das Okay von der Arbeitsagentur."

(bk)

Der Elektrotechniker: "Die Absage war von einer Praktikantin unterschrieben"

Elektrotechnikingenieur (anonym), 36, hat sich mit gebrauchten Medizingeräten über Wasser gehalten

"Vor vier Jahren habe ich an der FH Frankfurt meinen Abschluss gemacht, davor hatte ich schon Physik in Marokko studiert mit dem Schwerpunkt Erneuerbare Energien. Eigentlich ja eine gute Kombination. Einige meiner Kommilitonen haben schnell was gefunden, manche aber auch erst nach einem Jahr.

Als ich einmal zum Bewerbungsgespräch eingeladen war, hat man mir ganz klar gesagt, dass ich zu wenig Berufserfahrung hätte. Aber wo soll ich die hernehmen, wenn mir niemand eine Chance gibt?

2008 habe ich immerhin kurz über eine Zeitarbeitsfirma als Ingenieur gearbeitet. Aber dann fing die Wirtschaftskrise an, nach drei Monaten war ich wieder raus. Das ist ja immer so: Die letzten, die eingestellt werden, sind die ersten, die rausfliegen. Ich habe dann sechs Monate lang eine Weiterbildung gemacht, um am Ball zu bleiben. Geholfen hat auch das nicht.

Letztes Jahr habe ich mich deshalb selbständig gemacht, im Vertrieb. Ich habe gebrauchte Medizingeräte aufgekauft und in meine Heimat nach Marokko exportiert. Seit der Revolution in den arabischen Ländern läuft das nur noch erschwert.

Also bin ich jetzt wieder auf Jobsuche. Eigentlich würde ich gern in der Region bleiben, ich habe ja zwei Kinder hier. Inzwischen suche ich aber deutschlandweit. Vor kurzem kam wieder eine Absage - unterschrieben von einer Praktikantin in der Personalabteilung."

(bk)

Der Datenverarbeitungsfachmann: "Ich habe die Suche aufgegeben"

Achim Gocht, 57, arbeitet jetzt im Garten und führt Wandergruppen rund um Chemnitz

"Ich habe im Datenverarbeitungszentrum in Chemnitz gearbeitet. Wir haben für andere Betriebe Lohn- und Gewerbesteuerabrechnungen gemacht. Nach der Wende sind viele Firmen in Insolvenz gegangen, da hat es für uns auch nicht mehr gereicht.

Ich habe sofort eine betriebswirtschaftliche Weiterbildung zum Controller gemacht. Wie so viele habe ich gedacht, man braucht sich nur im Westen bewerben, dann klappt das schon. Aber ich habe keine Antwort erhalten und bin in die Arbeitslosenhilfe gerutscht. Dann habe ich mich zum Multimediafachmann weiterqualifiziert und 83 Bewerbungen für den Raum München abgeschickt. Das einzige Angebot kam von einer Zeitarbeitsfirma, die nur ein Profil erstellen wollte.

Mehr oder weniger selbst versorgen

Ich glaube nicht, dass meine DDR-Ausbildung ein Problem ist. Für die Personalchefs passen meine Qualifizierung und die Arbeitslosigkeit einfach nicht zusammen. Ich habe auch in einer schnelllebigen Branche gearbeitet. Vielleicht denken manche, ich wäre mit 57 nicht flexibel genug. Dabei hätte ich bestimmt kein Problem, mich einzuarbeiten.

Wenn ich Fachkräftemangel höre, kann ich nur lachen. Mich auf dem ersten Arbeitsmarkt zu bewerben, habe ich aufgegeben. Mein persönliches Ziel ist jetzt, im Garten Gemüse zu produzieren, so dass wir uns mehr oder weniger selbst versorgen können. Außerdem arbeite ich als Wanderleiter.

Das bringt natürlich nicht genug ein, aber Geld spielt für mich auch nicht mehr die große Rolle. Ich habe mich mit den Verhältnissen, die mir von den gesellschaftlichen Veränderungen aufgezwungen wurden, abgefunden. Ich gehe meinen eigenen Weg. Mir fehlt nichts."

(ems)

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