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Diamantenschleifer in Antwerpen Parallelwelt der Stein-Reichen

Diamonds - forever: Antwerpens Geschäft mit funkelnden Steinen Fotos
DPA

Pieter Bombeke hat schon mal einen Mercedes-Stern in einen Brilli geschliffen - was tut man nicht alles, um sich von der asiatischen Konkurrenz abzusetzen. Die Schleifer in Antwerpens Diamantenviertel sind in Sorge. Und pflegen alte Traditionen wie einen brancheneigenen Pranger.

Der Raum, in dem Diamanten ihr Funkeln erhalten, sieht aus wie ein Trödelladen. Werkzeuge liegen herum, dazwischen Geräte, die aus der Zeit gefallen scheinen: ein verstaubtes Tastentelefon, ein winziger Röhrenfernseher, ein Toaster. Mitten in diesem Wirrwarr sitzt Pieter Bombeke mit den wertvollen Steinen vor einer surrenden Schleifplatte. Zwischen den strubbeligen grauen Haaren seines Schnurr- und Kinnbarts bleibt das breite Lächeln fast verborgen. "Der Stein ist im 18. Jahrhundert geschliffen worden", vermutet er und deutet auf den kleinen Diamanten in seiner Zange. "Der hat Glanz, aber kein Feuer."

Wieder und wieder führt der Meisterschleifer das Werkzeug mit fließenden Bewegungen auf die rotierende Platte. Jedes Mal verliert der Diamant ein wenig Gewicht und gewinnt an Form.

Der Flur zu seiner Werkstatt ist unscheinbar - von gleich drei Kameras abgesehen. Typisch für das Antwerpener Diamantenviertel, hinter fast jeder Tür werden hier Steine geschliffen, gehandelt, geprüft. Ein milliardenschweres Geschäft - und auch für Kriminelle eine Versuchung, wie der spektakuläre Raub einer Diamantenlieferung am Brüsseler Flughafen im Februar zeigte.

Pieter Bombeke betrachtet sein Werk durch eine Lupe. Der freundliche Mann mit Halbglatze und großer, bernsteinfarbener Brille hat sein Handwerk Ende der sechziger Jahre gelernt - hier im traditionsreichen Diamantenzentrum. Damals war Antwerpen noch einer der wichtigsten Standorte für Diamantenschleifer. Dort wurde 1919 die typische Brillantform entworfen, die noch heute ein Großteil aller Diamanten geschliffen bekommt.

"Wettbewerb, den man nicht gewinnen kann"

Die Handarbeit wird heute meist anderswo erledigt: Antwerpen ist vor allem Handelszentrum. "Die Menge der Diamanten, die hier geschliffen werden, geht stark zurück", sagt Caroline De Wolf vom Antwerpener Weltzentrum für Diamanten (AWDC). In Ländern wie Indien und China ist der Lohn für die Schleifer deutlich günstiger. "Das ist ein Wettbewerb, den man nicht gewinnen kann."

Auch im Diamantenhandel werden die Karten seit einiger Zeit neu gemischt. Bislang konnte Antwerpen seine Vorrangstellung halten. Doch auf der von zahllosen Kameras überwachten Straße im Diamantenviertel sind die alteingesessenen Händler mit jüdischer Kippa oder Schläfenlocken inzwischen in der Minderheit. Man sieht immer mehr Inder und Asiaten.

Das Zentrum der Antwerpener "Diamantaires" liegt gleich neben dem Bahnhof. Hier stehen alle hundert Meter Notrufsäulen, die Einfahrt zur Diamantenmeile ist auf beiden Seiten durch Schleusen aus Pollern geschützt, die paar Straßen haben ihre eigene Polizeistation. Ansonsten versteckt sich der Reichtum hinter alten, grauen Betonfassaden. Dazwischen ein Zeichen der neuen Zeit: der orangefarbene Stern der Bank of India.

"Viele Inder können sich zum ersten Mal Diamanten leisten"

"Wir sind immer noch die Nummer eins im Großhandel", sagt Caroline De Wolf. "80 Prozent aller Rohdiamanten und 50 Prozent der geschliffenen Diamanten werden in Antwerpen gehandelt. Eine ziemlich große Zahl für eine einzige Straße." 1800 Firmen sind hier vertreten. 2012 exportierten die Händler in Antwerpen nach Angaben des AWDC rohe und geschliffene Diamanten im Wert von 26,7 Milliarden US-Dollar (20,5 Milliarden Euro). Die Delle des Krisenjahrs 2009 ist überwunden, auch bei den Preisen.

Die Nachfrage auf dem Weltmarkt ist groß, vor allem dank des wirtschaftlichen Aufschwungs in großen Schwellenländern, vor allem in Indien und China. "Viele Menschen dort können sich zum ersten Mal in ihrem Leben Diamanten leisten", sagt De Wolf. Das verändert das Geschäft. Ein Beispiel: Während Amerikaner gerne große Diamanten kaufen, die aber auch von schlechterer Qualität sein dürfen, wollen Asiaten Perfektion.

Die Welt der Diamantenhändler ist eine sehr spezielle. Noch immer werden Geschäfte per Handschlag abgeschlossen, begleitet von den Worten "Mazal U'Bracha" - Hebräisch für "Glück und Segen". Vertrauen ist entscheidend. An einer Wand im Antwerpsche Diamantkring, einer der vier Diamantenbörsen der Stadt, hängen die Steckbriefe jener, die gegen den Kodex der Branche verstoßen haben. Sehen dürfen diese Wand nur Mitglieder der Börse, aber wer dort am Pranger hängt, ist weltweit vom Handel mit den funkelnden Steinen ausgeschlossen.

Stimmen die vier Cs?

Von den Großraumbüros des Antwerp World Diamond Centres aus wird beim Blick über die quirlige Hoveniersstraat klar, wie klein das traditionsreiche Diamantenviertel ist. "Das macht es den Leuten einfacher, zu handeln", sagt De Wolf. "Deshalb fällt es uns leichter, ein hohes Sicherheitslevel zu schaffen."

Eine kurze Fahrt mit dem Aufzug, eine Sicherheitsschleuse, und vor dem Besucher beugen sich in einem halbdunklen Raum Menschen über Lupen und Mikroskope unter kleinen Lampen. Was die Spezialisten hier im AWDC-Labor in ihre Computer tippen, entscheidet über den Wert der Steine. In konzentrierter Stille beurteilen die Mitarbeiter des Labors die Diamanten: Wie viel Karat? Wie klar? Welche Farbe? Wie gut ist der Schliff? Diese Kriterien - im Englischen sprechen die Fachleute von den "vier Cs" (Carat, Clarity, Colour, Cut) - beeinflussen wesentlich den Preis eines Diamanten.

Ein 0,95-Karäter, dessen Schliff "triple excellent" ist - also perfekte Symmetrie hat, perfekte Proportionen und perfekt poliert wurde, wird im Internet für rund 14.500 Euro gehandelt. Ein Stein, der sich in nur einer Kategorie leicht unterscheidet, kostet gleich 1500 Euro weniger. Das Karat gibt das Gewicht des Steins an und entspricht 0,2 Gramm.

"Mercedes hatte kein Interesse"

Jeder Diamant wird bei der Bewertung im AWDC-Labor dreimal geprüft - falls die Ergebnisse nicht übereinstimmen, sogar noch öfter. Die Angestellten betonen die harten Standards. Das Papier für die Zertifikate, die hier ausgestellt werden, liefert ein Hersteller, der auch Euro-Scheine druckt.

Tradition, Fachwissen, Qualität - damit will die Diamantenstadt Antwerpen sich im internationalen Wettbewerb behaupten. Inwieweit die Wette aufgeht, ist offen. Schleifer Pieter Bombeke jedenfalls ist zuversichtlich. "Die ganze Logistik ist hier. Es gibt eine gute Zusammenarbeit: Zollamt, Finanzamt, Versicherungen, Transport."

Er ist ins Reden gekommen in seiner Einzelkämpfer-Werkstatt. Bombeke arbeitet allein - weil er seine Geheimnisse niemandem verraten will. Stolz erzählt er von seinen Schätzchen, besonderen Schliffen: Diamanten mit ungewöhnlich vielen Facetten. Solche mit eigenen Lichtreflexen - einem Davidstern zum Beispiel. Oder einem Mercedes-Stern. "Dafür habe ich einen Brief von Mercedes bekommen: sehr schön, aber kein Interesse", berichtet er schmunzelnd. Einfache Schliffe könne man in der ganzen Welt schleifen. "Aber für schwierige Modelle kommen die Leute immer noch nach Antwerpen."

Sebastian Kunigkeit, dpa/mamk

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