Azubis über ihre Bewerbung "Alle schauen immer nur auf die Noten"

Viele Betriebe finden keine Lehrlinge - aber viele Jugendliche finden auch keine Lehrstelle. Hier erzählen junge Menschen, wie es ihnen bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz ergangen ist.

Azubis in der Berufsschule
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Azubis in der Berufsschule


Yasin Bulut* spricht vier Sprachen, hat ein Abi von 2,5 - und suchte ein Jahr lang vergeblich nach einem Ausbildungsplatz. Er schrieb 70 Bewerbungen, wurde zu 30 Vorstellungsgesprächen eingeladen, aber sie endeten alle mit einer Absage.

"Es waren teilweise Stellen in kleinen Dörfern und Gemeinden, wo ich sicher war, dass es doch klappen müsste", sagt er. Erst nach einem Jahr gab ihm jemand eine Chance - im gehobenen Polizeivollzugsdienst.

Drei Jahre dauert das duale Studium. Er habe sehr gute Noten und trauere keiner Stelle hinterher, sagt Bulut. "Aber ich habe bis heute nicht verstanden, woran es gelegen haben könnte, dass ich so viele Absagen bekommen habe." Seine Vermutung: Vorurteile. Bulut hat einen türkischen Migrationshintergrund.

Immer wieder klagen Geschäftsführer darüber, dass sie keine Azubis finden. Zugleich klagen junge Menschen darüber, auf ihre Bewerbungen nur Absagen zu erhalten.

Eine Befragung des Deutschen Industrie- und Handelskammertags kam zu dem Ergebnis, dass jeder dritte Betrieb in Deutschland Ausbildungsplätze nicht besetzen kann. Und jede zehnte Firma auf ihre ausgeschriebenen Lehrstellen keine einzige Bewerbung erhält. Auf der anderen Seite hat sich die Zahl der vergeblichen Bewerber seit 2010 verdoppelt. Im Ausbildungsjahr 2016/17 fanden knapp 24.000 Jugendliche keinen Ausbildungsplatz.

Im Video: Abschluss und dann?

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Passen die Azubis nicht zu den Betrieben oder sind die Geschäftsführer zu wählerisch?

Wir haben SPIEGEL-ONLINE-Leser gebeten, uns von ihren Erfahrungen bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz zu berichten. Daraufhin haben uns Dutzende E-Mails aus ganz Deutschland erreicht, in der uns Menschen wie Yasin Bulut ihre Erlebnisse geschildert haben. Lesen Sie hier eine Auswahl:

kha/vet

insgesamt 99 Beiträge
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imunky 23.08.2018
1. Tja...
Also ich kann dazu nur sagen, dass man sich niemals bei Arbeitsamt beraten lassen sollte. Dort arbeitet glaube ich kein einziger Mensch, der auch nur das geringste Einfühlungsvermögen besitzt. Zum Thema "zu alt" kann ich beitragen: Auch ich habe mein BWL-Studium abgebrochen als ich gemerkt habe, dass es sich dabei ausschliesslich um eine art weiterführende Schule handelt, die einem beibringt Dinge ins Kurzzeitgedächtnis zu prügeln um sie dann nie wieder zu benötigen. Mit 26 habe ich mich dann auf einen Ausbildungsplatz beworben und ohne Probleme zu jeder Bewerbung auch eine Einladung und zu jedem Gespräch auch eine Zusage bekommen. Ich denke Unternehmen sind froh, wenn sie Bewerber bekommen, die keine halben Kinder mehr sind. Ein weiterer Punkt der mir einfällt ist: Meine Frau ist Managerin eines kleinen Forschungslabors und auch für die Personalfragen zuständig. Es ist laut ihrer Aussage so, dass ab einem bestimmten Jahrgang (1995 oder sowas) 95 % aller Bewerbungen so schlecht oder fehlerhaft sind, dass sie nicht im Traum daran denken würde jemanden einzuladen, der schon so schlampig mit seinem ersten Eindruck umgeht. Und diese Bewerber sind meistens Bachelor oder Masterstudenten.
ekel-alfred 23.08.2018
2. Hirn einschalten, kreativ sein
Natürlich sind die Noten der erste Eindruck eines Arbeitgebers von seinem Bewerber. Schöne Haare, nettes Lächeln nützen nichts, wenn man in Mathe eine 5 hat, aber im Job täglich rechnen muss. Wenn ich schon lese "ich habe 50 Bewerbungen" geschrieben, dann sehe ich planloses Verschicken von Bewerbermappen. Leute, nimmt das Herz in die Hand, geht persönlich zu Eurem Traumbetrieb und stellt Euch mit Eurem Wunsch vor. Der erste Eindruck wird dann über schlechte Noten hinweg helfen. Eventuell kann man ja auch um ein 2-3 wöchiges Praktikum bitten, um sich zu beschnuppern. Ist risikolos für beide Seiten und man kann prüfen, ob der Betrieb passt. Man muss sich abheben von der Konkurrenz, das war schon immer so. Kreativ und mutig sein, dann klappt´s auch.
burkx 23.08.2018
3. Ich habe einen Verdacht
Viele Fördermittel für z.B. die Anschaffung von Maschinen sind gekoppelt an das Schaffen von Arbeitsplätzen. z.B. bekam (und bekommt) man hier in Sachsen 45% Zuschuss beim Kauf einer Werkzeugmaschine. Pro 1 Mio Fördersumme muss man (ich weiß es nicht mehr ganz ganau, aber ungefähr die Größenordnung) 2-3 Arbeitsstellen schaffen, oder eben nur eine Lehrstelle. Die Fördersumme fällt also höher aus, wenn das Unternehmen eine Lehrstelle schafft. Es ist aber aufwändig den Lehrling auszubilden. Also warum dann nicht einfach leider keinen Bewerber finden? Ich glaube die Statistiken sind dadurch massiv falsch. Viele Firmen brauchen die Stellen wegen des Förderprogramms auf dem Papier, Aber sie finden leider, leider keine geeigneten Bewerber.
leeberato 23.08.2018
4. Selbstverständlich
wird auch auf die Noten geschaut! Was nützt mir ein Bewerber, der mit einer 4 in Mathe oder in Physik sich auf eine Ausbildungsstelle als Mechatroniker bei uns bewirbt? Der Bewerber hätte große Mühe in der Berufsschule mitzukommen. Soll man ihn trotzdem nehmen? Es hätten beide Seiten nichts davon. Wenn ich mir so manchen Bewerber im Gespräch ansehe brauchen die sich nicht zu wundern dass sie keine Stelle bekommen: von den Noten abgesehen, bereiten sich viele überhaupt nicht vor, sind desinteressiert, haben eine schlampige Bewerbung abgegeben, benehmen sich ünhöflich... Im September fängt ein Flüchtling bei uns eine Lehre als Industriemechaniker an, der hat einen super Eindruck hinterlassen! Falls man sich nicht sicher ist kann man ja den Bewerber auf ein Praktikum einladen, da lernt man sich gut kennen.
Nania 23.08.2018
5.
Zitat von leeberatowird auch auf die Noten geschaut! Was nützt mir ein Bewerber, der mit einer 4 in Mathe oder in Physik sich auf eine Ausbildungsstelle als Mechatroniker bei uns bewirbt? Der Bewerber hätte große Mühe in der Berufsschule mitzukommen. Soll man ihn trotzdem nehmen? Es hätten beide Seiten nichts davon. Wenn ich mir so manchen Bewerber im Gespräch ansehe brauchen die sich nicht zu wundern dass sie keine Stelle bekommen: von den Noten abgesehen, bereiten sich viele überhaupt nicht vor, sind desinteressiert, haben eine schlampige Bewerbung abgegeben, benehmen sich ünhöflich... Im September fängt ein Flüchtling bei uns eine Lehre als Industriemechaniker an, der hat einen super Eindruck hinterlassen! Falls man sich nicht sicher ist kann man ja den Bewerber auf ein Praktikum einladen, da lernt man sich gut kennen.
Das Problem ist: Noten sind meist nur Abbild singulärer Ereignisse oder geben nicht die Situation und die Umstände wieder; gerade Abschlussnoten. Es gibt Menschen, die richtige Probleme mit Prüfungen haben, aber eigentlich den Stoff können. Oder, die einfach nicht verstanden haben, wozu der Stoff gut ist, da ist die Vermittlung meist etwas leichter, wenn man sich in der Praxis befindet. Und natürlich hat der Azubi auch generell mit der Aussage Recht: Wenn man "nur" auf den Schnitt schaut, aber nicht auf Einzelnoten, oder Wert auf Einzelnoten in Fächern legt, die für den Job nicht zu 99 Prozent relevant sind, ist das schon nicht so toll. Beispiel: Ein Klassenkamerad von mir hatte ein durchschnittliches Abitur, eher im unteren Drittel, wegen schlechter Noten in Englisch und Deutsch. Dafür war dieser Mensch ein Genie in Mathematik und Informatik. Hat Informatik studiert, passt also super. Hätte er sich bei einem Betrieb beworben, der nicht auf Einzel- sondern auf die Gesamtnoten geachtet hätte, dann wäre er nicht als das erkannt worden, was er ist: Ein Talent im mathematisch-informatischen Bereich, aber eine - Verzeihung - Niete im Bereich dessen, was man umgangssprachlich als Sprache versteht (ich nehme damit Programmiersprachen aus).
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