Von Marie-Charlotte Maas
Es ist Mittagszeit im Universitätskrankenhaus von Malmö. Der Duft von Bratkartoffeln liegt in der Luft, am Salatbuffet drängen sich hungrige Mitarbeiter. Auf den ersten Blick wirkt alles wie in Deutschland, aber Markus Stiehm, 33, kennt den Unterschied: Bei seinem alten Arbeitgeber in Hamburg hätte er sich eine ausgiebige Mittagspause wie diese nicht leisten können.
"Es herrschte fast immer Stress. Wir standen alle sehr unter Druck", sagt der Neurologe. Längere Pausen habe man nicht gern gesehen und als junger Mediziner traute er sich auch nicht, diese einzufordern: "Arbeiten bis zum Umfallen, Nacht- und Wochenenddienste, wenig Freizeit, das ist die Arbeitskultur der Mediziner in Deutschland."
Stiehm fühlte sich in seinem alten Krankenhaus allein gelassen: "Vor einem Nachtdienst war ich bereits am Tag vorher unruhig, weil ich wusste, wie viel Arbeit auf mich zukommt und dass ich mich am nächsten Morgen, total erschöpft, vor dem Chefarzt verantworten muss."
Deutsche nach Schweden, Bulgaren nach Deutschland
Schon im ersten Berufsjahr gab Stiehm auf einer Jobmesse seine Bewerbungsunterlagen einer Firma, die deutsche Ärzte nach Skandinavien vermittelt. Dort ist der Ärztemangel so groß, dass sich Krankenhäuser regelmäßig auf solchen Recruiting-Veranstaltungen präsentieren - ein Schicksal, das auch deutschen Kliniken droht. Das Deutsche Krankenhausinstitut rechnet mit 37.000 offenen Stellen im Jahr 2019. Schon jetzt fehlen 5500 Mediziner in Deutschland, viermal so viele wie noch 2006. Erste deutsche Kliniken wurden schon auf Jobbörsen in Prag, Bukarest, Krakau und Sofia gesichtet.
Markus Stiehm hatte bereits ein Auslandssemester in Stockholm verbracht und Land und Sprache kennengelernt: "Ganz ohne Grundkenntnisse in Schwedisch nehmen einen die Krankenhäuser nicht". Ein Jahr nach dem Besuch der Jobmesse machte er sich auf den Weg zu einem Vorstellungsgespräch nach Malmö. Der Leitung des örtlichen Krankenhauses hatten seine Bewerbungsunterlagen gefallen.
Bei einer Umfrage der Ärztegewerkschaft Marburger Bund aus dem Jahr 2010 gaben 37 Prozent der 12.000 befragten Klinikärzte an, inklusive Bereitschaftsdienst wöchentlich 60 Stunden oder mehr zu arbeiten, 36 Prozent nannten 50 bis 59 Stunden. In Schweden beträgt die Regelarbeitszeit für Krankenhausärzte 40 Stunden pro Woche, maximal 18 Stunden darf ein Arzt am Stück arbeiten.
Vier Wochen Sommerurlaub garantiert
Schweden ist als Auswandererziel bei Ärzten aber nicht nur wegen der geregelten Arbeitszeiten beliebt. Die Kinderbetreuung ist günstig und gut organisiert, viele Krankenhäuser unterstützen ihre neuen Mitarbeiter bei der Wohnungssuche oder zahlen Sprachkurse. Und auch die Anerkennung beruflicher Qualifikationen ist unkompliziert, das Verfahren dauert oft nur wenige Wochen.
55 deutsche Ärzte wanderten im Jahr 2010 nach Schweden aus, damit liegt das Land in der Liste der beliebtesten Auswandererziele deutscher Ärzte auf Platz 5, hinter der Schweiz, den USA, Österreich und Großbritannien. "Unser Chef wird fast jede Woche von deutschen Kollegen wegen möglicher freier Stellen angesprochen", sagt Wolfgang Soller, 45.
Er kam schon vor 18 Jahren aus Bayern nach Schweden, der Liebe wegen. Dass es in Schwedens Kliniken angenehmer zugeht als in seiner Heimat, war ein Bonus, den er erst heute so richtig zu schätzen weiß, wenn er die Geschichten seiner ehemaligen Kommilitonen hört.
Soller verlässt das Krankenhaus fast jeden Tag pünktlich um 17.30 Uhr, dann isst er mit seinen Kindern zu Abend. Im Sommer fährt er vier Wochen am Stück in den Urlaub - darauf hat jeder Arzt in Schweden Anspruch. Bis zum Alter von 39 Jahren gibt es 25 Urlaubstage pro Jahr, dann 31 Urlaubstage und ab dem 50. Lebensjahr 32 Urlaubstage. Soller kann sich aber in der Regel noch einen zweiten, langen Urlaub gönnen: "In Schweden werden Überstunden zum Teil ausbezahlt und zum Teil auf die Freizeit angerechnet."
Ein Land ohne Privatpatienten
An Schweden schätzt Soller auch die viel gepriesenen flachen Strukturen in den Kliniken. "Man ist weniger festgefahren", sagt er. "Hier kann jeder seine Meinung kundtun, auch wenn sie von der des Chefs abweicht." Behandlungsmethoden und Arbeitsweisen werden in der Gruppe ausdiskutiert. Diese Demokratisierung des Krankenhausgeschäfts habe allerdings auch seine Schattenseiten, sagt Soller: "Entscheidungen brauchen manchmal viel länger, als man es aus Deutschland kennt, das kann mühselig sein."
Auch die häufig erzählte Geschichte von den hohen schwedischen Gehältern sei nicht wahr: "Hier gibt es keine Privatpatienten, das mindert den Verdienst. Wem es nur um das Finanzielle geht, der ist in Deutschland besser aufgehoben." Eine Einschätzung, die vom Deutschen Krankenhausinstitut bestätigt wird.
Die Unternehmensberatung KPMG hat im Auftrag der Deutschen Krankenhausgesellschaft im Sommer 2011 die Gehälter von Ärzten in acht europäischen Ländern ermittelt, das Deutsche Krankenhausinstitut verglich die Daten mit den Gehältern deutscher Klinkärzte. Das Ergebnis: Das kaufkraftbereinigte Nettoeinkommen liegt bei schwedischen Ärzten mit drei bis fünf Jahren Berufserfahrung zwischen 28.000 Euro und 32.000 Euro, bei deutschen Ärzten zwischen 32.000 und 40.000 Euro.
Weniger Überstunden, mehr Freizeit
Markus Stiehm ist damit zufrieden: "Das Arbeiten in Schweden ist entspannter, ich habe weniger Überstunden und mehr Freizeit. Und wenn es mal stressig wird, ist es dennoch ein anderes Level als in Deutschland." Auch für Forschungsprojekte biete Schweden bessere Bedingungen: Ärzte dürfen hier während ihrer Arbeitszeit forschen, in Deutschland gehe dafür in der Regel der Abend oder das Wochenende drauf.
Nur selten kommen Stiehm Zweifel an seiner Entscheidung, nach Schweden auszuwandern: "Manchmal überlege ich, ob ich zu Hause mehr lernen könnte." In Schweden sei man auf seinem Gebiet, der Neurologie, nicht so fortschrittlich wie in Deutschland. Andererseits könne er in Schweden selbstbestimmter arbeiten und mehr Entscheidungen treffen.
Wolfgang Soller hat genug von deutschen Krankenhäusern: "Eine Rückkehr kommt nicht in Frage." Dann muss er los. Es ist kurz vor halb sechs. Seine Kinder warten mit dem Essen.
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