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13. Dezember 2012, 10:05 Uhr

Diplomaten

Im Ausland ein Fürstchen, zu Hause ein Würstchen

Er wollte in den diplomatischen Dienst - und scheiterte. Nun hilft Ernst von Münchhausen Bewerbern durch die Prüfungen und lästert gern über den Job in der Fremde. Im Interview verrät der Jurist, wie Botschafter die Wahrheit elegant verschweigen. Dazu der Test: Haben Sie das Zeug zum Attaché?

KarriereSPIEGEL: Als Diplomat muss man alle vier Jahre umziehen, schlägt sich in Entwicklungsländern durch und geht jeden Abend auf irgendwelche Empfänge. Was bitte ist reizvoll an diesem Job?

Münchhausen: So gesehen nichts - eine fürchterliche Vorstellung. Aber der Job hat ja noch andere Dinge zu bieten: Man lernt viele Länder und Menschen kennen, sitzt unmittelbar neben den Schalthebeln der Macht und hat dabei einen sehr abwechslungsreichen und sicheren Job. Nicht umsonst rangiert das Auswärtige Amt auf der Liste der Top-Arbeitgeber ganz oben. Jedes Jahr bewerben sich 2000 Leute für die Aufnahmeprüfung, weniger als 200 schaffen es bis ins Mündliche, schließlich werden gerade mal um die 40 Bewerber eingestellt. Es ist einfach eine Typfrage. Ich selbst war vier Monate als Rechtsreferendar in der Botschaft in Litauen, eine ganz tolle Phase meines Lebens. Aber auf Dauer würde mich die ständige Umzieherei kaputtmachen. Die Empfänge sind letztlich alle gleich, Bekanntschaften bleiben total unverbindlich. Alle wissen ja, dass man vier Jahre später wieder woanders ist.

KarriereSPIEGEL: Familienfreundlich ist der Job auch nicht gerade.

Münchhausen: Das Auswärtige Amt versucht, auf Familien mit kleinen Kindern Rücksicht zu nehmen. Sie werden daher auch nicht auf sogenannte Härteposten geschickt, also in Länder, in denen schon der Alltag extrem hart ist. Aber die Scheidungsrate ist enorm hoch, genaue Zahlen veröffentlicht das Amt nicht, das wäre fatal. Fakt ist: Irgendwann reicht's vielen Frauen einfach, dauernd auf Durchreise und beschäftigungslos zu sein.

KarriereSPIEGEL: Ihr Buch heißt "Wenn wir die Wahrheit sagen, haben wir uns versprochen". Müssen Diplomaten wirklich lügen können, ohne dass es einer merkt?

Münchhausen: Lüge ist das falsche Wort - es geht darum, die Wahrheit einigermaßen elegant zu verschweigen. Die Staatsräson muss gewahrt werden, sonst folgen diplomatische Verwicklungen.

KarriereSPIEGEL: Was ist der Trick?

Münchhausen: Man kann das schwer lernen. Plaudertaschen sind jedenfalls die Falschen, um Staatsgeheimnisse zu bewahren. Deshalb durften Frauen im Mittelalter auch nicht mit: Man fürchtete ihren Hang zu Klatsch und Tratsch.

KarriereSPIEGEL: Aber es sind doch nicht deswegen so wenige Frauen auf Diplomatenposten, oder?

Münchhausen: Es ist eine männerdominierte Branche. Außerdem haben Frauen einfach ein großes Problem, einen Mann zu finden, der das mitmacht. In meinen Kursen sitzen zur Hälfte Frauen, einige haben jahrelang in Afghanistan gearbeitet. Sie wären richtig gute Diplomatinnen, weil sie andere Mittel als das Gockelgehabe der Männer haben, um sich durchzusetzen. Frauen sind auf Ausgleich bedacht, das braucht man in der Diplomatie. In den USA liegt die Frauenquote im Diplomatischen Dienst bei 30 Prozent, in Deutschland sind es nur zehn, die Quote soll steigen.

KarriereSPIEGEL: Ausgleichend muss man also agieren. Was noch?

Münchhausen: Im normalen Leben gilt: Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr. Bei Diplomaten hingegen ist im geeigneten Moment ein bescheidener Auftritt sicherlich hilfreicher. Strukturiert müssen sie sein, bestimmt auftreten, Ruhe und Souveränität ausstrahlen, sonst haben sie keine Chance. Das klingt vielleicht etwas böse: Aber der Hälfte derjenigen, die in meinen Vorbereitungskurs kommen, könnte ich sagen, ihr braucht es gar nicht zu versuchen.

KarriereSPIEGEL: Nach Ihrem Referendariat haben auch Sie sich für den diplomatischen Dienst beworben - und sind woran gescheitert?

Münchhausen: Schon am Schriftlichen. Ich fand den Fachtest Recht richtig schwierig, obwohl ich fünf Jahre Jura studiert hatte. Auch der Testteil Wirtschaft lief katastrophal. Aber ich hatte mich auch nicht vorbereitet. Auf der Homepage des Auswärtigen Amtes gibt es eine Literaturliste zur Vorbereitung. Nur: Wer das alles lesen will, ist Jahre beschäftigt.

KarriereSPIEGEL: Haben sich seitdem die Prüfungen verändert?

Münchhausen: Ziemlich stark sogar. Früher musste man die Antworten ausformulieren, inzwischen sind es Multiple-Choice-Tests. Statt klassischer Bildung, etwa Wissen über deutsche Dichter, werden eher Fakten aus dem Fischer Weltalmanach abgefragt. Zum Beispiel: Wie viele Autobahnkilometer gibt es in Deutschland? Ordnen Sie diese Länder nach Bevölkerungsgröße! Da wächst eine Generation heran, die nicht mehr so viel mit klassischer Bildung anfangen kann - man passt sich den Bewerbern an.

KarriereSPIEGEL: Und wer bewirbt sich so alles?

Münchhausen: Historiker, Mathematiker, Biologen, Geisteswissenschaftler - Akademiker aller Disziplinen. Juristen sind besonders gefragt, weil Rechtsfragen eine große Rolle spielen. Für viele ist der Diplomatenberuf ein Lebenstraum, die probieren es immer wieder. Einer versuchte es dreimal, er wiederholte die Prüfung mit Mitte 40 noch einmal, nachdem die Altersgrenze, die bis dato bei 32 Jahren lag, abgeschafft worden war. Er hatte längst einen völlig anderen Job, eine Familie. Und scheiterte wieder.

KarriereSPIEGEL: Sie vergleichen in Ihrem Buch Diplomaten mit Kakerlaken - nicht gerade schmeichelhaft.

Münchhausen: Das ist natürlich überspitzt. Aber irgendwie stimmt es doch: Beide agieren im Dunkeln, lassen sich nicht unterkriegen und überleben in jeder Kloake. Diplomaten strahlen dabei auch noch Würde aus.

KarriereSPIEGEL: Wie gelingt das?

Münchhausen: Man darf sich selbst nicht so ernst nehmen, sich nie aus der Ruhe bringen lassen. So wie jener deutsche Botschafter, der einmal auf einer Baustelle mit den gesamten Honoratioren beider Länder in eine Baugrube krachte - dreieinhalb Meter in die Tiefe. Alle purzelten durcheinander, viele waren bewaffnet, dazwischen ein geschlachteter Hammel. Der Bericht des Botschafters klang, als sei er komplett unbeteiligt gewesen. Selbstironisch fügte er noch an, dass er dieses Grabenerlebnis in Zukunft dienstlich auszunutzen gedenke - das ist schon hohe Kunst.

KarriereSPIEGEL: Heute macht die Bundeskanzlerin das Meiste ja selbst. Bekommen das auch die Botschafter, also die Angestellten des Außenministeriums, zu spüren?

Münchhausen: Klar. Früher war es normal, wenn Bundeskanzler sich bei einem Auslandsbesuch im Auto auf dem Weg vom Flughafen zum Termin von den Botschaftern briefen ließen. Die Kanzlerin hat wiederholt Botschafter düpiert, weil sie im Wagen hinterherfahren mussten und Merkel deren Expertise offenbar nicht wollte.

KarriereSPIEGEL: Andererseits haben Botschafter den protokollarischen Rang von Staatsoberhäuptern - also auch von Königen. Steigt das nicht zu Kopf?

Münchhausen: Doch, so fühlen sich manche auch. Viele pensionierte Botschafter schreiben Bücher. Das klingt dann so: "Ich habe den amerikanischen Präsidenten getroffen, und der hat gemacht, was ich gesagt habe."- "Ich habe maßgeblich die deutsche Einigung herbeigeführt." - Oder: "Ich und der Bundespräsident."

KarriereSPIEGEL: Mit der Pensionierung kommt dann der tiefe Fall?

Münchhausen: Es heißt nicht umsonst: Im Ausland ein Fürstchen, zu Hause ein Würstchen. Da gibt es die Geschichte vom Botschafter, der vier Monate in Berlin weiter angestellt sein wollte, der Außenminister genehmigte nur zwei, da sagte der Botschafter: Aber ich muss mir doch eine Bleibe suchen! Der Außenminister soll geantwortet haben: Wenn Sie keine finden, melden Sie sich noch mal bei mir. Dann lasse ich Ihnen eine Parkbank im Tiergarten zuweisen.

KarriereSPIEGEL: Woher wissen Sie das alles?

Münchhausen: Ich habe einen guten Draht zu Mitarbeitern im Auswärtigen Amt, meine Frau arbeitete auch beim Amt - und ich war schon immer ein großer Freund skurriler Geschichten.

KarriereSPIEGEL: Eigentlich sind Diplomaten nur Staatsbeamte. Wie können sie trotzdem berühmt werden?

Münchhausen: In den Annalen der Diplomatie landet man garantiert, wenn ein Gericht nach einem benannt wird. So wie das Steak, das seinen Namen vom französischen Diplomaten François-René de Chateaubriand hat. Oder der gute alte Bismarckhering.

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