Zwölf Monate ALG I Wenn das Geld schneller aus ist als die Arbeitslosigkeit

Die Hälfte seines Lebens wartet der Arbeitslose vergebens: Firmen haben keine Eile mit Bewerbern, drei Monate im Jahr läuft sowieso nichts. Und vor einer Neuorientierung muss erst der Kündigungsschock verarbeitet werden, erklärt Karriereberaterin Svenja Hofert.

Schlangestehen im Jobcenter: Zwölf Monate, dann bleibt nur Hartz IV
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Schlangestehen im Jobcenter: Zwölf Monate, dann bleibt nur Hartz IV


Ein Jahr Arbeitslosigkeit geht rum wie nix. Im Normalfall bekommt man zwölf Monate lang Arbeitslosengeld I, also 60 bis 67 Prozent vom durchschnittlichen Monatsverdienst des Vorjahres. Ein Jahr - das hört sich lang an. Aber die Zeit ist schnell vorbei, das sehe ich immer wieder in meiner Beratungspraxis.

Dabei geht es um Menschen mit spezialisierten Profilen, fast immer Akademiker. Deren Erfahrung: Es sind keine "echten" zwölf Monate, in denen man durchweg die Chance hätte, einen neuen Job zu bekommen. Rechnen wir das mal durch

Im Jahr fallen etwa drei Monate per Kalender einfach aus. Es arbeitet dann sowieso niemand in den Firmen, bei denen man sich bewerben könnte, oder mindestens eine Person aus der Fachabteilung oder Führungsetage ist weg:

  • In den ersten zwei Wochen des Januars,
  • im gesamten Juli und August (acht Wochen)
  • und im halben Dezember (zwei Wochen).

So reduziert sich die Zeit zum Suchen und Bewerben auf neun kurze Monate. So lange braucht ein Kind bis zur Geburt. Aber dabei bleibt es nicht.

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Weitere drei Monate sind seelischen Kollateralschäden geschuldet. Sie liegen weder in der Macht des Bewerbers noch in der seines Beraters, sie sind aber typisch für die Situation.

  • Wer frisch arbeitslos ist, muss den ganzen Mist erst mal verarbeiten: Schließung, Kündigung, die ganze deprimierende Entwicklung, die voranging. Ich versuche mich mal an einer groben Rechnung: Pro Jahr Betriebszugehörigkeit kommt man auf einen Monat Trauer, Wut oder Depression, für die ersten zehn Jahre, danach dürfte es sich im Bereich um ein halbes Jahr bewegen. Natürlich kann man solche Gefühle nicht wirklich in Zahlen ausdrücken, aber wir können tatsächlich davon ausgehen, dass Menschen mit längerer Betriebszugehörigkeit mehr leiden.
  • Es dauert eine ganze Weile, bis die neue Situation wirklich im Denken der Betroffenen angekommen ist, bis sie sich konsequent neuorientieren. Selbst wenn wir planen, viel aktiver zu sein, werden die meisten von uns in den ersten drei Monaten oft nur wenige Bewerbungen losschicken. Das glaubt man nur, wenn man es selbst erlebt.
  • Dann endlich geht es los, man schickt mehr Bewerbungen raus, um es bloß nicht mehr mit diesem unsympathischen Fallmanager zu tun zu bekommen, der einem Charmantes sagt wie "Ihr Coach hat Sie doch sicher darauf hingewiesen, dass Sie nie mehr so gut verdienen werden?" (Habe ich natürlich nicht, weil das so pauschal Bullshit ist und weil man wirklich einfühlsamere Worte finden kann, um die Möglichkeit geringerer Verdienste zu thematisieren.)

Dann heißt es warten, wieder ein Vierteljahr lang:

  • Wenn es gut läuft, kommen tatsächlich Einladungen zu Bewerbungsgesprächen. Aber erst nach rund vier bis sechs Wochen. Die Entscheidung kann sich dann wieder vier bis sechs Wochen hinziehen. Es folgt die zweite und dritte und vierte Auswahlrunde - macht noch mal drei Monate Füßescharren.

Es bleiben drei Monate, Panik macht sich breit.

  • Unter dem wachsenden Druck justieren viele nach. Einige begreifen, dass sie eigentlich doch nicht wollen, was sie anfangs vorhatten - ist ein ruhiger Job nicht zu langweilig? Können sie für diese Stelle nicht einfach zu viel? Ist doch auch nicht gut, wenn man das nicht anwenden kann.
  • Viele wollen auch einfach nicht alles machen, was so angeboten wird - wer will das schon? Verstehe ich. Neinsagen ist der Weg zum Glück. Findet die Arbeitsagentur natürlich nicht.
  • Jetzt fangen viele an, sich mit den bisherigen Erfahrungen gezielter zu bewerben. Gleichzeitig kommt langsam hoch, was ganz am Anfang geplant wurde: 15 Bewerbungen im Monat. Aber die Resonanz lässt auf sich warten. Durchschnittliche Bearbeitungsdauer einer Bewerbung: 82 Tage, sagt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Ich würde sagen, dies ist bei höheren Positionen sogar ein unterer Wert.

Und schon ist die Zeit rum. Sicher, ich übertreibe hier und da, aber die Probleme sind real. Ich weiß nicht so recht, ob ich eher die Zwölf-Monats-Frist beim Arbeitslosengeld kritisieren soll oder die Schwerfälligkeit der Unternehmen bei der Personalauswahl. Ich weiß aber, dass hochqualifizierte Fach- und Führungskräfte länger als einfach qualifizierte Stellensuchende brauchen, um Anschlussjobs zu finden. Und dass dies mit unserer zunehmenden Segmentierung, Spezialisierung und Diversifizierung zu tun hat. Und mit den furchtbar lang dauernden, unbefriedigenden Recruiting- und Auswahlprozessen.

Ich bin aber auch der Meinung, dass es wenig Sinn hat, einfach das Arbeitslosengeld I zu verlängern. Weiterbildungen mit Anpassungsqualifizierung müssen für die immer häufigeren Übergangszeiten zwischen zwei Jobs obligatorisch werden. Und zwar selbst gewählte und gut ausgewählte - und nicht diese billigen Veranstaltungen, bei denen man vormittags schlechten Unterricht bekommt und nachmittags ein Pseudo-E-Learning, das allein dem Zweck dient, Dozentenhonorare zu sparen.

Zur Autorin
  • Karriereberaterin Svenja Hofert betreibt ein Blog, wo die ursprüngliche Fassung dieses Textes erschien. Sie hat mehr als 25 Bücher geschrieben, darunter das "Slow-Grow-Prinzip. Lieber langsam wachsen als schnell untergehen" und "Am besten wirst du Arzt... Wie Eltern ihren Kindern wirklich helfen".

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