Prozess um beklebten Firmenwagen "Mit so einem Puffauto fahre ich nicht"

Den neuen Dienstwagen fand er anstößig: Ein Mitarbeiter eines Kaffeevertriebs weigerte sich, ein mit nackten Frauenbeinen beklebtes Auto zu fahren - und wurde gefeuert. Zu Unrecht, entschied nun das Arbeitsgericht.

Umstrittene Werbung: Mit diesem Aufkleber wollte ein Mitarbeiter nicht fahren
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Umstrittene Werbung: Mit diesem Aufkleber wollte ein Mitarbeiter nicht fahren


Ein neuer Firmenwagen ist gewöhnlich ein Grund zur Freude - es sei denn, der Chef klebt peinliche Werbung drauf. Ein Mitarbeiter einer Kaffeefirma aus Mönchengladbach fand die Aufkleber auf dem neuen Dienstfahrzeug so daneben, dass er sich weigerte, das Auto zu fahren. Daraufhin wurde er gefeuert. Zu Unrecht, entschied jetzt das Arbeitsgericht Mönchengladbach: Ohne vorherige Warnung kann nicht verhaltensbedingt gekündigt werden.

Die Aufkleber auf den Seitentüren des schwarzen Lieferwagens sollen den Eindruck erwecken, sie gäben den Blicks ins Innere des Wagens frei. Auf der einen Seite schauen nackte Frauenbeine aus einem Berg Kaffeebohnen heraus, an den Füßen baumeln rote High Heels. Auf der anderen Seite ist ein kopfloser Männerkörper mit Jeans und Pullover zu sehen - und dieser ist so unter das Fenster geklebt, dass der Oberkörper des Fahrers das Bild fortzusetzen scheint. Auf Facebook präsentierte die Firma ihr neues Auto stolz:

(https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=820754408038769&id=520325378081675%22%3E)

Unser neuer "Flitzer" ist da....einfach verführerisch schnell ;-)

Posted by Kaffeegenuss Bovelett on Mittwoch, 24. Juni 2015
Robert W., der seit 20 Jahren für die Firma in Köln und Düsseldorf Kaffee ausliefert, fand die Aufmachung geschmacklos. Trotzdem setzte er sich widerwillig hinters Steuer. Als dann am nächsten Tag auch noch die bislang grauen Radkappen gegen rote getauscht wurden, wurde es dem 49-Jährigen zu viel. Er stellte den Chef zur Rede, wörtlich sagte er: "Mit so einem Puffauto fahre ich nicht." Es kam zum Streit - und zur fristlosen Kündigung. Der gefeuerte Mitarbeiter reichte Klage vor dem Arbeitsgericht ein.

Robert W. klagte gegen seine Kündigung
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Robert W. klagte gegen seine Kündigung

Arbeitnehmern steht nur in Ausnahmefällen das Recht zu, vom Arbeitgeber übertragene Aufgaben abzulehnen, zum Beispiel, wenn die verlangte Tätigkeit gegen Gesetze verstößt, lebensbedrohlich ist oder die Gesundheit erheblich gefährdet. Andererseits gilt: Unternehmen müssen Mitarbeiter vor verhaltensbedingten Kündigungen erst abmahnen und damit konkret signalisieren, dass sie mit diesem Fehlverhalten nicht einverstanden ist. Auf diesen Grundsatz berief sich nun auch das Arbeitsgericht.

In einem Gütetermin hatte die Richterin einen Vergleich vorgeschlagen: Der Mitarbeiter, der fristlos zum 30. Juni gekündigt worden war, hätte noch bis zum Jahresende sein Gehalt bekommen. Doch darauf wollte Robert W. sich nicht einlassen. Er sieht sich wegen seiner Homosexualität diskriminiert. Er sei der einzige Mitarbeiter gewesen, der mit einer solchen Werbung Kaffee ausliefern sollte, alle anderen Kollegen hätten ganz normale Fahrzeuge gehabt.

Der Geschäftsführer des Unternehmens weist diesen Vorwurf zurück: "Ich habe kein Problem mit seiner Homosexualität. Das Fahrzeug sollte in den Großstädten auffallen."

Das Gericht entschied nun: Die fristlose Kündigung war unverhältnismäßig - zumal Robert W. fast 20 Jahre lang ohne Beanstandungen für die Firma gearbeitet hatte. Eine Diskriminierung aufgrund seiner Homosexualität sei aber nicht erkennbar. Robert W. bekommt bis Ende des Jahres sein Gehalt, wird aber von der Arbeit freigestellt und zum 31. Dezember gekündigt. Eine ordentliche Kündigung hält das Gericht für wirksam.

Seit September fährt ein neuer Mitarbeiter das Auto mit dem umstrittenen Aufkleber. Und auf der Facebook-Seite der Firma wird lebhaft diskutiert, ob die Werbung nun sexistisch ist oder nicht.

vet/dpa

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 170 Beiträge
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monolithos 14.10.2015
1. Führungsaufgabe Kommunikation
Der Streit sagt viel über das Arbeitsklima in dem Betrieb aus. Ein vernünftiger Chef hätte erst mal mit seinen Mitarbeitern darüber gesprochen. Dabei hätte ein anderer Kollege das geschmacklose Auto zugeteilt bekommen können, ohne dass jemand gekündigt werden muss. Aber Kommunikation ist anscheinend keine Führungsaufgabe mehr. An Stelle des Angestellten hätte ich mich allerdings auch nicht von Anfang an so stur gestellt, sondern erstmal ausprobiert und anschließend dem Chef durch die Blume gesagt, dass das Design so gar nicht ankommt bei den Kunden.
trader_07 14.10.2015
2. Eine meines Erachtens...
Eine meines Erachtens richtige Entscheidung des Arbeitsgerichts. Eine fristlose Kündigung ist sicherlich nicht gerechtfertigt, sondern nur eine Kündigung unter Einhaltung der gültigen Frist. Passt also....
JaguarCat 14.10.2015
3. Die Werbung ist nicht sexistisch
Die Werbung ist nicht sexistisch. Sondern einfach nur dämlich. Was hat Kaffee-Trinken mit entblösten Beinen zu tun? Richtig: Nichts! Sexistisch wäre es, wenn der Kaffee nur an Frauen oder nur an Männern verkauft würde, oder wenn dargestellt würde, dass Frauen, die Kaffee trinken, minderwertig sind, oder dergleichen mehr. Das ist aber hier nicht der Fall. Zwar tendieren Frauenrechtlerinnen dazu, die Darstellung von nackter Frauenhaut erst mit "minderwertig" und dann mit "sexistisch" gleichzusetzen. Doch dieser Minderwertigkeitsreflex ist wirklich nur im Kopf der Feministinnen. Die Leute gucken ja hin, nicht, weil sie die Beine minderwertig finden, sondern, weil sie sie attraktiv finden.
jakam 14.10.2015
4.
Recht hat der Mann - dieses Fahrzeug ist eine Zumutung. Auch für Frauen, die diesen Lowball-Müll in der Öffentlichkeit sehen müssen. Muß das denn immer sein, diese Unterschichtendenke, daß Frauen nur Sexobjekte sind? Zum Speiben, von dieser Firma würde ich nichts kaufen, wenn man mit so einem peinlichen Fahrzeug ankommt.
ironbutt 14.10.2015
5. Viele unbekannte Faktoren
Wir wissen ja nicht,, ob Herr W. der EINZIGE Mitarbeiter mit einem solchen Auto ist, oder ob er - als langjähriger Fahrer - nur als ERSTER ein neues Auto im neuen Design bekommen hat. Den Diskriminierungsvorwurf halte ich daher auch für unsinnig/überzogen. Ich persönlich finde das Design auffällig - und daher zweckdienlich/gelungen, aber meine Meinung diesbezüglich komplett ist unerheblich.
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