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Die aktuelle Stellenanzeige Porno-Gucker gesucht, Arbeitsort Peking

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REUTERS

Stillgestanden! In China wird nicht nur das Internet streng kontrolliert

Pornos gucken auf der Arbeit kann leicht den Job kosten. Bei diesem Job in Peking gehört das zu den Aufgaben: Eine Agentur sucht für die Zensurbehörde einen Video-Analysten in Vollzeit. Sogar Obst und Joghurt sind inklusive.

Dieser Tage beflügelt eine Stellenanzeige die Phantasie in den sozialen Netzwerke: In Peking wird ein leitender Porno-Bestimmer gesucht. Die typische Reaktion: "Ein Job, der Leidenschaft erfordert. Ich verbringe seit Jahren meine Freizeit damit, Pornografie zu bestimmen. Habe meinen Lebenslauf schon abgeschickt." Die Annonce wurde im chinesischen Twitter-Zwilling Sina Weibo veröffentlicht. KarriereSPIEGEL zitiert den Text und kommentiert die Offerte.

Anquan Lianmeng sucht ab sofort einen Chef-Pornografie-Beurteiler in Vollzeit. Zu Ihren Aufgaben zählt das Auffinden pornografischer Darstellungen im Internet sowie die Verwaltung und Einstufung pornografischer Inhalte.

Machen Sie Ihr Hobby zum Beruf: In diesem Job darf man sich den lieben langen Tag der Fleischbeschau widmen und wird dafür auch noch bezahlt. Mehr noch: Wer diese Stelle ergattert, darf tun, was in ganz China verboten ist, nämlich anderen bei der Kopulation zugucken, in allen möglichen Varianten. Aber Vorsicht: Die Rammelei kann rammdösig machen. Ob Ihnen das bunte Treiben auf dem Monitor nach ein paar Tagen Dauerdröhnung noch Spaß macht, müssen Sie selbst wissen. Oder sicherheitshalber vor der Bewerbung testen.

Anquan Lianmeng ist übrigens ein privates Unternehmen, das Sicherheitsdienstleistungen anbietet. Trotzdem ist davon auszugehen, dass der Job im staatlichen Auftrag ausgeschrieben wurde. Internetkontrolle und Zensur sind in China in staatlicher Hand.

Für Ihr Team legen sie die Standards beim Erkennen pornografischer Inhalte fest und fertigen Schulungsmaterialien zur Pornografie-Beurteilung an, etwa Powerpoint-Präsentationen und Videoschulungen.

Richtig, Sie sind nicht zum Vergnügen da, falls Sie den Job bekommen. Im Gegenteil: Wenn sie sich durch den Morast des Netzes wühlen, müssen Sie das nach nachvollziehbaren Standards tun, schließlich können Leute dafür vor den Kadi kommen. Und weil das Internet für einen allein zu groß ist, haben Sie eine ganze Abteilung, die unter Ihrer Leitung durch den Schmuddelkram pflügt.

Die Originalanzeige Zur Großansicht

Die Originalanzeige

Zu Ihrem Profil gehören sehr gute Kenntnisse über pornografische Inhalte, auch in anderen Ländern.

Harte Nuss! Wie verschafft man sich da einen Überblick? Wenn Sie noch ein wenig den Markt sondieren möchten, sollten Sie das vor Ihrer Abreise nach China tun, denn dort ist das Ganze ja illegal.

Die chinesische Gesetzgebung und Regulierungspraxis für Pornografie und für das Internet kennen Sie ebenfalls sehr gut.

Wie gesagt: Das Grundsätzliche ist einfach - alles verboten. Selbst die verschämten Busen-Blitzer, die sich Hollywood zuweilen zugesteht, werden in China rigoros aus den Filmen geschnippelt. Seit 2002 gibt es für Zweideutiges im Netz auch eindeutige Gesetze: Porno-Konsumenten müssen mit teils empfindlichen Geldstrafen rechnen, wer den Kram verbreitet, kommt im Extremfall lebenslänglich ins Gefängnis. Dafür sind Sie dann mitverantwortlich.

Sie arbeiten gerne im Team und sind sehr zuverlässig. Ihr Alter liegt zwischen 25 und 35.

Das ist schon ein wenig altersdiskriminierend. Aber unsere Vermutung ist eh: Sowas macht man nicht lange. Selbst wer ernsthaft Spaß an den zensierten Inhalten haben sollte, dürfte in so einer Position schnell genug davon haben. Im Ernst: Der Job wird nicht halb so lustig, wie sich das mancher beim Lesen der Annonce vorstellt. Sie sollen sich zu den einschlägigen Inhalten eher wie ein Kammerjäger verhalten, nicht wie ein Feinschmecker: Überwachen und strafen. Im Alltag wird das ziemlich bürokratisch.

Wir bieten ein Jahresbruttogehalt von 200.000 Renminbi (knapp 25.000 Euro), fünf Versicherungen (Rentenversicherung, Krankenversicherung, Arbeitslosenversicherung, Arbeitsunfallversicherung, Schwangerschafts-/Geburtenversicherung) sowie eine Wohnungsbauzulage nach staatlichen Standards. Obst und Joghurt im Büro sind kostenlos.

Zumindest formell müssen Sie auf nichts verzichten, was Sie an Jobs in Deutschland schätzen. Das Gehalt ist für Pekinger Verhältnisse ordentlich. Und das Beste:

Zu unseren Leistungen gehören außerdem eine jährliche Gesundheitsuntersuchung sowie Gratulationsgeschenke zu Geburtstag, Hochzeit und Schwangerschaft/Geburt.

Klasse, der Geburtstagsstrauß wird nicht vom Gehalt abgezogen. Bei der Gesundheitsuntersuchung können Sie prüfen lassen, wie gut Sie mit dem Pekinger Smog zurechtkommen. Was allerdings ganz fehlt, sind Informationen über die Urlaubstage. Der gesetzliche Anspruch beträgt zehn Tage, aber erst, wenn Sie mindestens zehn Jahre für eine Firma arbeiten, sonst sind es halb so viel. Ganz unabhängig davon, wie Sie privat so drauf sind: Wollen Sie den Porno-Job wirklich zehn Jahre und länger machen?

Ihre Bewerbungsunterlagen schicken Sie bitte per Mail oder als private Nachricht via Sina Weibo.

Falls Sie immer noch Lust auf die Aufgabe haben, müssen Sie sich beeilen. Die Stellenanzeige läuft schon ein Weilchen, seit ein paar Tagen geistert sie auch durch nicht-chinesische soziale Netzwerke. Wirtschaftsmedien wie die "International Business Times" haben bereits darüber berichtet. Kann sein, dass Sie sich Ihren Joghurt woanders schenken lassen müssen.

Übersetzung: Biying Hou

  • Matthias Kaufmann (Jahrgang 1974) ist Redakteur von KarriereSPIEGEL und manager magazin online.

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insgesamt 12 Beiträge
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    Seite 1    
1. Au ja!
Wolfgang J. 25.04.2013
Ich glaub ich bewerbe mich mal um den Job. Dazu braucht man eigentlich nur ein paar Sniffer auf den Arbeitsplätzen der männlichen, chinesischen Funktionäre: Alles wo die in ihrer Freizeit hinsurfen wird automatisch als pornographisch gemeldet. Die Trefferquote dürfte ausreichen sein, und dafür 25.000 im Jahr ist schon gut bezahlt. Den Joghurt kann man ja nach Nordkorea senden lassen... Grosszügig W.
2. Bewerbung
filos eleftherias 25.04.2013
Ich schicke denen mal mein Routerprotokoll als Qualifickationsnachweis. Aber ich hoffe, dass die Versicherungsleistungen anständig sind, denn in diesem Berufsfeld gehen die meisten mit 35 in die Berufsunfähigkeitsrente - wegen Tennisarm.
3.
1312 25.04.2013
Joghurt und Obst umsonst? Ich muss diesen Job haben.
4. Zufall...
rauschgiftengel 25.04.2013
oder nicht Zufall... die Formulierung "Überwachen und Strafen*" hat mich jedenfalls zum Schmunzeln gebracht. (* Titel eines Werkes von Michel Foucault über die Erziehung menschlicher Gesellschaften hin zur Selbstdisziplinierung)
5. Obst und Joghurt im Büro kostenlos
remmbremmerdeng 25.04.2013
Kleenex-Tücher auch?
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