Arbeitgeber-Floskeln "Arbeitszeugnissen glaubt niemand mehr"

Weil das Wort "stets" nicht in ihrem Zeugnis stand, zerrte eine Angestellte ihre Chefin vor Gericht - und verlor. Immer wieder gibt es Streit um Zeugnisphrasen. Arbeitsrechtler Jobst-Hubertus Bauer hält das für unnötig und unwürdig.

Warme Worte zum Abschied: Zeugnisse sind oft zu freundlich formuliert
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Warme Worte zum Abschied: Zeugnisse sind oft zu freundlich formuliert


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Der Ort des Geschehens: eine Zahnarztpraxis in Berlin. Die Streithähne: eine Doktorin und ihre Helferin. Ein Jahr lang arbeiteten die beiden zusammen. Die Bürofachkraft saß vorn am Empfang, vergab Termine, verwaltete die Patientenkarteien, tippte Rechnungen. Als sie nach zwölf Monaten die Praxis verließ, schrieb die Chefin ein Arbeitszeugnis - nicht überschwänglich, sondern vermeintlich ehrlich. Das Problem: Es war offensichtlich zu ehrlich.

Die Helferin war mit "zur vollen Zufriedenheit" nicht zufrieden. Sie verlangte, dass im Zeugnis "stets zur vollen Zufriedenheit" stehen solle. Übersetzt wäre das eine Verbesserung von "befriedigend" auf "gut". Und praktisch hätte die Ex-Chefin das auch recht einfach umsetzen können. Sie blieb aber hart und wollte ihrer ehemaligen Angestellten partout nicht die Note "gut" geben. Schließlich ging der Streit durch alle Instanzen.

So übersetzen Sie Ihr Arbeitszeugnis

Die Floskel Die Beurteilung
"stets zur vollsten Zufriedenheit" sehr gute Leistung
"stets zur vollen Zufriedenheit" gute Leistung
"zur vollen Zufriedenheit" Durchschnittsleistung
"zur Zufriedenheit" unterdurchschnittliche/ ausreichende Leistung
"im Großen und Ganzen zur Zufriedenheit" mangelhafte Leistung
"mit Fleiß und Interesse erbrachte Leistungen" oder "bestrebt/ bemüht, den Aufgaben gerecht zu werden" ungenügende Leistung
  • Erste Station: das zuständige Arbeitsgericht Berlin. Dort gaben die Richter der Klägerin recht, ohne darüber Beweis zu erheben, ob sie tatsächlich gute Leistungen erbracht hatte.
  • Zweite Station: Das Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg bestätigte die Entscheidung der ersten Instanz.
  • Dritte Station: Das Bundesarbeitsgericht (Aktenzeichen: 9 AZR 584/13) in Erfurt hob das Urteil der Vorinstanz auf und verwies die Sache zurück ans Landesarbeitsgericht. Das soll nun prüfen, ob die von der Klägerin vorgetragenen Leistungen tatsächlich eine Beurteilung im oberen Bereich der Zufriedenheitsskala rechtfertigen.

Da stellt sich die Frage: Welche Regeln gelten eigentlich für Arbeitszeugnisse? Selbstverständlich sollen sie potentielle neue Arbeitgeber informieren, aber andererseits dem Bewerber keine Steine in den Weg legen. Deshalb müssen Arbeitszeugnisse nach ständiger Rechtsprechung wahr, aber auch wohlwollend sein. Dieser Spagat überfordert viele Arbeitgeber.

Personaler greifen lieber zum Telefonhörer

Ganz anders als die hartnäckige Zahnärztin haben die meisten von ihnen keine Lust, sich in zeitraubende arbeitsgerichtliche Auseinandersetzungen ziehen zu lassen. Das hat zur Folge, dass fast alle Zeugnisse besser sind, als sie eigentlich sein müssten. Und die Konsequenz: Arbeitszeugnissen glaubt kaum jemand mehr. Viele Personalleiter oder potentielle Vorgesetzte greifen zum Telefon und fragen nach, ob sich der Bewerber im vorigen Arbeitsverhältnis bewährt hat. Bei zurückhaltender oder sogar negativer Antwort folgt die schnelle Absage.

Die Gretchenfrage arbeitsgerichtlicher Zeugnisprozesse lautet: Wer trägt die Darlegungs- und Beweislast für die Benotung? Dabei kommt es - und das hat das Bundesarbeitsgericht in der jüngsten Entscheidung nochmals bestätigt - nicht auf die in der Praxis am häufigsten vergebenen Noten an, nämlich zu 90 Prozent "gut" oder "sehr gut". Ansatzpunkt ist die Note "befriedigend" als mittlere Note der Zufriedenheitsskala.

Begehrt ein Arbeitnehmer eine Benotung im oberen Bereich der Skala, muss er darlegen und beweisen können, dass er den Anforderungen "gut" oder "sehr gut" gerecht geworden ist. Ein äußerst schwieriges Unterfangen! Erteilt der Arbeitgeber ein Zeugnis im unteren Bereich der Skala, liegt die Darlegungs- und Beweislast auf seiner Seite.

Warnung vor Betriebsrat

Gelegentlich enthalten Zeugnisse auch Hinweise, die von potentiellen neuen Arbeitgebern negativ verstanden werden, zum Beispiel wenn hervorgehoben wird, dass der Mitarbeiter ein offenes Ohr für Arbeitnehmerinteressen hat. Das kann als Warnung vor Betriebsratstätigkeit oder gewerkschaftlicher Zugehörigkeit verstanden werden. Und wenn es heißt, dass ein Mitarbeiter für ein gutes Klima im Betrieb gesorgt hat, wird darin gern ein Hinweis auf zu große betriebliche Geselligkeit gesehen. Im Übrigen kann ein zu gutes Zeugnis eher kontraproduktiv wirken, nach dem Motto: "Hier stimmt doch etwas nicht!"

Was ist zu tun? Sinnvoll wäre es, Arbeitnehmern nur Anspruch auf ein einfaches Zeugnis einzuräumen, also hinsichtlich Art und Dauer der Tätigkeit. Das würde der Wahrheit dienen. Der positive Nebeneffekt: Arbeitsgerichte würden nicht mehr mit überflüssigen und häufig auch unwürdigen Zeugnisprozessen belastet.



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insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
Attraktor1 07.01.2015
1. Ich gab meinen schlechtesten Mitarbeitern
nach ihrem Ausscheiden immer die besten Zeugnisse...schliesslich sollte die Konkurrenz sie ja einstellen....
schlawa 07.01.2015
2.
Die Floskel, ein elementarer Bestandteil der Deutschen Arbeitswelt. Immer genau auf den Punkt und wer läuft in Deutschland schon ohne "Floskel - Übersetzungstabelle" herum ?
ogg00 07.01.2015
3. Zeugnisse entweder ganz oder gar nicht
Wenn man statt bewertender Zeugnisse nur noch Listen von Tätigkeiten verteilt, kann man es auch ganz lassen. Sinn des Zeugnisses ist es doch, dass ich als Entscheider bei 20 Bewerbungen mir die 3 aussuche, die ich tatsächlich sprechen will. Ich kann nicht alle 20 einladen! Der Artikel gibt ja auch eigentlich den richtigen Weg vor: Jeder bekommt eine 3 und wer besser will, muss auch besser sein. DAS müsste jetzt ein paar mal durchgefochten werden und gut ist's. Zeugnisse abzuschaffen ist nur eine Kapitulation...
ernstmoritzarndt 07.01.2015
4. Lügenzeugnisse
Arbeitszeugnisse sind heute nicht mehr brauchbar. Eine vernünftige Einschätzung des Arbeitnehmers ist über Zeugnisse nicht mehr möglich. Der Rechtsanwalt, der es zu Prozessen um solche Zeugnisse kommen lässt, sollte sein Lehrgeld zurückgeben. Die einzige Position ist der Satzteil "jederzeit treu, ehrlich und zuverlässig" sollte nicht vorkommen, wenn feststeht, daß der Arbeitnehmer gerade das nicht war. Heute gibt es einen Weg: Anruf eines früheren Arbeitgebers, evtl. aus der Branche, oder sonstwie bekannt und Rückfrage: "Würden Sie N.N. wenn er/sie wieder nach Kiel zieht erneut einstellen?" Da hat ein Arbeitgeber eine reelle Chance zu einem ehrlichen Ergebnis zu gelangen. Geradezu kastrophal sind durchprozessierte Zeugnisse, bei denen ein früherer Arbeitgeber etwa sinngemäß wie folgt antwortet: "Über frühere Arbeitnehmer werden telefonisch aus datenrechtlichen Gründen Auskünfte nicht erteilt; es wird auf das schriftliche Zeugnis verwiesen!" Damit weiß jeder, was los ist. Zeugnisprozesse sind überflüssig , wie ein Kropf. Im geschilderten Fall der Zahnarzthelferin wäre dieser Dame viel mehr geholfen gewesen, wenn die Anwälte sich wechselseitig abtelefoniert und eine Lösung gefunden hätten. Am schlimmsten sind die Zeugnisse, die den Arbeitnehmer in den höchsten Tönen "stehts , bei Tag und bei Nacht zu unserer vollsten ..." - loben, nach 4-monatiger Tätigkeit. Frage: Warum wird das AV einer solchen tollen Mittelstütze des Unternehmens eigentlich gekündigt?
mir-san-mir 07.01.2015
5. Schlichter Wahnsinn!
Ich kann die Darstellung von RA Dr. Bauer nur bestätigen. Beim Einstellungsverfahren wird von den meisten Personalprofis bestenfalls der 1. Teil, d.h. die Tätigkeitsbeschreibung, gelesen, da für diese der Grundsatz der Zeugniswahrheit gilt. Gleichwohl ist auch hier Vorsicht geboten, da Mitarbeiter oft versuchen, ihre Tätigkeiten größer darzustellen als sie in Wirklichkeit waren. Da wird dann schnell aus der Mitwirkung an einer bestimmten Aufgbe die "verantwortliche Übernahme" bestimmter Aufgaben. Arbeitgeber sind hier leider oft konzilliant, da es Schadensersatzprozesse wegen falscher Zeugnisangaben praktisch nicht gibt und man sich ungerne über solche angeblichen Lapalien streiten will. Übrigens, auch viele Richter am Arbeitsgericht geben unter der Hand zu, dass sie Zeugnisberichtigungsprozesse hassen, da sie stets wie ein Streit um Kaisers Bart anmuten. Die ganze restliche Lobhudelei lesen dann ohnehin nur noch solche Personaler, die zu viel Zeit haben oder glauben, möglicherweise versteckte Hinweise aufspüren zu müssen. Alles Unsinn und Zeitvergeudung in Personalabteilungen. Darüber hinaus werden im Rahmen von arbeitgeberseitig initiierten Aufhebungsvereinbarungen oft hanebüchen positive Arbeitszeugnisse vereinbart, weill der Mitarbeiter glaubt, dies zur Bedingunng machen zu können und für das Unternehmen gilt die Maxime: Hauptsache der Arbeitnehmer verlässt die Firma ohne Rechtsstreit. Man sollte wie von Dr. Bauer vorgeschlagen das BGB daher dringend dahin gehend vereinfachen, arbeitnehmerseitig künftig nur noch den Anspruch auf ein sog. einfaches Zeugnis geltend machen zu können, in dem dann sachlich der Aufgaben- und Tätigkeitsbereich in zutreffender Weise darzustellen ist. Da aber sowohl Arbeits- als auch das Justizministerium von SPD-Politikern geleitet werden, steht zu bezweifeln, ob eine solche Gesetzesinititative das Licht der Welt erblicken wird - kann man damit doch die vermeintliche SPD-Klientel nicht wie gewohnt bedienen. Was für die FDP die Apotheker und Hoteliers waren, sind bei der SPD eben die (noch) organisierten Arbeitnehmer.
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