Aufnahmetests für junge Werber "Der erste Schritt zur Unsterblichkeit"

Viele suchen Zugang zur wundersamen Welt der Werbung, punkten können sie nur mit Kreativität. Das prüfen Agenturen gern mit Copy-Tests. Was die alles wissen wollen: Mal sind die Aufgaben sturzseriös und alltagsnah, mal angenehm krumm. Und durchweg unterhaltsam.

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Webseite der Agentur Jung von Matt: Hinein in die Reklamewelt

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Wolle mer se reinlasse? Nö. Also, manche unbedingt. Aber auf keinen Fall alle. Denn die Währung der Werbung heißt Originalität. Und die muss unter Beweis stellen, wer Einlass begehrt bei den großen und kleinen Agenturen der Republik.

Was bei Bewerbungen für die Werbung zählt, ist der Kampf um Aufmerksamkeit. Dieser Kampf wird Einsteiger möglicherweise ihr Berufsleben lang begleiten, denn in der Alltagsarbeit der Agenturen geht es ja nicht anders zu: Aufmerksamkeit der Verbraucher ist ein kostbares, ein höchst flüchtiges Gut. Weil Werbung oft als lästig und aufdringlich wahrgenommen wird, blenden viele sie aus. Also buhlen Werber um ein paar Sekunden für ihre Anzeigen, Filme und Radiospots. Hingucker und Hinhörer müssen es sein, überraschend und zugleich verständlich.

Solche Werbung zu produzieren, ist eine Kunst für sich. Zur Talentsichtung setzen nicht alle, aber viele Agenturen Copy-Tests ein. Ein Klassiker. Oft sollen die Interessenten Beispiele für gute und schlechte Kampagnen nennen und ihr Urteil begründen. Daneben bewerfen Agenturen die Bewerber, die stets rücksichtslos geduzt werden, mit einer Handvoll Aufgaben, meist zwischen fünf und zehn und aus verschiedenen Werbegattungen vom Claim bis zur Longcopy, vom Radiospot bis zu Social Media.

Wenn Werber besonders kreativ sein wollen, versteht der Konsument oft nur Railway Station, also Bahnhof - bei englischer Reklame nämlich. Komm rein und finde wieder raus: Begreifen Sie, was diese zehn Sprüche uns sagen sollen? mehr...

Manche davon sind mitten aus dem Agenturleben gegriffen und nennen auch reale Kunden: eine Anzeigenserie für Mercedes konzipieren oder dem Metzger nebenan einen griffigen Werbespruch verpassen. Andere Aufgaben sind von skurriler Bauart und sollen die Fantasie der Kandidaten in Wallung bringen. Denn darauf kommt es im Beruf an: neue Herausforderungen annehmen, um die Ecke denken, die Kundschaft nicht mehr als unbedingt nötig langweilen.

"Hab Spaß. Es ist nur Werbung."

Ähnlich wie im Journalismus gibt es keine geregelte Ausbildung zum Werber. Der Beruf ist weit offen für Quereinsteiger aller Art. Ein Studium ist durchaus erwünscht, aber keine Bedingung. Und es muss nicht unbedingt mit Medien, Kommunikation oder Marketing zu tun haben - es darf auch Baltistik, Tibetologie oder Hoch- und Tiefbau sein. Hauptsache, der Kandidat überzeugt mit Ideen.

Werberschulen und Agenturen verzichten dabei nicht auf normale Vorstellungsgespräche und wollen auch Lebensläufe und Zeugnisse sehen, nur ist das eher Beiwerk. Bevor Bewerber sie mit wüsten Guerilla-Aktionen nerven, lenken sie die wuchernde Kreativität lieber in den Copy-Test, den "ersten Schritt zur Unsterblichkeit", wie es die Agentur Zum goldenen Hirschen zart selbstironisch formuliert.

Garniert sind die Infos zum Test meist mit Tipps, etwa: genug Zeit nehmen. Weil hinter Werbung, die luftig und leicht wirkt, oft eine lange Ideensuche steckt. Den Mut haben, mittelprächtige Einfälle zu verwerfen. Denn auch in Agenturen fängt man jeden Tag wieder von vorn an. Und nicht zuletzt: "Hab Spaß. Mach eine Pause. Es ist nur Werbung" (Saatchi & Saatchi).

Mit Copy-Tests wollen Agenturen die besten Talente finden und auch für sich selbst werben. Darum sind ihre Web-Auftritte oft elegant und amüsant - Ehrensache, man ist ja vom Fach. Da funkelt und blitzt es multimedial, Videos geben Einblicke in die Werberwelt, Agenturmacher präsentieren ihre besten Arbeiten und fiktive Vorstellungsgespräche.

  • Und ab dafür: Ausritt zu Copy-Tests großer und kleiner Agenturen...



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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
exminer 05.05.2011
1. Talente
Zitat von sysopViele suchen Zugang zur wundersamen Welt der Werbung, punkten können sie nur mit Kreativität. Das prüfen Agenturen gern mit Copy-Tests. Was die alles wissen wollen: Mal sind die Aufgaben sturzseriös und alltagsnah, mal angenehm krumm. Und durchweg unterhaltsam. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,760734,00.html
gibt es genug,in meinen 55 Jahren Berufserfahrung habe ich viele Typen mit eingängigen Sprüchen erlebt,viele der Sprüche sind heute noch in Gebrauch.Nur verkauften die Typen in der Hauptsache sich selbst.Heute bin weitestgehend werberesistent,ein Vorteil des Alters und der gesammelten Erfahrungen. Die Fuzzis dieser Branche sind in meinen Augen eine Ansammelung von Patentschwätzern,die auch eine gewisse Daseinsberechtigung haben,aber ich halte sie für eine systemrelevante Krankheit,denn beworben werden nicht die Produkte,sondern die mit diesen verbundenen Gefühle. Das soll durch Freisetzung gehobener Stimmung die Rendite steigern und so werden die Menschen immer hohler und die Werbung mit ihnen.
Demokrator2007 05.05.2011
2. "Der Kunde ist König" (niemand anders;-)
Zitat von exminergibt es genug,in meinen 55 Jahren Berufserfahrung habe ich viele Typen mit eingängigen Sprüchen erlebt,viele der Sprüche sind heute noch in Gebrauch.Nur verkauften die Typen in der Hauptsache sich selbst.Heute bin weitestgehend werberesistent,ein Vorteil des Alters und der gesammelten Erfahrungen. Die Fuzzis dieser Branche sind in meinen Augen eine Ansammelung von Patentschwätzern,die auch eine gewisse Daseinsberechtigung haben,aber ich halte sie für eine systemrelevante Krankheit,denn beworben werden nicht die Produkte,sondern die mit diesen verbundenen Gefühle. Das soll durch Freisetzung gehobener Stimmung die Rendite steigern und so werden die Menschen immer hohler und die Werbung mit ihnen.
Ich bin auch vor mehr als 30 Jahren als Quereinsteiger in die Werbung gegangen. Was mich relativ schnell genervt hat, war die Selbstbeweihräucherung der Branche bei Festivitäten. Auch das Branchenblatt "Werben und Verkaufen" war voll mit Verlagswerbung in der die Macher der einen oder anderen Agentur gepriesen wurden, als hätten sie gerade "Hamlet" geschrieben oder einen Blockbuster gelandet. Klar, es gibt diese "Künstlerszene" aber die Realität liegt irgendwo zwischen Aschenbecher leer machen und den ganzen Tag an einem Photoshop Bild oder einer "Longcopy" rumbasteln. Der Eigenanspruch für erfolgreiche Werbung muß noch weniger egoistisch ausfallen: "Der Kunde ist nichts. Sein Produkt ist nichts. Du bist nichts. Der Verbraucher ist alles."* Das scheint die Branche nicht mehr wirklich zu verstehen. Ciao DerDemokrator P.S. *Vor wenigen Tagen ist eines meiner Vorbilder, der bekannte Werbetexter Reinhard Siemes "Der Spötter" gestorben.R.I.P.
Achim 05.05.2011
3. Exakt
Werbung ist etwas, »das Leute dazu bringt, ihre schöne Espressomaschine wegzuwerfen und eine hässliche neue zu kaufen, die nur mit Blechpömpeln voller EXPRESSO funktioniert, die sie bei Dir übers Internet kaufen müssen für den dreifachen Preis. Das geht, damit verdienen Leute Millionen.«
ohne_sorge 05.05.2011
4. Kein Titel
Naja, die deutsche Werbebranche macht auch nicht gerade den kreativsten Eindruck. Werbung aus anderen Ländern ist doch viel amüsanter, als der Einheitsbrei, der bei uns so geboten wird. Vielleicht sollte man sich nicht nur im Vorstellungsgespräch verausgaben, sondern auch hinterher kreativ bleiben. Die einzig gute Autowerbung, war immer noch der Wackel-Elvis (Audi) und später noch die Konkurrenz-Anzeige mit dem Bremsassistenten (Mercedes), die das Thema auf witzige Weise auch noch aufnimmt. Ansonsten fallen mir nur ausländische Werbungen ein...
papageienmusik 05.05.2011
5. Alles nur gequirlter Stuss
Ich kann nur sagen: Wer einen Copy-Test machen muss, kommt nie in die Werbeszene. Es gibt niemanden, der einen Copy-Test so abliefert, das er darauf hin eingestellt wird. Denn in der Werbeagenturszene ist man lediglich "kreativ" wenn es um das Formulieren an Ansprüchen an die Kandidaten geht. Selber prodziert man lediglich Stuss - es gibt doch wohl aktuell keine einzige kreative Werbung. Die Einstellungskriterien sind übrigens lediglich Passfoto und Alter. In keiner anderen Branche wird Altersdiskrimienierung derart zelebriert. Das Ergebnis ist einfach Werbung für den Arsch. Schließlich gibt es keinen Beleg dafür, dass beim Menschen die Kreativität mit 29 endet.
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