Urteil zu Arbeitszeugnissen "Zur vollen Zufriedenheit" muss genügen

Im Arbeitszeugnis wimmelt es von Standardformulierungen. Aber was ist, wenn man sich ungerecht behandelt fühlt? Eine Empfangsdame zerrte ihren Chef bis vors Bundesarbeitsgericht - und verlor.

Geheimcodes in Arbeitszeugnissen sorgen wieder für Ärger
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Geheimcodes in Arbeitszeugnissen sorgen wieder für Ärger


"Zur vollen Zufriedenheit" - das hört sich gut an und war früher auch ein "Gut". Viele Chefs lesen da aber heraus: Die Arbeit des Mitarbeiters war nur durchschnittlich - also befriedigend. Ständen Schulnoten auf einem Arbeitszeugnis, dann würde dort eher eine Drei stehen als eine Zwei.

Aber eine Drei, die wollte eine Frau, 25, die ein Jahr lang bei einem Berliner Zahnarzt am Empfang gearbeitet hatte, nicht akzeptieren. Nach ihrem Abschied hatte ihr der Arbeitgeber eine Beurteilung geschickt, in der stand, dass sie ihre Arbeit "zu unserer vollen Zufriedenheit" erledigt hätte. Sie zog vor Gericht und bekam kein Recht. Heute entschied das Bundesarbeitsgericht in Erfurt: Will ein Mitarbeiter eine bessere Bewertung, muss er genaue Gründe dafür darlegen.

Arbeitszeugnis-Phrasen

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Das Bundesarbeitsgericht folgte damit nicht den Urteilen des Berliner Arbeitsgerichts und Landesarbeitsgerichts. Diese hatten der Empfangsdame in erster und zweiter Instanz bereits die bessere Note "stets zur vollen Zufriedenheit" zugebilligt. Die Argumentation der Richter: Der Satz "zur vollen Zufriedenheit" entspreche nach dem heutigen Verständnis des Wirtschaftslebens nur noch einer durchschnittlichen Bewertung. Da die meisten Arbeitszeugnisse inzwischen gute bis sehr gute Leistungsbewertungen enthielten, könne eine schlechtere Bewertung bei einer Bewerbung zu Nachteilen führen.

Die obersten Arbeitsrichter bestätigten jedoch die bisherigen Bewertungsmaßstäbe: "Studien, nach denen fast 90 Prozent der untersuchten Zeugnisse die Schlussnoten 'gut' oder 'sehr gut' aufweisen sollen", ändern an der Sachlage nichts. Das heißt: Künftig bedeutet der Satz "stets zur vollen Zufriedenheit" - die Beurteilung ist gut. Der Satz "zur vollen Zufriedenheit" entspricht der Note Drei. Diese Note muss der Arbeitnehmer akzeptieren, wenn er vor Gericht nicht beweisen kann, dass er tatsächlich ungerecht benotet wurde.

Obwohl Geheimcodes verboten sind, nutzen Personaler immer wieder verschlüsselte Hinweise. Der Freiburger Fachanwalt, Günter Huber beschreibt das Dilemma: "Das Zeugnis muss so gut wie möglich sein, ohne dass es falsch ist."

Jeder Arbeitnehmer kann bei Verlassen des Unternehmens eine schriftliche Beurteilung seiner Leistung verlangen. Der Anspruch ist gesetzlich geregelt. Dabei wird zwischen einem einfachen und einem qualifizierten Zeugnis unterschieden. In der Praxis ist das qualifizierte Zeugnis Standard, das neben Angaben zu Art und Dauer der Beschäftigung zugleich Arbeitsleistung und Verhalten bewertet.

Die meisten Zeugnis-Streitfälle werden außergerichtlich geklärt. Dennoch beschäftigen sie immer wieder auch die Gerichte. Zu Form und Inhalt dieses wichtigen Papiers in der Bewerbungsmappe gibt es zahlreiche - auch höchstrichterliche - Urteile. Zuletzt entschied das Bundesarbeitsgericht im Dezember 2012, dass Arbeitnehmer keinen Anspruch auf eine Dankesformel haben. 2005 stellten die Bundesrichter klar, dass ein Zeugnis von einem Vorgesetzten unterschrieben sein muss. Und 1999 erklärten sie, dass Knicke im Zeugnisbogen erlaubt sind.

dpa/sid



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Seite 1
stupp 18.11.2014
1.
"Da die meisten Arbeitszeugnisse inzwischen gute bis sehr gute Leistungsbewertungen enthielten, könne eine schlechtere Bewertung bei einer Bewerbung zu Nachteilen führen." Mal im Ernst: welcher Arbeitgeber liest sich diese Pseudo-Zeugnisse noch durch, geschweige denn macht die Entscheidung für eine Anstellung davon abhängig?
AusVersehen 18.11.2014
2. Arbeitszeugnisse nicht zu hoch bewerten
Arbeitgeber sollten die Arbeitszeugnisse von Bewerbern nicht zu hoch bewerten. Als Menschen neigen auch Arbeitgeber dazu nicht die Leistung der vielen Jahre zu beurteilen, sondern die Verwerfungen die zum Bruch gefhrt haben. Und ob der AN Recht hatte oder nicht spielt keine Rolle. Das Zeugnis dient so manchem AG dazu noch einmal ordentlich nachzutreten.Genauso gibt es AGs, die ihre ANs frmlich wegkomplimentieren. So gut sie es auch meinen, auch diese AGs tragen erheblich dazu bei, dass Arbeitszeugnisse das Papier nicht wert sind auf dem sie stehen.Ich hatte AGs mit schlechten Zeugnissen, die sich als Glcksgriff herausgestellt haben und welche mit super Zeugnissen, die eine ganze Abteilung ruiniert haben.Kein Zeugnis ersetzt die Menschenkenntnis.
abby_thur 18.11.2014
3. Urteil zu Arbeitszeugnissen
Wenn im Arbeitszeugnis Noten stehen wrden, wrden die Arbeitnehmer sie ja ohne Probleme verstehen.Das geht ja nicht!
anderermeinung 18.11.2014
4. welcher Arbeitgeber liest ...?
Ich kann mir schon vorstellen, dass nach versteckten Hinweisen gesucht wird. Ansonsten: Die Schulnoten werden immer besser, das frbt auch auf die Ansprche an ein Arbeitszeugnis ab.
eulenspiegel1979 18.11.2014
5. Ich kenne keinen ...
... der sein Arbeitszeugnis nicht selbst im Internet generiert und nur noch zur Unterschrift vorlegt. Erfolg ist nicht das Ergebnis eines Zufalls ;-)Klingt arrogant, aber das Leben ist kein Ponyhof und kmmert man sich nicht selbst um sein Vorankommen, muss man damit leben, was einem vorgesetzt wird. Wenn das in punkto Arbeitszeugnis eine unerwartete schlechte Bewertung ist, dann ist das eben tragisch aber wre sicherlich vermeidbar gewesen.
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