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17. Dezember 2013, 10:35 Uhr

Urlaub ohne Ende

Jetzt aber mal Schluss mit der Arbeit!

Aus Redwood City berichtet

So viel Urlaub machen, wie man mag - ein Traum. Angestellte einer amerikanischen IT-Firma dürfen das. Sie tun's aber nicht. Weil so wenige verreisen, setzt der Chef sogar noch einen drauf: Er schenkt jedem 1000 Dollar, der mindestens eine Woche im Jahr freinimmt.

Christian Kohlschütter zählt seinen Urlaub nur noch bis Tag fünf. Wenn er am Ende des Jahres nachweist, dass er mindestens eine Woche freigenommen hat, zahlt ihm sein Arbeitgeber einen Bonus von 1000 Dollar. Nach oben gibt es keine Grenze: Er kann so viele freie Tage nehmen, wie er will.

Eine Belohnung fürs Urlaubmachen, wenn man unbegrenzt Urlaub machen darf? Für den Informatiker nachvollziehbar: Er kennt einige Kollegen, die seit Jahren nicht verreist sind.

Kohlschütter, 34, arbeitet im Silicon Valley für den Cloud-Dienst Evernote. Sein Chef hat ihn vor einem Jahr persönlich abgeworben, von einem großen deutschen IT-Dienstleister, der unter anderem Software zur Arbeitszeiterfassung entwickelt. Das hat der Oberfranke nun hinter sich gelassen, im doppelten Sinn: Stechuhren sind bei Evernote ein Fremdwort. Gezählt werden weder Überstunden noch freie Tage.

Arbeitszeitregelungen gelten mittlerweile in vielen amerikanischen IT-Firmen als überholt. Ob beim Webdienst Pinterest, dem Spielehersteller Zynga oder bei der Software-Sicherheitsfirma Veracode - den Chefs ist egal, wie die Arbeit erledigt wird. Morgens, abends oder nachts, in drei oder in 14 Stunden. Hauptsache, sie wird erledigt.

"Wir haben auch keine Kleidungsvorschrift. Trotzdem kommt keiner nackt. Merke: Man braucht nicht für alles Vorschriften", so erklärt der Online-Filmverleiher Netflix die Arbeitsphilosophie. In der Firma gibt es die unbegrenzten Urlaubstage bei voller Bezahlung schon seit 2004. Sie werden einfach nicht mehr gezählt. Geschadet hat's wohl nicht: Netflix hat mittlerweile mehr Abonnenten in den USA als der Pay-TV-Gigant HBO, allein in diesem Jahr betrug der Unternehmensgewinn 32 Millionen Dollar.

Christian Kohlschütter gefällt die neue Freiheit: "Wenn ich später ins Büro kommen oder ein paar Tage frei haben möchte, spreche ich es einfach mit meinen Kollegen ab." Urlaubsanträge, Überstundenzettel, auf den ganzen Papierkram verzichte er gern. "Die Arbeit muss gemacht werden, klar. Aber wo und wann, das ist oft Nebensache."

"Jaja, ich weiß, ich sollte mal wegfahren..."

Den Job hätte Kohlschütter auch ohne die unbegrenzten Urlaubstage genommen. Ohne die Putzfrau, die ihm das Unternehmen alle zwei Wochen ins Haus schickt. Ohne das Elektroauto, das er gratis in der Firmengarage aufladen kann. "Das ist alles ganz nett und nützlich, aber darum geht es nicht", sagt er. "Evernote hilft mir dabei, dass ich mich auf meine eigentliche Arbeit fokussieren kann."

Luis Samra ist so auf die Arbeit fokussiert, dass er den 1000-Dollar-Bonus fürs Ausspannen in diesem Jahr wieder verpasst. Der Manager ist bei Evernote fürs Lateinamerikageschäft zuständig, im Urlaub war er seit zwei Jahren nicht mehr. Unglücklich wirkt der quirlige kleine Mann deshalb nicht: "Jaja, ich weiß, ich sollte mal wegfahren. Aber ich hab' einfach so viel zu tun."

Die Zeit, in der andere putzen, auf den Bus warten oder ihr Pausenbrot schmieren, können Kohlschütter und Samra anders nutzen. Und sie nutzen sie, ganz klar, zum Arbeiten. Wo Berufliches aufhört und Privates anfängt, kann bei Evernote niemand mehr sagen.

"Wenn ich im Büro eine E-Mail von meiner Freundin mit Restauranttipps kriege, will ich die nicht erst zu Hause lesen", sagt Linda Koslowski aus der Marketingabteilung. "Umgekehrt lese ich auch am Abend mal E-Mails aus dem Büro. Ich fände es unbefriedigend, wenn ich beides strikt trennen müsste." Das sei mehr als eine Firmenphilosophie - "das ist eine Lebenseinstellung".

Glückliche Workaholics, so könnte man Menschen wie Samra wohl nennen. Er liebt seinen Job, er brennt für seine Arbeit. Sie ist sein Lebensinhalt. Keine Minute scheint er stillstehen zu können, selbst in der Teeküche wirbelt er umher, in der Hand eine Instant-Nudelsuppe. Der Suppenvorrat geht bei Evernote nicht aus. Kaffee, Tee, Obst, reichlich Schokoriegel - die Mitarbeiter können sich zu jeder Tages- und Nachtzeit bedienen. Selbst fürs Abtrainieren der Kalorien muss niemand aus dem Büro: Wer will, stöpselt seinen Laptop am Laufband ein. Oben schreiben, unten laufen, das klappe prima, sagt Koslowskis Kollegin Gina Kim.

40-Stunden-Woche? Das ist ja ein Teilzeitjob

Managementprofessorin Lotte Bailyn vom Massachusetts Institute of Technology sieht die Entwicklung mit Sorge. "Für einen bestimmten Lebensabschnitt, etwa in den Zwanzigern, mag es in Ordnung sein, Privat- und Arbeitsleben zu verschmelzen", schreibt sie in einem Essay zum Thema. Das könne sich aber auch "zu einer ungesunden, lebenslangen Arbeitssucht entwickeln". Innovative und kreative Arbeit komme so sicher nicht zustande.

Bei Evernote bestreitet niemand die heilsame Wirkung einer Auszeit. Dass manche Mitarbeiter trotz unbegrenzter Urlaubstage und 1000-Dollar-Bonus darauf verzichten, dafür könne man ja nun nichts, meint Linda Koslowski. "Wir sind doch alle erwachsen."

Doch wer geht schon nach Hause, wenn die anderen durcharbeiten? Manche Arbeitswütige sehen schon eine 40-Stunden-Woche als Teilzeitjob. Nach acht Stunden Arbeit nach Hause gehen, das sei doch "Karriere-Selbstmord", zitiert das amerikanische Think Tank Center for American Progress einen Manager.

Der Online-Börsenberater Motley Fool schickt Mitarbeiter deshalb jetzt zwangsweise in den Urlaub. Wer in der monatlichen Verlosung gezogen wird, muss binnen 30 Tagen zwei Wochen Urlaub nehmen - und darf in dieser Zeit weder E-Mails ins Büro schicken noch dort anrufen.

Christian Kohlschütter ist zuversichtlich, dass er auch ohne Zwangspause die richtige Balance zwischen Beruf und Freizeit finden wird. Eines sei aber auch klar: "Ich bin nicht zum Ferienmachen hierhergekommen."

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