Karrierejob Assistent Rechte Hand der Macht

Als Assistent eines Vorstands kann man im Turbotempo Karriere machen - oder im Vorzimmer des Chefs versauern. Manche verändern die Strategie des ganzen Konzerns, andere werden von ihrem Boss zum Jasager dressiert. Ein Report aus den Vorstandsetagen von Adidas, Bayer und Porsche.

Von

Dirk Bruniecki

Gegen halb acht am Morgen horcht Herzogenaurach noch in die Stille, ruhig liegt der Adidas-Campus am Rande des Frankenstädtchens. Neben dem firmeneigenen Stadion hockt das neue Hauptquartier: drei Streifen auf Stelzen, viel Glas und kühn schwingende Brücken im Atrium, die an Schnürsenkel erinnern sollen.

An einem der Schnürsenkelenden im dritten Stock nutzt Erika Swan, 32, blond, grünblaue Augen, die Gunst der frühen Stunde. 15 Termine weist ihr Kalender für die kommenden zwei Tage auf, Meetings, Telefonkonferenzen, Besprechungen, eng getaktet, kaum Pausen. Für Präsentationen, Protokolle, E-Mails bleiben ihr nur die Randzeiten.

Um zehn steht ein "Strategy Champions Alignment Call" mit Führungskräften in aller Welt an. Besprochen werden die Fortschritte auf der "Route 2015", der Ende 2010 verabschiedeten Gesamtstrategie des Sportartiklers. Swan hat die fernmündliche Konferenz vorbereitet; am Ende muss sie die Resultate für ihren Chef zusammenfassen. "Mein Job ist es, Glenn den Rücken freizuhalten, damit er über alles informiert ist, aber nur mit wichtigen Entscheidungen behelligt wird."

Glenn Bennett: Vorstand Global Operations (GOP), als Chief Operating Officer zuständig für Einkauf, Produktionsplanung und Logistik von Adidas. 3000 Mitarbeiter, 35 Standorte, 450 Millionen Produkte, zu 95 Prozent hergestellt von unabhängigen Vertragslieferanten. Ein Koordinationsalbtraum. Oder, wie Bennett sagen würde: eine sehr schöne Herausforderung.

Winterkorn, Großmann, Grube, Döpfner: Vom Assistenten zum Chef

Swan: Seit einem Dreivierteljahr Bennetts Assistentin und somit Inhaberin einer Position, welche die Fantasie talentierter Young Professionals ins Kraut schießen lässt wie kaum eine zweite. "Keine andere Stellung bietet Berufsanfängern einen derart tiefen und umfassenden Einblick in ein Unternehmen aus der Perspektive des Topmanagements", sagt Christoph Gottschalk von der Personalberatung Russell Reynolds.

Mit gebetsmühlenhafter Routine wird die Position als Sprungbrett und Turbo für den Aufstieg gelobt. Volkswagen-Chef Martin Winterkorn, Ex-RWE-Boss Jürgen Großmann, Bahn-Chef Rüdiger Grube, Springer-Vorstand Mathias Döpfner - wie Sterne blitzen am Karrierefirmament die Namen derer, die es vom Assistenten des Vorstands zum Vorsitz desselben geschafft haben.

Doch die Position kann je nach Unternehmen, Bereich und - vor allem - dem jeweiligen Chef extrem unterschiedlich ausfallen. Vorstandsassistenten können zum geachteten Sparringspartner avancieren wie bei René Obermann, der sich mit seinen Assistenten "von Nutzer zu Nutzer" über Web-Trends austauscht - oder als gehobener Privatsekretär versauern wie unter dem Ex-Vorsteher einer Frankfurter Großbank, der sich gern morgens den Friseur ins Büro bestellte, abgeholt vom Assistenten.

Fehltritte werden riskanter

Sie konnten schon immer steil nach oben schießen, wie die Ex-Eon-Granden Hans Michael Gaul, Ulrich Hartmann und Henrich Wilckens, die alle durch die Assistentenschleiferschule des legendären Rudolf von Bennigsen-Foerder gegangen waren. Oder enden wie Ex-VW-Mann Klaus-Joachim Gebauer, Kurzzeitvorstandsassistent und Personalmanager für sehr spezielle Spezialaufträge ("Gebauer, wo bleiben die Weiber?"), Kündigung und Gerichtsverfahren inklusive.

Für die rund 6000 Vorstandsassistenten in Deutschland präsentiert sich der Mix aus operativen und taktischen Aufgaben heute zunehmend anspruchsvoller und fordernder, Vorstände wechseln schneller, Fehltritte sind riskanter. "Die Assistenz hat das Potential, Aufstiege zu beschleunigen, ist aber keine Karrieregarantie mehr", sagt Markus Frosch, Partner der Personalberatung Promerit. Wer die Gretchenfrage der Position - Coach oder Kuli? - am Ende wunschgemäß beantworten will, muss die richtigen Stellschrauben kennen.

Erika Swan leitet auch die Strategieabteilung von Global Operations bei Adidas, was ihr Arbeitspensum nicht gerade verringert. Bis zum frühen Nachmittag hat sie noch ein Gespräch mit der Dame von der internen Kommunikation absolviert sowie mit Senior Vice President Wim van Aalst eine Initiative diskutiert, in der sich die großen Textilhersteller dazu verpflichten, bis 2020 auf eine Reihe giftiger Chemikalien zu verzichten.

Nächster Programmpunkt: der Status im Projekt "Global Foundation Range". Ziel: die Zehntausenden verschiedenen Artikel, die Adidas pro Jahr auf den Markt bringt, zu reduzieren - und damit auch die Materialpalette zu straffen.

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Seite 1
ekel-alfred 02.08.2012
1. Die dunkle Seite der Macht
Zitat von sysopDirk BrunieckiAls Assistent eines Vorstands kann man im Turbotempo Karriere machen - oder im Vorzimmer des Chefs versauern. Manche verändern die Strategie des ganzen Konzerns, andere werden von ihrem Boss zum Ja-Sager dressiert. Ein Report aus den Vorstandsetagen von Adidas, Bayer und Porsche. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,834961,00.html
Ja..ja...aber dann mit 35 an BurnOut erkranken. Mensch Junge, wach auf! Das Leben hat mehr zu bieten, als rund um die Uhr erreichbar zu sein.
c_c 02.08.2012
2. ...
für wieviel Geld verzichten diese Leute auf eigenes Leben, nur um im nächsten Job weiter auf eigenes Leben zu verzichten, wieder für Geld? Was haben solche Handlanger und (Re)Präsentationsjobs mit Karriere zu tun? Wie glaubwürdig ist diese 'Karriere', wenn sie eben doch hauptsächlich von Glück abhängt? Kurz: wem wollt ihr eigentlich was vormachen?
leserin_45 02.08.2012
3. Leserin_45
Soltlen wir den Begriff nicht politisch korrekt in "Linke Hand der Macht" umbenennen... ?
Ameisenbauer 02.08.2012
4.
Zitat von sysopDirk BrunieckiAls Assistent eines Vorstands kann man im Turbotempo Karriere machen - oder im Vorzimmer des Chefs versauern. Manche verändern die Strategie des ganzen Konzerns, andere werden von ihrem Boss zum Ja-Sager dressiert. Ein Report aus den Vorstandsetagen von Adidas, Bayer und Porsche. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,834961,00.html
Und was hat er dann nach 10 Jahren davon? Irgendwann 40 Jahre alt, keine Familie (weil keine Zeit dafür gehabt), keine richtigen Freunde mehr (weil keine Zeit dafür gehabt), zwar viel Geld, aber eine leere und einsame Wohnung, dann der erste BurnOut/Depression, Einsamkeit, sich ab und zu mal ein bissl "Liebe" für eine Nacht kaufen, aber davon wird man auch nicht glücklich. Und solche Zombies sitzen dann vielerorts in den Geschäfts- und Managementetagen ...
zerr-spiegel 02.08.2012
5. Großmaul
Zitat von sysopDirk BrunieckiAls Assistent eines Vorstands kann man im Turbotempo Karriere machen - oder im Vorzimmer des Chefs versauern. Manche verändern die Strategie des ganzen Konzerns, andere werden von ihrem Boss zum Ja-Sager dressiert. Ein Report aus den Vorstandsetagen von Adidas, Bayer und Porsche. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,834961,00.html
Mein Ex-Chef hätte so einen Kasper nicht eingestellt. Jemand, der nicht weiß was Freizeit ist und sie dementsprechend auch nicht nutzen kann, ist kein Mensch, sondern eine Maschine. Und Maschinen stehen in der Fabrikhalle, die haben nichts beim Vorstand zu suchen.
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