Kunstberater Ich such aus, und du zahlst

Ein Gemälde kaufen? Einfach. Eine Kollektion aufbauen? Schwierig. Kunstsammler laufen Gefahr, sich zu blamieren oder draufzuzahlen. Eine kleine verschwiegene Schar von Beratern hilft ihnen auf ihren Beutezügen. Doch auch Art Consultants greifen mal daneben.

Robert Brembeck für manager magazin

Von Klaus Ahrens


Sie ist eine der prominentesten Beraterinnen des Landes, und doch ist ihr Arbeitsplatz bescheiden: ein riesiger alter Holztisch, um den herum zwei Katzen streichen. Viel mehr braucht Mon Muellerschoen in ihrer Schwabinger Altbauwohnung nicht, wenn sie Kunden empfängt, hoch in der Wirtschaft angesiedelte Menschen, die ihre Neigung zur Kunst (und deren Erwerb) entdeckt haben. Und dabei Rat suchen.

Die Namen ihrer Klienten sind Geschäftsgeheimnis, Diskretion ist in dieser Welt des großen Geldes erstes Gebot. Nur einige wenige darf sie nennen, und die sprechen für sich: Roland Berger, Hubert Burda, Christiane zu Salm. Auch ein junger Mann im Alter ihrer Söhne, Student und mit einem Start-up zu reichlich Geld gekommen, macht ihr viel Freude. Er wandte sich kürzlich an sie mit der Bitte, für 50.000 Euro eine kleine Sammlung zu begründen.

"Im Moment sind es etwa 7000 Kunstwerke, die wir hier betreuen", sagt die gelernte Kunsthistorikerin. Sieben bis acht große Sammlungen und noch ein paar kleinere. Dafür nimmt sie ein Honorar von 3 bis 15 Prozent, je nach Auftragsumfang.

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Von Beruf Kunstberater: Kauf doch mal das hier
Ebenfalls mit im Angebot: Auktionsbesuche, Konzepte, nach denen die Werke ausgewählt werden, ein Allroundservice für die Sammler, vom Ateliertreffen bis zu Versicherung und Steuertipps. Und freudiges Networking zwischen den Schicken und Mondänen längs der Isar, das oftmals neue Kundschaft ins Haus bringt. "Ich bin ein Workaholic, mich kann man twenty-four-seven erreichen."

Mon Muellerschoen gehört zur Spitzenriege der kleinen, aber seit einem Jahrzehnt zügig wachsenden Schar der Kunstberater oder, angelsächsisch, Art Consultants. Deren Dienste gern beansprucht werden, wo es unter reichen Privatleuten schick geworden ist, sich mit Kunst zu umgeben. Eine eigene Kollektion sei heute das ultimative "Lifestyle-Tool", sagt Muellerschoen, das Statussymbol schlechthin.

Noch dazu eines, das in besseren Kreisen immer häufiger als sichere, oft sogar äußerst rentable Geldanlage geschätzt wird. Immer vorausgesetzt, der Investor blickt durch im Dickicht der Stile und Moden, der Namen und Preise, der Steuervorteile und Marktusancen. Mit anderen Worten: Wer in der Kunstwelt mitmischen will, ohne sich zu blamieren oder draufzuzahlen, braucht Hilfe, sprich: eine Art Consultant.

Achenbach fing mit Fotos aus Pornoheften an

In den USA, dem Mutterland der Kunstberater, sind das Leute wie Thea Westreich, die eine stattliche Anzahl großkalibriger Privatsammlungen betreut, oder Sandy Heller, der persönliche Berater von Hedgefondsmanager Steven Cohen. Sie ermöglichen Kontakte, Zugriff auf rare Kunstware, stattliche Rabatte für eine oftmals anonyme Kundschaft. 95 Prozent des New Yorker Kunsthandels, schätzte Brett Gorvey, Vizechef bei Christie's, bereits vor Jahren, würden von Scharen hochprofessionell arbeitender Kunstberater generiert - für ihre sammelwütigen Klienten.

In Deutschland erledigen diesen Job Leute wie Mon Muellerschoen, die Gesellschaftsdame mit der Firma MM-Artmanagement in München, der promovierte Kunst-Gentleman Christoph Graf Douglas in Frankfurt am Main oder Helge Achenbach in Düsseldorf, der Doyen der Szene.

Achenbach hat die Zunft in Deutschland begründet; gerade hat er das 40. Jubiläum seiner Existenz als Art Consultant gefeiert. Mit einer Autobiografie, die sich liest wie ein Krimi, weil sie ungeahnte Einblicke in die Kunstwelt bietet. Und auch von den ersten Erfahrungen des Knaben Achenbach mit dem Bilderhandel berichtet, als der zusammen mit einem Klassenkameraden die Pornohefte von dessen Vater fledderte und die Fotos einzeln auf dem Schulhof zu Geld machte. Oder wie er - unwissentlich - die Koksorgien des schwerkranken Malers Jörg Immendorff mit käuflichen Damen finanziert habe.

Achenbach Art Consulting residiert in einer Reihenvilla in Düsseldorf-Oberkassel, nur einen Steinwurf vom Wohnsitz des Ortsheiligen Joseph Beuys entfernt, dessen alten Bentley er fährt.

"Ich habe etliche Familien glücklich gemacht"

Der bullige, immer freundlich zugewandte und umtriebige Inhaber blickt von seinem Chefbüro direkt in den Garten, an den Wänden hängen Großformate, ein Waldfoto von Thomas Struth, eine Malerei des Dänen Tal R, über dem roten Florence-Knoll-Sofa eine Leuchtstoffschrift.

"Ich habe etliche Familien glücklich gemacht", sagt Achenbach (ehemals glückloser Präsident des Fußballvereins Fortuna) in verhobener Bolzplatzmetaphorik, "indem ich ihnen mit der Kunst ein neues Feld in ihr Leben gespielt habe."

Zu seinen Klienten gehören etwa Frieder Burda, Friedrich Christian (Mick) Flick und der Verleger Bernd Lunkewitz. Zusammen mit den Brüdern Viehof, Erben des Allkauf-Milliardärs, und Hedda im Brahm-Droege, Gattin des Unternehmensberaters Walter Droege, hat er die Kunstsammlung Rheingold ins Leben gerufen, die durch eine spektakuläre Sammlung und aufsehenerregende Ausstellungen von sich reden macht. Was wiederum den Marktwert der Kunststücke steigern und zugleich Steuern sparen kann.

Auf den gemeinen Manager freilich ist Achenbach gar nicht gut zu sprechen. Der Mann, der nach dem Studium der Sozialpädagogik und Ausflügen in die sozialistische Nach-68er-Hochschulpolitik eine Reihe stolzer Unternehmenssammlungen bei Banken und Versicherungen aufbaute, musste mehrfach erleben, dass bei Schieflagen oder Personalwechsel in der Chefetage der Kunstbesitz ganz schnell unter den Hammer kam.

Die Lehre, die er daraus gezogen hat: "Das Kulturengagement bei Unternehmen funktioniert nur, solange die Sonne scheint. Wenn es regnet, wird gekürzt." Immer wieder beobachtete er, "dass die Manager einen Tunnelblick kriegen, seelenlos werden und sich am Ende gegen den Menschen und die Kultur entscheiden". Gottlob gibt es noch den begüterten Privatier.

Als Gerhard Richter noch Ladenhüter war

"Es melden sich Menschen bei uns", erzählt Achenbach, "die haben was Tolles aufgebaut, haben 150 Millionen auf der Kante und sagen: Hey, wir wären interessiert, mal über Kunst zu sprechen." Für die steht dann die Achenbach-Firma State of the Art, International Art Advisory bereit. Er selbst, ein Finanzmann und acht Mitarbeiter kümmern sich dort um 20 bis 25 Sammler.

Besorgen den strategischen Aufbau einer Kollektion, den Kauf von Kunstwerken, Versicherung und Logistik. Mit klarer Vergütungsstruktur für die Dienstleistungen. Natürlich macht er seinen Kunden, wie alle anderen seriösen Kunstberater auch, keine Gewinnversprechen. Er sei ja schließlich kein Berater für reines Kapitalinvestment, aber die Chance, dass eine derart strukturierte Sammlung auch Mehrwert erbringe, liege bei 60 bis 70 Prozent.

"Ich habe in meinem Leben für 750 bis 800 Millionen Dollar Kunst gekauft", rechnet Achenbach im Kopf vor, "die ist heute locker 4,5 Milliarden wert." Er kann auch mit Beispielen dienen. 1982 verkaufte ihm ein legendärer Kölner Galerist ein Kerzenbild von Gerhard Richter, damals ein Ladenhüter, für 18.000 Mark. Das Werk reichte er weiter an einen Unternehmer.

Als der 1984 in eine finanzielle Krise geriet, nahm Achenbach das Bild zurück. Und verkaufte es - Richter war inzwischen begehrt - für 90.000 Dollar an einen New Yorker Sammler, der es vor ein paar Jahren für 6,5 Millionen Dollar versteigern ließ. Woraus der Kunstberater wehmütig die Schlussfolgerung zieht: "Verklopp nicht, behalte, was du hast."

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Mein Büro als Museum: Kunst für die Firma
Und er wäre nicht Achenbach, wenn er basierend auf dieser Weisheit nicht längst ein Projekt entwickelt hätte. In Gestalt einer Stiftung auf Lanzarote, in die er seine eigene Sammlung eingebracht hat. Fest in dem Glauben, dass so "der Mehrwert ein Vielfaches von dem ist, was ich nach einem Verkauf auf dem Bankkonto sähe".

Ebenso hält es Christoph Graf Douglas, wenngleich auf andere Weise. Douglas teilt sich ein stilvoll hergerichtetes Büro in einem Bürgerhaus im Frankfurter Westend mit seiner Frau Bergit, einer Innenarchitektin und Schwester von Richard Oetker, dem Chef der Bielefelder Oetker-Gruppe.

Während sich Bergit etwa um die Ausstattung der Luxushotels des Oetker-Konzerns kümmert, arbeitet der Graf als Berater. Bis 1995 war der promovierte Kunsthistoriker lange Jahre Geschäftsführer von Sotheby's Deutschland. Ein einziges Wheeling and Dealing, das der Naturliebhaber und Besitzer großer Forstareale am Bodensee so nicht mehr mitmachen mochte.

"Ich wollte mich lieber in meine Bibliothek zurückziehen", sagt er, "nicht 365 Geschäfte im Jahr abwickeln, auch nicht 30, sondern vielleicht nur zehn, die Sache in Ruhe angehen. Das hat glücklicherweise funktioniert."

Je diskreter ein Markt, desto schöner die Sagen

Vor gut einem Jahrzehnt nahm er sich des Verkaufs einer großen Expressionistensammlung der ostwestfälischen Textilgruppe Ahlers an. Danach hat er viele Werke für den hohenlohischen Schraubenmagnaten Reinhold Würth beschafft. So auch die Holbein-Madonna für 53 Millionen Euro aus dem Besitz des Hessischen Fürstenhauses. In diesem Jahr, verrät Douglas, habe er das teuerste Bild seines Lebens verkauft, "wesentlich teurer als die Holbein-Madonna". Leider könne er weder Preis noch Maler nennen - und schon gar nicht Käufer und Verkäufer.

Je diskreter ein Markt, desto schöner die Sagen und Gerüchte, die sich um seine Akteure ranken. Sie erzählen von unglaublich reichen Sammlern, die außer ein paar Beratern niemand kennt. "Ich verfüge über eine gute Kartei", sagt Douglas. Alles vermögende Leute, denen er sagt, was sie kaufen sollen und was nicht. "Der Kunstberater hat die Aufgabe, mit seinem Auge die richtige Qualität zu suchen."

Seine goldene Regel: Wenn du vorsichtig sein möchtest mit deinem Geld, dann kaufe große Namen. Bei ihnen können die Preise auch mal runtergehen, aber sie werden bleiben. Kaufe nur mit einem kleinen Prozentsatz deines Geldes aktuelle Kunst. Und das nach Gefühl. Denn auch das Kunstgeschäft hat schon dramatische Abstürze erlebt. Nur wird darüber ungern gesprochen, die Welt ist süchtig nach Siegesmeldungen.

Wie ihre Kollegen rät auch Mon Muellerschoen davon ab, "rein auf Wertsteigerung" zu setzen. Die Verantwortung sei ihr zu groß. "Ich bin ein ehrlicher Mensch und will nachts ruhig schlafen." Der Statusgewinn, der mit angesagter Kunst einhergeht, ist für viele Sammler schon Gewinn an sich.

    Klaus Ahrens ist Redakteur beim manager magazin.

insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Na Sigoreng 14.02.2014
1. "Ich such' aus und du zahlst"
.... kenn' ich von meiner Frau.
olle b 14.02.2014
2. ich male
Bilder, deren Wert ständig wächst - eines Tages plötzlich quadratisch. Der Grund dafür: Ich werde es nicht erleben. LG mystery-film
olle b 14.02.2014
3. ich male
Bilder, deren Wert ständig wächst - eines Tages plötzlich quadratisch. Der Grund dafür: Ich werde es nicht erleben. LG mystery-film
charietto 14.02.2014
4. Wieso
Zitat von sysopRobert Brembeck für manager magazinEin Gemälde kaufen? Einfach. Eine Kollektion aufbauen? Schwierig. Kunstsammler laufen Gefahr, sich zu blamieren oder draufzuzahlen. Eine kleine verschwiegene Schar von Beratern hilft ihnen auf ihren Beutezügen. Doch auch Art Consultants greifen mal daneben. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/art-consulting-wie-kunstberater-fuer-reiche-sammler-arbeiten-a-953247.html
Beutezüge? Eignen die Sammler sich die Werke etwa mit Gewalt an? So wie die Nazis damals? Wortwahl, lieber SPON, Wortwahl!
al-berlin 14.02.2014
5. Inspiration
wenn man sich auf der Abseite von Min Müllerschön die unter 'Inspiration' aufgeführten Künstler und Illustratoren ansieht, ist von Qualität aber wenig zu spüren ... Schön bunt is halt!
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