Kommentar zum Arbeitsrecht Schmeißt die Noten aus dem Arbeitszeugnis!

Das Bundesarbeitsgericht urteilt über Zeugnisse - wieder einmal. Dabei sind diese weichgespülten Floskelhaufen inzwischen völlig wertlos. Die Misere wäre leicht zu beenden, aber nicht von Richtern.

War er gut? Im Zeugnis findet sich auf die Frage keine Antwort
Corbis

War er gut? Im Zeugnis findet sich auf die Frage keine Antwort

Ein Kommentar von


"Herr Friedemann hat seine Aufgaben zu unserer vollsten Zufriedenheit erfüllt. Sein Verhalten gegenüber Kollegen war tadellos. Wir wünschen Herrn Friedemann für die Zukunft viel Erfolg und alles Gute."

Na, alles klar? Genau: Herr Friedemann bewegt sich als Arbeitnehmer im Mittelfeld, bestenfalls. Denn vollste Zufriedenheit hat Friedemann nicht "stets" ausgelöst; sein Sozialverhalten war nicht "jederzeit" tadellos; und für die Zukunft wünscht man ihm zwar Erfolg, weil dieser aber nicht "weiterhin" gewünscht wird, darf man folgern, dass er im Job eher erfolglos war.

Zeugnisse sind oft in einer Geheimsprache verfasst, die kaschieren soll, was eigentlich gemeint ist. Klartext: Herrn Friedemanns Leistungen waren durchwachsen, seine Ergebnisse oft mau, und obendrein ist er immer wieder mit Kollegen aneinandergekachelt.

Dass Arbeitgeber ihre Zeugnisse nicht so offen schreiben, kann man ihnen kaum vorwerfen. Sie sind verpflichtet, ihre Bewertungen "wohlwollend" zu formulieren. Dieser arbeitsrechtliche Leitsatz ist gut gemeint: Ein Zeugnis soll, bei aller berechtigten Kritik, dem Arbeitnehmer nicht den Neuanfang in einer anderen Firma verbauen.

Doch das Wörtchen "wohlwollend" verhindert Klartext. Jeder, der sich nicht gut genug bewertet fühlt, zieht vor den Kadi. Meist ändern die Arbeitgeber das Zeugnis spätestens dann ab, um Ärger zu vermeiden. Und bereits im Vorfeld werden die Bewertungen so krude formuliert, dass möglichst niemand dagegen vorgehen kann. Heute hat das Bundesarbeitsgericht darüber entscheiden müssen, ob die Arbeit einer Empfangsfrau "stets zur vollsten Zufriedenheit" war oder nur "zur vollsten Zufriedenheit". Die dritte Instanz urteilt über fünf Buchstaben: S-T-E-T-S.

"...jederzeit zur allerbesten Durchschnittlichkeit erledigt"

Ist Besserung in Sicht? Im Gegenteil. Die Zeugnisschreiber sind eher noch vorsichtiger geworden, seit 2006 das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verabschiedet wurde. Auch das ist gut gemeint, es soll Diskriminierung verhindern. Aber es erweitert wiederum die Klagemöglichkeiten.

Es schien sogar möglich, dass die Erfurter Arbeitsrichter in ihrem heutigen Urteil auch noch den Bewertungsmaßstab verschieben. Formulierungen, die früher die Schulnote "gut" signalisierten, wären dann nur noch "befriedigend" gewesen. Die Vorinstanzen hatten das so gesehen, das Bundesgericht entschied aber, dass die Standardformeln bleiben, wie sie sind.

Am Problem ändert das nichts: Was soll ein Personaler mit Formulierungen anfangen, deren Aussage ungefähr bedeutet: "Herr Friedemann hat seine Aufgaben jederzeit zur allerbesten Durchschnittlichkeit erledigt"? Was bringen die Bewertungen noch? Das qualifizierte Arbeitszeugnis, das harte Fakten mit weichgespülten Bewertungen verbindet, ist nutzlos geworden. Viele Personaler geben darauf schon heute nichts mehr.

Frei von Diskriminierung und Wortschwall

Dabei gibt es seit jeher zwei Arten von Arbeitszeugnissen, eben das qualifizierte und das einfache. Im einfachen Zeugnis steht lediglich, in welchem Zeitraum jemand beschäftigt war, welche Tätigkeiten er für die Firma verrichtet hat, welche Fortbildungen er besucht hat. Der nächste Chef erkennt auf einen Blick den Erfahrungsschatz eines Bewerbers. Ansonsten ist das einfache Zeugnis arm an Ärger, es ist frei von Diskriminierung und wertlosem Wortschwall.

Die Lösung wäre, sich auf das einfache Zeugnis zu beschränken. Für die Arbeitgeber kein Nachteil: Einen Bewerber lernen sie sowieso erst richtig kennen, wenn er im Betrieb ist. Die Probezeit ermöglicht es schon heute, ihn rasch wieder loszuwerden, wenn die Zusammenarbeit hakt.

Von allein wird es jedoch keinen Schwenk auf das einfache Zeugnis geben. Laut Gesetz hat der Arbeitnehmer die Auswahl der Zeugnissorte. Wirklich frei ist die Wahl aber nicht. Wer sich kein qualifiziertes Zeugnis ausstellen lässt, macht sich verdächtig.

Den Schlamassel können die Gerichte nicht beheben, eine Gesetzesänderung tut not. Qualifizierte Zeugnisse gehören abgeschafft, das kann nur der Bundestag beschließen. Es wäre ein Befreiungsschlag: Personaler bekämen nur noch aussagekräftige Zeugnisse, Arbeitsgerichte würden sich viel Arbeit sparen. Und es wäre ein Sieg für Klartext.

  • Matthias Kaufmann (Jahrgang 1974) ist KarriereSPIEGEL-Redakteur.

insgesamt 92 Beiträge
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Seite 1
JeffD 18.11.2014
1. Angebliche Geheimsprache
Von der angeblichen "Geheimsprache" im Arbeitszeugnis liest man immer wieder, welche Regeln bei dieser "Sprache" gelten, weiß aber kein Mensch. Was der eine so versteht, versteht der andere anders und der Dritte verkehrt. Aber wir alle tun weiter so, als gäbe es eine Art Konsens über "geheime" Formulierungen. Bullshit!
marthaimschnee 18.11.2014
2.
Im Gegenteil, weg mit den Beurteilungen und nur noch Noten vergeben! Es kann nicht sein, daß eine Leistungsbeurteilung in beliebig interpretierbaren Floskeln versteckt wird.
delta058 18.11.2014
3.
Warum überhaupt Arbeitszeugnisse? Für die meisten Kündigungen gibt es gute Gründe und viele davon lassen den uch den ehem. Arbeitgeber in keinem guten Licht erscheinen. Wi kann man das ausgehen das das Zeugnis objektiv ist? Was schreibt man denn einem Mitarbeiter der nach jahrelangen Mobbing die Notbremse zieht und kündigt? Was schreibt man einem Mitarbeiter der nicht einsieht 24h 7Tage die Woche für seine Chef verfügbar zu sein? EInfach bleiben lassen spart Zeit.
WwdW 18.11.2014
4. Die Firma die auf ein qualifitiertes Zeugnis bestehen würde
wenn ich mich bewerbe hat halt Pech gehabt. Das ist eh nur noch ein Witz. Und es ist genauso wie oben beschrieben. Die Probezeit zeigt es. Ich bin selbst schon auf gute - sehr gute Zeugnisse von Bewerbern hereingefallen. Ich gebe keine Pfifferling mehr darauf. Als das einfache Zeugnis zusammen mit dem Lebenslauf und schon sieht man was zusammengehört.
Marvin__ 18.11.2014
5. Wozu überhaupt qualifizierte Zeugnisse?
Es ist Aufgabe des neuen Arbeitgebers, im Auswahlverfahren die Qualifikation eines Bewerbers heraus zu arbeiten. Die Meinung des ehemaligen Chefs beim ehemaligen Arbeitgeber sollte da eher drittrangig sein. Zumal sich die 'Noten' eh kaum von einem Arbeitsumfeld auf ein anderes übertragen lassen.
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