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Anerkennung ausländischer Berufe 87 Prozent der Firmen brauchen die Reform nicht

Wie heißt dieser Beruf auf Griechisch? Ein Auszubildender beim Pressenhersteller Schuler Zur Großansicht
DPA

Wie heißt dieser Beruf auf Griechisch? Ein Auszubildender beim Pressenhersteller Schuler

Ab März sollen die Berufsabschlüsse von Einwanderern schneller anerkannt werden - um Deutschland attraktiver für Fachkräfte zu machen. Doch in einer Umfrage geben 87 Prozent der Unternehmen an, dass sie das Problem eigentlich gar nichts angeht.

Nur noch wenige Wochen, dann soll alles besser werden: Ab April wird die Berufsausbildung von Einwanderern in Deutschland schneller anerkannt. Das ist der Zweck einer Neueregelung, die der Bundesrat vergangenen November beschlossen hat. Die Hoffnung der Reformer: Dann könnten mehr Menschen aus dem Ausland kommen, um den Deutschen aus ihrem Fachkräftemangel zu helfen.

Doch eine Studie des Ifo-Instituts im Auftrag des Personaldienstleisters Randstad lässt den Schluss zu, dass damit ein Problem gelöst wird, das keine große Rolle spielt: Knapp 87 Prozent der deutschen Unternehmen finden nämlich, dass die betreffenden Regelungen für sie gar nicht relevant sind. Und von denen, die sie relevant finden, gaben 59 Prozent an, dass sie schon jetzt, also vor der Reform, keine Beeinträchtigung durch das bestehende Recht bemerken.

Das Ifo-Institut hat zu diesem Thema rund 1000 Personalchefs deutscher Unternehmen aller Branchen (außer Finanzdienstleistungen) befragt. Die Umfrage fand im Oktober statt, zu einer Zeit, als die Neuregelung schon absehbar, aber noch nicht vom Bundesrat abgesegnet war.

Große Firmen, größere Probleme

Dabei gibt es allerdings wichtige Unterschiede, je nach der Größe der befragten Firmen und nach ihren Branchen. So fühlen sich von der Frage ausländischer Berufsabschlüsse im Handel nur 9 Prozent betroffen, bei allen anderen Dienstleistern waren es rund 16 Prozent. Kleinere Unternehmen sorgten sich um die Problematik weniger als Große: Ab einer Mitarbeiterzahl von 250 fühlten sich 17 Prozent betroffen; fast genauso hoch lag der Anteil der beeinträchtigten Firmen ab einer Größe von 500 Mitarbeitern.

Nach dem Gesetz sollen Zuwanderer ab dem 1. April einen Rechtsanspruch darauf bekommen, dass Berufsabschlüsse, die sie in ihrer Heimat erworben haben, innerhalb von drei Monaten überprüft werden. Stimmt die Qualifikation mit den deutschen Anforderungen nicht überein, müssen zumindest die im Ausland erworbenen Kenntnisse bescheinigt werden.

Der Gesetzentwurf war lange Zeit umstritten. Zwar bestand bei den Parlamentsparteien Einigkeit darüber, dass die Anerkennung von ausländischer Ausbildung erleichtert werden soll, aber die Opposition wollte Einwanderern noch stärker unter die Arme greifen. Neben der Überprüfung sollte nach dem Willen der SPD-Bundestagsfraktion auch die Nachqualifizierung als Rechtsanspruch festgeschrieben werden.

Arbeit weit unter der Qualifikation

So bemängeln Kritiker, dass allein der Anspruch auf Überprüfung keine sozialen Hürden abbaue, weil sich viele Zuwanderer eine Nachqualifizierung nicht leisten können. Wenn außerdem die Unternehmen in der Mehrzahl angeben, von den Regeln nicht betroffen zu sein, dann dürfte sich die Zahl der Einwanderer am deutschen Arbeitsmarkt auch nach dem 1. März kaum verändern.

Allerdings kommt die Neuregelung den Wünschen vieler Migranten entgegen, die bereits in Deutschland sind. Nach Schätzungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) leben in Deutschland etwa 2,8 Millionen Zuwanderer mit ausländischem Abschluss, darunter 800.000 Akademiker. Viele von ihnen müssen Arbeiten weit unter ihrer Qualifikation verrichten, weil ihre Qualifikation in Deutschland nicht anerkannt wird. Ob sich für sie in der Praxis tatsächlich spürbare Verbesserungen ergeben, ist aber ebenfalls umstritten.

mamk

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insgesamt 43 Beiträge
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1.
M. Michaelis 21.01.2012
Fortschreitende Entwertung deutscher Abschlüsse. Der Abgesang auf Bildung Made in Germany. Statt dessen, Mittelmässigkeit und Einheitsbrei.
2. Das, und...
Breen 21.01.2012
... der Abgesang auf Bildungs und Abschlüsse im allgemeinen. Viele Tätigkeiten gerade im tertiären Sektor werden von Un- oder Angelernten ausgeführt, ob das nun der Qualität zuträglich ist oder nicht. Das deutsche duale System mag zwar gut gemeint sein, geht aber an den Realitäten und dem Bedarf des Marktes vorbei. Weswegen sollte eine Verkäuferin 2 Jahre lernen, wenn man doch jede/-n Dödel/-ine in den Laden stellen kann, was auch noch preiswerter ist. Das Resultat: Ich erwarte schon gar keine vernünftige Beratung mehr. Weswegen sollte ein Mechaniker 3 Jahre lernen, wenn er doch dann später nur dieselben 4 Handgriffe am Automaten ausführen muß oder ein defektes Teil nicht mehr repariert, sondern nur noch ausgetauscht wird? "Die Wirtschaft" braucht Proles im Orwellschen Sinne, denkbefreites Menschenmaterial.
3. Die Wirtschaft...
BettyB. 21.01.2012
Tja, wer hoch qualifizierte ausländische Kräfte nur für Handlangertätigkeite einsetzen will, braucht natürlich nicht die Anerkennung derer Bildungsabschlüssen. Wozu z.B. einem Doktor der Medizin auch noch darauf aufmerksam machen, dass er eigentlich für´s Tellerwaschen überqualifiziert ist. Selbst um die intelligenten Kinder aus der ´Unterschicht´ kümmert man sich hierzulande zumeist ja nur verbal...
4. Arbeiten weit unter der Qualifikation
pmalak 21.01.2012
Zitat von sysopViele von ihnen müssen Arbeiten weit unter ihrer Qualifikation verrichten [...]
Seit wann verrichten Akademiker in Deutschland denn Arbeiten, die ihrer Qualifikation entsprechen?! So viele Jobs mit dem Anspruch gibt es doch in Deutschland gar nicht. Die meisten Informatiker sitzen doch als Programmierer in irgendwelchen Unternehmen. Dazu muss man nicht studieren. Die meisten Mathematiker addieren Zahlenkolonnen in Excel, Ingenieure müssen Maschinen bedienen, die man nach einer geeigneten Einführung auch ohne Studium bedienen könnte, usw. Und das sind die Abschlüsse bei denen man zumindest noch Glück hat und nicht auf der Straße sitzt. Wir leben doch in einer Zeit, in der man am liebsten eine Doktorandin der Kernphysik als Sekretärin hätte. Und bei dem real existierenden Fachkräfteüberschuss ist das heute schon Realität.
5.
b_russel 21.01.2012
Zitat von pmalakSeit wann verrichten Akademiker in Deutschland denn Arbeiten, die ihrer Qualifikation entsprechen?! So viele Jobs mit dem Anspruch gibt es doch in Deutschland gar nicht.....
Naja, seien wir doch mal ehrlich: viele Akademiker mogeln sich durch Bulemie-Lernen und Hausaufgaben-Abschreiben irgendwie durch ihr Studium, ohne hinterher viel mehr zu können als vorher. Da braucht man sich nicht wundern, wenn man hinterher auch nur eine Stelle findet, die den eigenen Fähigkeiten entspricht. Leute, die (nicht nur auf dem Papier) was drauf haben, kommen schon schnell genug in gute Positionen. Die sind nämlich wirklich Mangelware.
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Wie die Gastarbeiter nach Deutschland kamen
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Integration ist seit vielen Jahren in Deutschland ein Reizthema. Massive Einwanderung gibt es bereits seit den fünfziger Jahren - ein Rückblick, wie alles begann.
Das Abkommen
Schon in den späten fünfziger Jahren kamen vereinzelt türkische Arbeiter in die Bundesrepublik - eine gesetzliche Rahmenregelung zwischen Ankara und Bonn wurde erst Jahre später getroffen Am 31. Oktober 1961 wurde in Bad Godesberg das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei unterzeichnet. Die sogenannten "Gastarbeiter" sollten maximal zwei Jahre in Deutschland bleiben dürfen. Die Türkei erhoffte sich, dass durch das Geld, das türkische Arbeiter aus Deutschland in die Heimat überwiesen, die Wirtschaft angekurbelt würde. Deutschland suchte in den Jahren des Wirtschaftswunders billige Arbeitskräfte. Das Rotationsprinzip, nachdem die "Gastarbeiter" nach zwei Jahren ausgewechselt werden sollten, wurde 1964 auf Wunsch der Arbeitsgeber in einer Neufassung des Abkommens aufgehoben. 1973 kam es zum Anwerbestopp.

Wie viele kamen?
Von 1961 bis November 1973 bewarben sich etwa 2,66 Millionen Türken um einen Arbeitsplatz in Deutschland, nur knapp 650.000 wurden nach Angaben des "Dokumentationszentrums und Museums über die Migration aus der Türkei" (DOMIT) vermittelt. Fast jeder dritte Gastarbeiter war laut DOMIT Facharbeiter oder angelernte Arbeitskraft - die Quote war deutlich höher als etwa unter den Gastarbeitern aus Italien, Spanien, Griechenland oder Portugal. Ein Fünftel aller Angeworbenen aus der Türkei waren Frauen.
Wer durfte kommen?
Das Bewerbungs-Prozedere spielte sich wie folgt ab: Die deutschen Arbeitgeber wandten sich an die Arbeitsämter mit einem so genannten "Vermittlungsauftrag - Türkische Arbeitskräfte", die Angebote wurden weitergeleitet zur deutschen Vermittlungsstelle in Istanbul und von dort an das türkische Arbeitsamt. Es gab verschiedene Altersgrenzen: Qualifizierte männliche Bewerber durften nicht älter als 40 Jahre sein, Frauen nicht älter als 45 Jahre. Bei unqualifizierten Arbeitern lag die Grenze bei 30 Jahren.
Wie viele blieben?
Etwa die Hälfte aller zwischen 1961 und 1973 angeworbenen Arbeitskräfte aus der Türkei sind Schätzungen zufolge wieder in ihre Heimat zurückgegangen. Die andere Hälfte blieb, immer mehr Familienangehörige zogen nach. Heute haben rund 2,5 Millionen Menschen in Deutschland türkische Wurzeln.
Die Gesundheitsprüfungen
Alle Arbeiter, die vom türkischen Arbeitsamt ausgewählt wurden, mussten sich in Istanbul untersuchen lassen. Gruppenweise mussten die Kandidaten vor Ärzte treten - Blutdruck wurde gemessen, Blut- und Urinproben unternommen, körperliche Übungen mussten vorgeführt werden, der Körper wurde nach Operationsnarben abgesucht, Genitalien wurden abgetastet. Letzteres "war für die Menschen aus Anatolien vermutlich das Schlimmste", schreibt das Dokumentationszentrum und Museum über die Migration aus der Türkei DOMIT. Zwischen 10 und 17 Prozent der Kandidaten, die das türkische Arbeitsamt als geeignet befunden hatte, wurden bei den Gesundheitsprüfungen in Istanbul aussortiert. Wer bei den Gesundheitschecks als nicht geeignet befunden wurde, musste den Traum von der Arbeit in Deutschland für immer begraben.
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