Asbest, Uran Der verzweifelte Kampf der Berufskranken

Dieter Schümann hat jahrelang mit hochgiftigem Asbest gearbeitet, heute ist er schwer lungenkrank. Von den Berufsgenossenschaften kann er keine Hilfe erwarten. Hunderttausende Berufskranke in Deutschland müssten beweisen, dass die Arbeit sie krank machte - doch viele Gutachter sind voreingenommen.

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NDR

Sein leises Schnaufen wird immer wieder durch das monotone Pumpen der Sauerstoffmaschine unterbrochen. Dieter Schümann sitzt auf einem Fahrrad in seinem Arbeitszimmer und strampelt mit aller Kraft. Er kämpft mit der Luft. Nur die Plastikschläuche in seiner Nase versorgen ihn noch mit lebensnotwendigem Sauerstoff.

Jeden Tag muss er sich das antun, als Bewegungstherapie. Sein Körper ist vergiftet, die Lunge voller Asbestfasern. Deshalb gelangt nicht mehr genug Sauerstoff in sein Blut: "Sobald ich mich anstrenge, kriege ich keine Luft mehr, dann muss ich mich hinsetzen."

Jahrzehntelang verarbeitete Dieter Schümann als Klempner in Hamburg Asbest. Im boomenden Nachkriegsdeutschland wurde das Material wegen seiner Isolierfähigkeit als "Wunderstoff" gefeiert. In der Hochphase wurde Asbest daher tonnenweise verbaut. "Keiner hat gewusst, wie gefährlich das ist, keiner hat uns gewarnt", so Schümann. Seine Krankheit ist vierzig Jahre später ausgebrochen.

Tausenden ehemaligen Arbeitern geht es ähnlich. Obwohl Asbest 1993 verboten wurde, wird die Zahl der Kranken noch bis 2017 immer weiter steigen. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass jährlich 100.000 Menschen an den Folgen von Asbest sterben.

Scheitern an der Beweislast

Wer in Deutschland durch die Arbeit krank wird, hat Anspruch auf Entschädigung durch die Berufsgenossenschaften. Damit aber fängt für viele das Problem erst an: Der Betroffene muss nachweisen, dass die Arbeit ursächlich schuld an seiner Erkrankung ist. Erst dann wird die Berufskrankheit anerkannt, und man bekommt bei entsprechender Beeinträchtigung eine Rente zugesprochen. Doch weil es mitunter Jahrzehnte dauert, bis eine Berufskrankheit zum Ausbruch kommt, ist es für die Betroffenen oft unmöglich, die Ursache ihres Leidens zweifelsfrei nachzuweisen.

Wie bei Joachim Seidel. Stolz schreitet er die engen, finsteren Gänge in einem Schaubergwerk der ehemaligen Wismut AG entlang. Hier, im sächsischen Bergbaugebiet, hat er als junger Mann gearbeitet. "Ich bin Bergmann, wer ist mehr - das war unser Motto damals", erzählt er. Als Hauer hat er hier, Kilometer unter der Erde, unter ohrenbetäubendem Lärm und in stickiger Hitze gebohrt, geschleppt und gekloppt.

Die Wismut AG stieg zum drittgrößten Uranproduzenten der Welt auf, bis zu 200.000 Menschen arbeiteten in dem gigantischen DDR-Betrieb. Das Unternehmen half, die aufstrebende Atommacht Sowjetunion mit Uran zu versorgen.

Zeitmaschine in die Vergangenheit

"Wie gefährlich das war, hat uns damals niemand gesagt", erzählt Seidel. Der mangelhafte Arbeitsschutz hat sein Leben für immer verändert - denn das Uran und seine ionisierenden Strahlen machten ihn zeugungsunfähig. Der 67-Jährige lebt heute allein mit seiner Frau Irene an der Ostsee in Mecklenburg-Vorpommern. "Gerade jetzt im Alter ist es traurig, dass wir allein geblieben sind", sagt Joachim Seidel. Jeden Tag spürt er die Folgen seiner harten Arbeit unter Tage, denn die Schlepperei hat auch seine Schulter kaputtgemacht, und durch die lauten Bohrmaschinen hat er Tinnitus bekommen.

Eine Entschädigung durch die zuständige Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie in Gera bekommt er trotzdem nicht. Denn Joachim Seidel müsste Zahlen vorweisen, die seine hohe Strahlenbelastung unter Tage belegen. Dabei liegt seine Arbeit Jahrzehnte zurück, längst sind die Schächte geschlossen. Eigene Zahlen hat er also nicht, mit den offiziellen Zahlen der Wismut AG kommt er nicht weiter. "Die Messungen von damals sind fernab der Realität, schließlich war niemand daran interessiert, die wahren Gesundheitsgefahren durch den Umgang mit dem hochgefährlichen Material zu dokumentieren", sagt Sebastian Pflugbeil, Physiker und Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz.

Deshalb hat die Berufsgenossenschaft (BG) eigene Zahlen geschätzt, die jedoch fast mit den offiziellen Wismut-Zahlen übereinstimmen. "Im Endeffekt haben wir nichts besseres", sagt BG-Bezirksdirektor Ulrich Grolik im Interview für die NDR-Dokumentation "Vergiftet - Wenn Arbeit krank macht". "Die einzige Lösung", so Grolik, "wäre eigentlich eine Zeitmaschine."

97 Euro: "Eine Verhöhnung der Opfer"

Seit 16 Jahren kämpft Seidel um die Anerkennung seiner Berufskrankheit. An das Warten hat er sich gewöhnt. Erst vor zwei Tagen bekam er wieder Post vom Sozialgericht. Immer wieder hat er neue Hoffnung, immer wieder bekommt er die gleiche Nachricht: Antrag abgelehnt.

Auch bei Dieter Schümann in Norderstedt bestimmt der Kampf um Anerkennung seit Jahren den Alltag. Die Krankheit diktiert, wann er das Haus verlassen kann, wann er schlafen darf und wann er an seinem Schreibtisch sitzen muss. Mit der Anzeige seiner Asbestose als Berufskrankheit begann für ihn ein zermürbendes Verfahren, wie es Tausende Berufskranke jedes Jahr durchleben.

Die Berufsgenossenschaft stellt dem Erkrankten drei Gutachter zur Auswahl, die über die Anerkennung entscheiden. Bezahlt werden diese Gutachter von der BG. "Mein erster Gutachter hat mich weder angeschaut, noch untersucht. Der hat einfach behauptet, dass er keine Asbestose feststellen kann", sagt Dieter Schümann.

Insgesamt fünf Gutachten musste er stellen lassen und bis vor das Bundessozialgericht ziehen, bis seine Asbestose als Berufskrankheit anerkannt und ihm eine Rente zugesprochen wurde. Heute hat Schümann durch seine Berufskranken-Rente monatlich 97 Euro mehr auf dem Konto: "Ich empfinde das für so ein schwere Krankheit als eine Verhöhnung der Opfer."

Große Versprechungen, keine Wirkung

Die beiden sind keine Einzelfälle: 2010 wurden in Deutschland etwa 70.000 neue Berufskrankheiten angezeigt. In weniger als einem Viertel dieser Fälle wurde anerkannt, dass eine Berufskrankheit vorliegt. Eine Rente bekamen nicht einmal zehn Prozent der angezeigten Fälle zugesprochen.

"Die Hürden für Berufskranke in Deutschland sind sehr hoch", sagt Xaver Baur, Professor für Arbeitsmedizin in Hamburg. Der Asbest-Experte hat täglich Gutachten von Kollegen auf dem Tisch, die nicht den aktuellen medizinischen Standards entsprechen. "Das Problem ist, dass wir es häufig mit abhängigen und unqualifizierten Gutachtern zu tun haben", so Baur. Zwar wurde in Sachen Asbest vor kurzem eine Leitlinie verabschiedet, die gewisse medizinische Standards zur Begutachtung der Berufskranken festlegen soll - zwingend daran gebunden sind die Gutachter jedoch bis heute nicht.

Dieter Schümann kämpft mit seiner Asbestose-Selbsthilfegruppe für verlässliche Standards in Sachen Gutachter. Bis zum Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat er es schon geschafft. "Die haben mir in Berlin große Versprechungen gemacht, doch getan haben die gar nichts", erzählt er.

Immer wieder kocht das Thema politisch hoch, aber ein Systemwechsel scheint in weiter Ferne. Auf grüne Initiative will Bremen nun über den Bundesrat eine Umkehr der Beweislast erreichen und sich für eine neutrale Gutachterstelle einsetzen. Dann müsste die Versicherung in Zukunft beweisen, dass die Erkrankung nicht durch die Arbeit verursacht wurde.

  • Michael Wagenhäuser
    KarriereSPIEGEL-Autorin Pia-Luisa Lenz (Jahrgang 1986) ist freie Journalistin in Hamburg. Zusammen mit Christian von Brockhausen recherchierte sie monatelang zum Thema Berufskrankheiten für die NDR-Dokumentation "Vergiftet".



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