Neuer Job Fast jeder zweite Arbeitnehmer startet mit befristetem Vertrag

Die Zahl befristeter Arbeitsverträge beim beruflichen Neustart bleibt auf hohem Niveau. Vor allem Frauen werden häufig befristet eingestellt, zeigen aktuelle Zahlen der Bundesregierung.

Arbeitsvertrag
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Mehr als vier von zehn Arbeitnehmern, die eine neue Stelle antreten, werden befristet eingestellt: 41 Prozent der Neueinstellungen waren davon im vergangenen Jahr betroffen. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion hervor, über die die "Rheinische Post" berichtet.

Frauen werden demnach häufiger nur auf Zeit eingestellt als Männer - hier sind 45 Prozent betroffen. Junge Menschen unter 25 Jahre werden zunächst zu 46 Prozent befristet eingestellt. Die Zahlen zur Befristung bei neuen Arbeitsplätzen bleiben damit auf einem relativ hohen Niveau: 2014 waren 44 Prozent der Neueinstellungen befristet, 2015 waren es 41 Prozent, 2016 dann wieder 45 Prozent.

"Häufig begründen Arbeitgeber das mit dem Screening-Argument", sagt Eric Seils, Arbeitsmarktforscher der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung in Düsseldorf: "Die Befristung soll dazu dienen, einen neuen Mitarbeiter erst einmal genauer unter die Lupe zu nehmen."

Das allerdings widerspreche dem angeblichen Fachkräftemangel, über den die Arbeitgeber immer wieder klagen, so Seils: "Wenn der Mangel wirklich so gravierend wäre, dann würden die Unternehmen einem neuen Mitarbeiter doch möglichst einen unbefristeten Vertrag geben, um ihn langfristig zu binden."

Die am Donnerstag bekannt gewordenen Zahlen der Bundesregierung beziehen sich nur auf Neueinstellungen, also 2017 neu ausgefertigte Arbeitsverträge. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hatte Anfang 2017 fälschlicherweise behauptet, 40 Prozent aller Arbeitnehmer zwischen 25 und 35 Jahren seien von Befristungen betroffen. So schlimm ist es nicht. Tatsächlich hat im vergangenen Jahr aber auch die Gesamtzahl der Beschäftigten mit einem befristeten Arbeitsvertrag einen neuen Höchststand erreicht.

Die Befristungen bei Neueinstellungen unterscheiden sich dabei je nach Branche erheblich:

  • In der Nahrungs- und Genussmittelindustrie starten 72,7 Prozent der neu eingestellten Arbeitnehmer mit einer Befristung - der höchste Wert in allen Branchen.
  • Deutlich niedriger sind die Befristungszahlen beispielsweise im Finanz- und Versicherungsgewerbe und im Bereich Information und Kommunikation. Hier sind jeweils 26,9 Prozent der Verträge befristet.
  • Den niedrigsten Wert verzeichnet das Baugewerbe mit 21,9 Prozent.

Neben branchentypischen Bedingungen spiele dabei auch die Betriebsgröße eine erhebliche Rolle, sagt Eric Seils: "Die ganz kleinen Unternehmen sind vom Kündigungsschutz ausgenommen. Die brauchen keine Befristung, um ihre Flexibilität zu erhalten."

Weniger als die Hälfte der Arbeitnehmer, die nur über einen Zeitvertrag verfügen, werden später übernommen. Die innerbetriebliche Übernahmequote liegt bei 42 Prozent. "Sichere und gute Arbeit hat auch in dieser großen Koalition keine Lobby - gerade jungen Menschen und Frauen wird eine planbare, sichere Zukunft verwehrt", kritisierte Susanne Ferschl, Vizechefin der Linksfraktion im Bundestag. Es sei höchste Zeit, Befristungen auf ein Mindestmaß zu reduzieren und sachgrundlose Befristungen ganz zu verbieten, forderte sie.

him/AFP

insgesamt 74 Beiträge
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Seite 1
janne2109 30.08.2018
1. gut so
nach meinen Erfahrungen würde ich heute auch nur noch befristet einstellen
keine-#-ahnung 30.08.2018
2. "Die ganz kleinen Unternehmen sind vom Kündigungsschutz ausgenommen ..
... Die brauchen keine Befristung, um ihre Flexibilität zu erhalten." In diesen zwei Sätzen steckt IMHO das Dilemma rund um die Befristungen - seitdem ich Arbeitgeber bin, habe ich nicht einen einzigen befristeten Arbeitsvertrag geschlossen (Ausbildungsverträge mal aussen vor). Eine Befristung ist m.E. ein "Integrationshemmnis" für einen neuen AN - aber ich muss das auch gar nicht tun, da ich keine 10 Arbeitnehmer dauerhaft in Vollzeit beschäftige. Insofern gilt immer - gute Arbeit --> Aussicht auf ewige Beschäftigung. Sollte der AN aber nach einer gewissen Zeit in ein absehbar längeres "Motivationsloch" fallen oder ich meinen Beruf nicht mehr ausüben können, bin ich in der Lage, das Arbeitsverhältnis ohne jede Begründung fristgerecht unter Achtung der gesetzlich definierten Kündigungsfristen wieder zu beenden. Eigentlich eine win-win-Situation, sollte man meinen. Die rigiden Regeln des gesetzlichen Kündigungsschutzes, so diese dann ab einer entsprechenden Betriebsgrösse wirksam werden, zwingen den Arbeitgeber förmlich zur Befristung.
wannbrach 30.08.2018
3.
Wer ist schuld daran - doch wohl nur die Politik die auf die Wirtschaft hört.
JungUndFrei 30.08.2018
4.
Ich arbeite in F&E in einem großen Industriekonzern und wurde unbefristet und ohne Probezeit eingestellt (als Berufseinsteiger). Es gibt ihn also schon, den Fachkräftemangel. Allerdings besteht dieser Mangel nicht überall und nicht jeder wird aufgrund einer Ausbildung zur gesuchten (!) Fachkraft. Allerdings werden auch bei uns immer weniger neue Stellen in Deutschland geschaffen und immer mehr in anderen Ländern.
wala2903 30.08.2018
5. Fast jeder zweite Arbeitnehmer startet mit befristetem Vertrag....
wie kann man da für die Zukunft planen? Heiraten, Familienplanung usw. wenn keine langfristige Perspektive besteht? Und dann dieses unsägliche Verlangen, sich um Alterssicherung zu kümmern, die unsere "Politiker" zu propagieren! Wie denn, bei 0 % Zinsen? Gut, deren Ein/Auskommen ist gesichert.
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