Arbeitnehmer in Deutschland Überstunden, Schmerzen, Schlafstörungen

Eine Befragung unter 20.000 Angestellten in Deutschland zeigt, wie viele Menschen unter zu viel Arbeit und Stress leiden - und was die häufigsten Symptome sind.

Viel auf dem Schreibtisch
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Viel auf dem Schreibtisch


Arbeitnehmer in Deutschland machen pro Woche fast fünf Überstunden. Das geht aus dem Arbeitszeitreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hervor.

Demnach arbeiten Angestellte in Vollzeit durchschnittlich 43,5 Wochenstunden. Das seien knapp fünf Stunden pro Woche mehr als die durchschnittlich 38,6 vertraglich vereinbarten Stunden, heißt es in der Studie.

Fast jeder achte Arbeitnehmer (13 Prozent) fühlt sich demnach von seiner Arbeitsmenge überfordert. Mehr als die Hälfte (51 Prozent) klagt über häufigen Termin- und Leistungsdruck.

Für die repräsentative Studie wurden im vergangenen Jahr 20.000 Erwerbstätige in Deutschland telefonisch interviewt.

Die zentralen Ergebnisse

  • Lange Arbeitszeiten und Schichtdienst: 17 Prozent der Beschäftigten arbeiten durchschnittlich 48 Stunden und mehr in der Woche. Ein Fünftel der Beschäftigten arbeiten im Rahmen versetzter Arbeitszeiten oder in verschiedenen Schichtsystemen. 55 Prozent aller Vollzeitbeschäftigten wünschten sich kürzere Arbeitszeiten. 35 Prozent der Teilzeitbeschäftigten würden hingegen gern mehr arbeiten.
  • Große Unterschiede bei Männern und Frauen: Teilzeit ist nach wie vor Frauensache. 85 Prozent der Teilzeitbeschäftigten sind weiblich. Demnach arbeiten 42 Prozent der Frauen in Teilzeit, bei den Männern sind es nur sieben Prozent. Der größte Teil der Frauen nennt als Grund persönliche oder familiäre Verpflichtungen, wobei die kürzeren Arbeitszeiten im Vergleich zu den Männern in allen Lebenssituationen zu beobachten sind.
  • Ständige Erreichbarkeit: 22 Prozent der Befragten berichten, dass ihr Arbeitsumfeld von ihnen erwartet, auch im Privatleben erreichbar zu sein. Zwölf Prozent der Befragten werden häufig außerhalb der Arbeitszeit aufgrund dienstlicher Belange kontaktiert, 23 Prozent passiert das manchmal.
  • Flexible Arbeitszeiten: Zwar geben 80 Prozent der Beschäftigten an, in der Regel wochentags zwischen 7 und 19 Uhr zu arbeiten. Allerdings berichten 43 Prozent der Beschäftigten, mindestens einmal monatlich auch am Wochenende zu arbeiten.
  • Mitbestimmung: Etwa vier von zehn Beschäftigten haben selbst großen Einfluss darauf, wann sie mit ihrer Arbeit beginnen und sie beenden (38 Prozent) oder wann sie ein paar Stunden frei nehmen (44 Prozent). Gleichzeitig erlebt mehr als jeder siebte Beschäftigte häufig und jeder vierte Beschäftigte manchmal kurzfristige Änderungen der Arbeitszeit aufgrund betrieblicher Belange.
  • Stresssymptome: Mehr als jeder zweite Beschäftigte klagt laut Studie über Müdigkeit und Erschöpfung (53 Prozent) oder Rücken- und Kreuzschmerzen (51 Prozent). Weit verbreitet sind auch Symptome wie körperliche Erschöpfung (40 Prozent), Schlafstörungen (34 Prozent) oder Niedergeschlagenheit (24 Prozent).

Die Studie untersuchte, wie sich verschiedene Arbeitszeitmodelle auf die Beschäftigten auswirken. Demnach sinkt die Zufriedenheit der Work-Life-Balance mit der Länge der Arbeitszeit, während gesundheitliche Beschwerden wie Rücken- und Kopfschmerzen zunehmen: Bereits ab zwei Überstunden werden deutlich häufiger gesundheitliche Beschwerden genannt und mit steigender Überstundenzahl nehmen insbesondere körperliche Erschöpfung und Schlafstörungen zu.

Auch Beschäftigte, von denen hohe Flexibilität verlangt wird, wie Arbeit auf Abruf, Rufbereitschaft oder kurzfristige Änderungen ihrer Arbeitszeit, schätzten ihr gesundheitliches Befinden tendenziell schlechter ein und sind unzufriedener mit ihrer Work-Life-Balance als andere.

Umgekehrt zeigt sich durchgängig, dass sich Einflussmöglichkeiten der Arbeitnehmer auf die Arbeitszeitgestaltung sowie Planbarkeit und Vorhersehbarkeit der Arbeitszeit positiv auf Gesundheit und Work-Life Balance auswirken.

sun/dpa



insgesamt 56 Beiträge
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fatherted98 10.10.2016
1. Die häufigste Reaktion...
...ist übrigens nicht der Kopfschmerz sondern die Durchfallerkrankung...denn Überforderung und schlechte Behandlung schlagen meist immer erst auf den Magen.
exil-berliner 10.10.2016
2. Kollektivverträge, Tarifverträge = fast Nichts mehr wert..
Reden wir doch mal Tacheles: angenommen ein Arbeitgeber verlangt von seinen Mitarbeiter/innen anstatt z.B. einer im Kollektivvertrag festgesetzten 38,5 Stunden Woche eine 45 Stunden Woche quasi "freiwillig" ohne einen Zeitausgleich (d.h. man kann sich nicht die Überstunden irgendwann "frei" nehmen). Der Arbeitnehmer/in hat eine Familie zu ernähren und kann sich Arbeitslosigkeit nicht leisten. Welche Möglichkeiten hat man gegen die Überstunden vor zu gehen? Möglichkeit a) man besteht auf seine 38,5 Stunden Woche und der Arbeitgeber sucht "andere" Fehler und es läuft auf eine langfristige Kündigung hinaus. Dies bedeutet einen massiven Einkommensverlust für den Arbeitnehmer/in und seine Familie. Bleibt eigentlich nur Möglichkeit b) der Arbeitnehmer/in schluckt die bittere Pille und arbeitet eben freiwillig die gewünschte Arbeitszeit pro Woche. Dadurch behält er seinen Job und die Familie das Einkommen. In der Praxis wird immer von 38,5 Stunden Wochen geredet, das hat mit der Realität in vielen Firmen aber nichts zu tun. Im Ernstfall lässt man sich als Arbeitnehmer/in einiges gefallen, was Stress mit sich zieht, keine Frage. Aber fast alles ist besser als die Arbeitslosigkeit und auf ALG1 bzw. später Hartz4 angewiesen zu sein.
awoth 10.10.2016
3. Wer identifiziert
sich in Deutschland noch mit seinem Job? Wer macht ihn richtig gerne? Würde mich mal interessieren...
allegro_assai 10.10.2016
4. Arme Angestellte
Aha, wenn ich als Angestellter schon über Überstunden, Kopfschmerzen oder Schlafstörungen klage - wie steht es dann im Vergleich um die Selbstständigen?
josifi 10.10.2016
5.
Verbittert, oder? Sie leben im letzten Jahrhundert. Solche Frauen kenne ich (56) nicht, im Gegenteil.
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