Manager als Motivationsgenie Bling-Bling ist King

Lästiges flink wegzudelegieren, ist einer der Vorzüge von Führungsjobs. Mittelmanager Achtenmeyer weiß: Jetzt muss er die Zusatzaufgabe nur noch als Karriere-Turbo verkaufen. Und das Ergebnis schön funkeln lassen.

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Eine Karriere-Glosse von


In vier Wochen muss der Marketing-Plan fertig sein. Achtenmeyer hat keine Lust. Er kann sich noch genau an seinen ersten Marketing-Plan erinnern, damals, im frühen 20. Jahrhundert. Er fühlte sich wie der König der Welt, denn so ein Plan umfasst alle wichtigen Kampagnen, die relevanten spendings, die beauftragten Agenturen - und er legt die strategischen Ziele fest, die mit den jeweiligen Produkten erreicht werden sollen. Kurz: Der Plan ist die Königsdisziplin. Ein Ritterschlag für jeden, der ihn erstellen darf. Und für ihn als Abteilungsleiter vornehmste Pflicht.

Mittlerweile, nach gefühlt 583 Marketing-Plänen, ist die Aufgabe für Achtenmeyer nicht mehr vornehm, nur noch Pflicht. Und Pflicht war nie seine Paradedisziplin. Also wird Achtenmeyer den Job als "Sonderprojekt" wegdelegieren. Diese Motivation muss reichen: Sonderprojekte haben den Charme, dass Nicht-Führungskräfte, die zu Führungskräften werden wollen, überzeugt sind, damit punkten zu können. "Die Extra-Meile gehen", "mehr Verantwortung übernehmen", "Sporen verdienen" - aus vielen Gesprächen kennt Achtenmeyer die 1001 Formulierungen seiner Mitarbeiter, die im Grunde stets nur eines meinen: Ich will nach oben!

Die Idee, eine lästige Pflicht abzuwälzen und gleichzeitig einem aufstrebenden jungen Menschen eine Gunst zu erweisen, ist also genial. Weniger genial: Achtenmeyer kann sich nicht zwischen Bedermann und Hebeler entscheiden.

"Da schauen die da oben ganz genau hin"

Bedermann ist klug, akkurat und brennt für seinen Job, wie es so schön heißt. Allerdings geht ihm ein wenig das Genialische ab, dieser kleine Spritzer Wahnsinn, den Achtenmeyer im Marketing noch immer für unabdingbar erachtet. Sonst könnten sie ja gleich alle Controller werden.

Hebeler hat durchaus einen Spritzer Wahnsinn vorzuweisen; um ehrlich zu sein, ist es eher eine ausgewachsene Woge, über die sich selbst in Hawaii aufgewachsene Surfer-Kids freuen würden. Andererseits ist Hebeler nicht gerade die Akkuratesse in Person. Und natürlich können sich Bedermann und Hebeler nicht ausstehen.

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Cartoons zur Bürowelt: Ziemlich beste Feinde
Nach drei Tagen Grübelei beschließt Achtenmeyer, dass für persönliche Befindlichkeiten im Management kein Platz ist. Er ruft beide Talente in sein Büro. "Bedermann, Hebeler, great times ahead! Es wird Zeit, dass Sie hier in der Abteilung mehr Verantwortung übernehmen, sich ein paar Sporen verdienen. Also werden Sie beide ein Sonderprojekt managen: den Marketingplan, die Königsdisziplin unseres Berufsstands. Das Ding hat extreme Visibilität, da schauen die oben ganz genau hin. Abgabe in zwei Wochen, und bitte mit Schwung und Akkuratesse."

Bedermann und Hebeler trollen sich. Sie rechnen, formulieren, entwerfen Szenarien, setzen Prioritäten, streiten sich, raufen sich wieder zusammen und schlagen sich die Nächte um die Ohren. Zwei Wochen später liegt der Marketing-Plan auf Achtenmeyers Schreibtisch, zehn gebundene Exemplare - und dazu zehn anmutig blinkende USB-Sticks mit Firmenlogo aus Swarovski-Kristallen.

Wo bleibt denn da die Dankbarkeit?

"Ich hoffe, die Herren haben nicht ihre gesamte geistige Energie in Bling-Bling investiert, sondern auch noch was für den Inhalt verwendet", sagt Achtenmeyer herablassend. "Ich hab dir gesagt, die Kristalle sind too much", zischt Bedermann beim Rausgehen Hebeler an. Hebeler schaut gelangweilt an die Ecke; wie jeder mit einem Schuss Wahnsinn Bedachte interessiert ihn ein Projekt nicht mehr, sobald es fertig ist.

Natürlich findet Achtenmeyer die Kristalle nicht too much, sondern im Gegenteil ziemlich cool. Auch inhaltlich lässt der Plan nichts zu wünschen übrig: kühn in den großen Linien, korrekt in den Details. Das sieht eine Woche später auch Dr. Karl so: "Gut gemacht, mein lieber Achtenmeyer, so auf den Punkt habe ich lange keinen Plan mehr gesehen", sagt sein Vorgesetzter nach der Präsentation. "Und den Stick hab ich gleich meiner Frau geschenkt. Sie haben was gut bei mir!"

Der Einzige, der keine gute Laune hat, ist Bedermann. Er hatte wohl gedacht, er und Hebeler würden vor Dr. Karl und den anderen Top-Leuten präsentieren, von wegen Visibilität und so. Achtenmeyer denkt: Wie naiv kann man eigentlich sein? Sonderprojekte sollen die Mitarbeiter ja fördern, nicht befördern.

Diese Lektion immerhin hat Bedermann jetzt gelernt. Andere Leute werfen dafür einem Karriere-Coach Hunderte Euro in den Rachen. Da könnte der junge Kollege ruhig mal ein wenig Dankbarkeit zeigen.

Lessons learned

1) Sonderfall Sonderprojekt: Einfach nur seinen Job ordentlich machen - das reicht in den seltensten Fällen für den Aufstieg. Mit Projekten neben und über dem normalen workload punkten kann eine Möglichkeit sein, höheren Orts auf sich aufmerksam zu machen. Doch die höhere Visibilität sollte sichergestellt sein - sonst war die Mehrarbeit für die Katz.

2) Bling-Bling ist King: Erwartungen erfüllen kann jeder. Übertreffen ist schöner, aber immer noch im Erwartungshorizont. Wirklich im Gedächtnis bleiben die schrägen Ideen, die originelle Präsentation. Bloß erfolgreich beziehungsweise korrekt sollten sie schon sein.

3) Gut kombiniert: Wichtigste Aufgabe von Führungskräften ist es, ihre Mitarbeiter entsprechend ihrer Stärken einzusetzen. Achtenmeyer tut dies hier überraschend elegant: einen für die korrekten Details, einen anderen für die Originalität. Eine bestechende Kombination.

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rudi.waurich 07.04.2015
1. Wie wurde
doch bei einem früheren Arbeitgeber so vor ca. 30 Jahren gesagt: 'Du mußt nur dafür sorgen, daß Du 'da oben' im Gespräch bleibst. Die müssen sich nur an Deinen Namen erinnern, ob Du grandiosen Mist gebaut hast, oder irgendwas Positives, weiß in einem Jahr kein Mensch mehr'. War so. :)
spontanistin 07.04.2015
2. Komfort-Zone Marketing
Budgets verbraten und virtuelle Pläne malen, toller Marketing-Job ohne Verantwortung. Der Mitarbeiter an der Verkaufsfront wird allerdings nicht nach Plänen entlohnt, sondern Umsatz- und Ertragsergebnissen!
wiealle 07.04.2015
3. Na, dann viel Spaß...
...mit den Nachwuchskräften aus der Generation Y: "Och, nöö! Ich weiß gar nicht, wozu dass jetzt wieder gut sein soll!", "Ich wollte eigentlich langes WE machen und GTA durchspielen"... Die Leute laufen nicht mehr sooo hinter der Möhre her. Ist einerseits ein bisschen schade, weil es schon Spaß machte. Aber richtig ernst genommen hat uns damit seinerzeit ja auch keiner.
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