Debatte um Achtstundentag Das ist Arbeit - und das nicht

Schluss mit dem Achtstundentag: Politik und Wirtschaft wollen Regeln aus dem Arbeitszeitgesetz abschaffen. Dabei ist jetzt schon erstaunlich viel erlaubt.

Spätabends im Büro
Getty Images

Spätabends im Büro

Von und Isabella Reichert


Christoph Schmidt hat für Aufregung gesorgt. Der Vorsitzende der fünf sogenannten Wirtschaftsweisen forderte am vergangenen Wochenende mehr Flexibilität in der Arbeitszeitgesetzgebung und sagte: "Die Vorstellung, dass man morgens im Büro den Arbeitstag beginnt und mit dem Verlassen der Firma beendet, ist veraltet."

Bedeutet das das Ende des Achtstundentags? Ja und nein. Schmidt selbst forderte im selben Interview, die "bestehende Arbeitszeit flexibler über den Tag und innerhalb der Woche zu verteilen", eine "heimliche Ausweitung der Arbeitszeit" lehnt er dagegen ab. Das kann heißen: Arbeitnehmer arbeiten an einzelnen Tagen deutlich mehr und bekommen im Laufe der Woche dafür einen Ausgleich. Oder sie arbeiten in kleineren Blöcken über den Tag verteilt.

Damit liegt er auf einer Linie mit vielen Arbeitgebern. Sie fordern schon seit langem nur noch wöchentliche Obergrenzen für die Arbeit, nicht aber tägliche:

  • Die wöchentliche gesetzliche Obergrenze beträgt 48 Stunden: Mehr Arbeitszeit darf einem Arbeitnehmer nicht aufgebrummt werden. Wobei hier der Samstag als Arbeitstag gilt, so kommt man auf acht Stunden pro Tag. Ausnahmsweise sind auch 60 Wochenstunden möglich, wenn in einem Zeitraum von sechs Monaten die tägliche Arbeitszeit im Durchschnitt immer noch bei acht Stunden liegt. Sprich: Der Arbeitgeber muss dann für einen Ausgleich sorgen.
  • Die täglichen Grenzen liegen etwas enger. Grundsätzlich gilt der Achtstundentag, möglich sind auch zehn Stunden, wenn im Laufe des Halbjahres wieder ein entsprechender Ausgleich gegeben wird. Allerdings sind Pausen da nicht mit drin, ab sechs Stunden Arbeit muss es mindestens eine halbe Stunde Pause geben - üblich sind oft 60 Minuten. Dann kann es oft schon knapp werden mit dem anderen begrenzenden Faktor: Nach der Arbeit muss der Arbeitnehmer mindestens 11 Stunden Pause haben. Diese Pause kann nur geringfügig verkürzt werden, auf 10 Stunden, wenn der Ausgleich binnen vier Wochen gegeben wird.

Die Freunde der Flexibilisierung - etwa in der FDP - verweisen gerne auf europäische Standards und meinen damit die 48-Stunden-Woche. Sie vergessen dabei gern, dass auch die Europäische Arbeitszeitrichtlinie die elfstündige Pause nach dem Feierabend vorsieht.

Auch bei den Jamaika-Sondierungen sind Lockerungen des Arbeitszeitgesetzes ein Streitthema. Neben den Liberalen kann sich auch die Union laxere Regeln vorstellen. Die Grünen sind allerdings bisher klar dagegen.

Vollzeit ist veraltet

Tatsächlich lässt der geltende Rahmen schon relativ viel Spielraum: Gleitzeit, Vertrauensarbeitszeit, Stundenkonten - in sehr vielen Unternehmen gibt es Möglichkeiten, kurzfristig die Arbeitszeit zu ändern, und zwar rechtskonform. Auch gibt es zahlreiche Ausnahmeregeln, etwa für Chefärzte, leitende Angestellte oder Pfarrer. Nur noch sechs von zehn Arbeitnehmern arbeiten heute Vollzeit, die anderen vier Teilzeit. Anfang der Neunzigerjahre war das Verhältnis noch acht zu zwei.

Entsprechend antwortete der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann. "Schmidt ist ein Realitätsverweigerer, wenn er wirklich glaubt, dass in Deutschland starr das Modell nine-to-five vorherrscht."

Nun kann man sich sehr unterschiedliche Situationen vorstellen, in denen die geforderte Flexibilität dem Arbeitnehmer das Leben erleichtert oder erschwert. Wer um 15 Uhr sein Kind in der Kita abholen und am Nachmittag mit ihm spielen möchte, freut sich, wenn er die letzten drei Stunden seines Arbeitstages in den späten Abend verschieben darf und erst dann E-Mails von zu Haus aus bearbeitet. Wer dagegen nach einer Zehn-Stunden-Schicht im Krankenhaus die nächste bereits acht Stunden später antreten soll, reibt sich leicht in der Arbeit auf.

Flexibilität von anderer Seite

Andererseits gibt es schon viel Flexibilisierung, oft völlig ungeregelt, etwa wenn die ersten Dienstmails auf dem Firmen-Tablet in der S-Bahn erledigt werden, und das niemand als "richtige" Arbeitszeit abrechnet. Mancher empfindet das als Erleichterung, andererseits führen diese Möglichkeiten leicht zu Ausbeutung und Selbstausbeutung. Bisher fehlen dafür oft passende Schutzregelungen.

Wenn Ökonomen und Arbeitgeber die Flexibilisierung des Achtstundentags fordern, steht deshalb wohl auch mehr dahinter. Nicht nur Arbeitnehmervertreter sondern auch Krankenkassen fordern schon länger klare Regeln für die digitalen Arbeitsmittel - gerade die Entgrenzung von Arbeit machen sie für den Anstieg von psychischen Erkrankungen bis hin zum Burn-out verantwortlich.

Außerdem kommen die klassischen Arbeitszeiten auch von der Arbeitnehmerseite unter Druck. In der nächsten Tarifrunde will die IG Metall mehr Flexibilität erstreiten: Teilzeit soll sich leichter umsetzen lassen, sie soll finanziell so gefördert werden, dass auch Kleinverdiener sie sich leisten können, und die Rückkehr in Vollzeit soll gesichert werden (lesen Sie mehr dazu im aktuellen SPIEGEL).

Die Pläne verunsichern die Arbeitgeber, Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger sagt: "Wenn jemand an einer Stelle weniger arbeitet, muss jemand an anderer Stelle mehr arbeiten dürfen." Und da wären flexiblere Pausenregelungen aus seiner Sicht ein Vorteil.

Doch daran dürfte sich so schnell nichts Wesentliches ändern. Es gilt die entsprechende EU-Richtlinie, und um die aufzuweichen, braucht man mehr als eine Bundestagsmehrheit.

insgesamt 68 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
FinWir.de 13.11.2017
1. Stagnation des Arbeitsvolumens bei steigender Erwerbstätigkeit
Wir brauchen nicht mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit, sondern wir brauchen weniger Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich. Während die Produktivität um über 40 Prozent zugenommen hat, sind die Reallöhne erst in den letzten drei Jahren leich gestiegen. Bei geringen Löhnen liegen diese sogar unter dem Wert von 2000. Wir haben zu wenig Arbeit und zu viele Arbeiter.
volki1969 13.11.2017
2. Ungerechtigkeit zuerst beheben
Ich bin einer der Glücklichen, der mehr dürfte als er braucht/möchte. Ich wäre erst einmal dafür für Gleichberechtigung zu sorgen . Home office am krankenhaus geht ja schlecht. Aber Angleichung der Arbeitszeiten waere schon mal ein Anfang. Wer am Sonntag vor Weihnachten noch schoppen muss, dem ist eh nicht mehr zu helfen.
sogehtsind 13.11.2017
3. Das ArbZG bietet genug Flexibilität
Jeden Tag steht ein neuer auf, der nach mehr Flexibilität verlangt. Zur Zeit erscheinen sogar (schlecht recherchierte) Presseartikel, die vom Arbeitszeitgesetz berichten und mehr Flexibilität verlangen, offenbar aber den Gesetzestext noch niemals gelesen haben. Danke an den Autor hier, dass er wenigstens die Möglichkeiten bzgl. Ausweitung auf 10 tgl. für einen begrenzten Zeitraum mit Ausgleich aufzeigt. 8 Std im Schnitt und 10 Std Maximum sind mehr als genug. 11 Std Ruhepause sind zur Gesunderhaltung notwendig. Wir sollten uns alle wehren gegen jegliche Aufweichung. Die Arbeitgeber und ein paar Hansel, die nicht verstehen dass sie nur 1 Leben haben, wollen das und alle Schweigenden müssen am Ende drunter leiden!
eunegin 13.11.2017
4. offiziell, inoffiziell, Realität
Wie lange ich offiziell arbeiten muss, weiß ich schon gar nicht mehr. In der Realität bin ich wohl zwischen 60 und 70 Stunden mit dem Job beschäftigt. Mal mehr, mal weniger. Danke, ständige Erreichbarkeit. Ich tue mir weniger leid als meine Kinder und meine Frau. Mein Vater war in den 70'ern um 17 Uhr zu Hause und alles war überschaubar. Erreichbar nur über Festnetz, aber wer ruft den dort an?
Profdoc1 13.11.2017
5. Wir benötigen Fexibilisierung und zwar dringend
Der Vorstoß ist mehr als vernünftig, weil in allen Berufsfeldern, die dynamisch arbeiten, die klassischen Regeleungen nicht mehr funktionieren. In vielen Bereichen der akademisch Qualifizierten reden wir ja auch nicht mehr von Stundenlohn, sondern über Jahresgehalt. Dass das bei anderen Berufsgruppen anders aussieht, ist dabei klar. Es geht mir auch nicht um Ausbeutung, usw., aber wir benötigen einfach eine Adaption der Arbeitszeit an die Aufgaben. Stattdessen werden wieder Ansätze der 60er Jahre diskutiert, um mal etwas provokant zu sein. Ich kenne das AR ziemlich gut, da ich auch im Technologiebereich einige Unternehmen als Hochschul-Start-ups gegründet habe. Aber glaubt denn jemand, dass man sich es erlauben kann nach Arbeitsrecht (Stand heute) zu arbeiten - lächerlich! Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich auch zwischen "Aufhören" und "Anfangen" jemals in meinem nun 28-jährigen Berufsleben 11 Stunden Pause gehabt habe - auch lächerlich. Wer Verantwortung finanzieller und personeller Art trägt, kann sich das nicht leisten. Und das lässt sich nicht mit gesetzlichen Vorgaben regeln. Sehrwohl bin ich dafür, dass abhängig Beschäftigte nicht ausgebeutet werden. Das muss geklärt sein im Rahmen maximaler Fexibilität. Aber bitte nicht mehr.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.