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Arbeiten in Osteuropa "Man kann den Karriere-Turbo einschalten"

Grenzverkehr: Flaggen am deutsch-polnischen Grenzübergang in Frankfurt Zur Großansicht
DPA

Grenzverkehr: Flaggen am deutsch-polnischen Grenzübergang in Frankfurt

Ab Mai dürfen Osteuropäer in Deutschland arbeiten. Auch der umgekehrte Weg kann sich lohnen: Gerade junge Deutsche können im Osten der EU schnell aufsteigen, sagt Personalberater Stefan Kasperek. Im Interview erklärt er, was man mitbringen muss und warum Osteuropa auch eine Herzenssache ist.

KarriereSPIEGEL: Herr Kasperek, Sie suchen Fachkräfte für Positionen in Osteuropa. Warum sollte man dorthin gehen?

Kasperek: Wer in Osteuropa arbeitet, kann oft seine Karriere beschleunigen - sozusagen den Turbo einschalten. Jemand aus dem mittleren Management bekommt dort vielleicht eine Chance, die er hier noch nicht hat. Zum Beispiel als Leiter einer Dependance.

KarriereSPIEGEL: Warum geht das in Osteuropa schneller als in Deutschland?

Kasperek: In Deutschland haben wir noch ziemlich starre Strukturen. Da bleiben jüngere Unternehmer oft auf der Strecke, weil eine Führungsposition an Ältere vergeben wird. Eine Tochtergesellschaft in Osteuropa ist auch kleiner als die Konzernzentrale in Deutschland. Man kommt einfacher nach oben.

KarriereSPIEGEL: Arbeitskräfte orientieren sich also nach Osten, um einen Karrieresprung zu machen?

Kasperek: Auch. Die meisten haben aber von vornherein eine Affinität zu einem dieser Länder und private Kontakte. Viele haben zum Beispiel eine Großmutter aus Polen oder Tschechien, oder sie sind während des Studiums mit den Sprachen konfrontiert worden oder haben einfach mal Urlaub dort gemacht.

KarriereSPIEGEL: Der Schritt nach Osteuropa ergibt sich also häufig zufällig?

Kasperek: Ja. Aber oft brauchen Unternehmen auch jemanden, der für zwei, drei Jahre eine Tochtergesellschaft aufbaut, ausrichtet oder führt. Später übergeben sie dann an Führungskräfte aus dem Land.

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KarriereSPIEGEL: In welchen Ländern haben Deutsche gute Chancen?

Kasperek: Grundsätzlich in allen. Unterschiede gibt es natürlich im täglichen Leben: Länder wie Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn haben schon fast westliche Standards. Das ist besonders wichtig, wenn man mit der ganzen Familie dort hingeht: Infrastruktur und Schulen sind in diesen Ländern weit entwickelt. Es gibt aber auch Leute, die sagen: Ich will einen besonderen Kick, ich will raus aus den geordneten Verhältnissen, ich will Abenteuer. Die gehen dann in die Ukraine, nach Russland oder auch nach Bulgarien, Rumänien oder Bosnien-Herzegowina. Viele mögen einfach die Art der Osteuropäer.

KarriereSPIEGEL: Das ist ja nun eine sehr große Region mit verschiedenen kulturellen Wurzeln. Gibt es überhaupt so etwas wie eine osteuropäische Mentalität?

Kasperek: Nicht direkt. Aber zumindest zwischen den slawischen Völkern gibt es viele Gemeinsamkeiten. Dort geht es noch irgendwie wärmer zu, nicht so kühl wie in westlichen Ländern.

KarriereSPIEGEL: Gilt das auch für das Arbeitsklima?

Kasperek: Auf jeden Fall ist es ein bisschen lockerer und familiärer. Arbeitgeber schauen ihren Mitarbeitern nicht ständig auf die Finger. Die Hierarchien sind meist flacher als in Deutschland. Kollegialität und ein freundliches Miteinander werden groß geschrieben.

KarriereSPIEGEL: Stichwort lockere Atmosphäre im Büro - wie sieht es mit der Arbeitsmoral aus?

Kasperek: Die meisten Osteuropäer arbeiten gern und viel. Die schieben auch mal Überstunden, ohne groß zu fragen, einfach weil sie noch eine gewisse Leidenschaft mitbringen, Neugier und so etwas wie Aufbruchstimmung.

KarriereSPIEGEL: In welchen Branchen haben Deutsche die besten Chancen?

Kasperek: Das kann man heute nicht auf irgendeine Branche reduzieren. Vor zehn, fünfzehn Jahren war das mal so, als viele Autohersteller Werke in Osteuropa aufbauten...

KarriereSPIEGEL: ...damit sie nicht so hohe Löhne zahlen müssen.

Kasperek: Nicht nur. Den Unternehmen ging es auch darum, diese Märkte zu versorgen. Die Zulieferer sind dann häufig mitgegangen und haben ihre Expertise, also ihre Fachkräfte, mitgenommen.

KarriereSPIEGEL: Wie sieht es in der Dienstleistungsbranche aus?

Kasperek: Da gibt es die größten Chancenin der Unternehmens- oder IT-Beratung. Auch die großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften haben in Osteuropa ihre Dependancen. Dort steigt der Bedarf, weil immer mehr Unternehmen in den östlichen Ländern tätig sind. Die brauchen international ausgerichtete Steuer- und Unternehmensberater. In den großen Konzernen gibt es naturgemäß die meisten Arbeitsplätze.

Freizügigkeit - worum geht es?
Warum so freizügig?
Die Freizügigkeit der Arbeitnehmer zählt zu den vier Grundfreiheiten des Gemeinsamen Binnenmarktes der Europäischen Union (EU). Jeder Bürger der EU darf demnach eine Arbeit in jedem Mitgliedsland der Union aufnehmen, und zwar zu den selben Bedingungen wie die Einheimischen.
Ganz so frei doch nicht
Deutschland hat - wie Österreich - die Freizügigkeit für Arbeitnehmer wegen des hohen Einkommensgefälles zwischen alten und neuen EU-Mitgliedstaaten vorübergehend eingeschränkt. Dies sollte den ungezügelten Zuzug von Billiglöhnern aus den neuen EU-Ländern verhindern und damit auch Verwerfungen am Arbeitsmarkt. Vereinbart wurden deshalb Übergangsfristen von maximal sieben Jahren, in denen die Arbeitnehmerfreizügigkeit ausgesetzt werden kann. Dies betrifft derzeit noch zehn EU-Beitrittsländer. Ende April fallen die Beschränkungen für acht dieser Länder weg.
Osteuropäer jetzt freizügiger
Ab dem 1. Mai brauchen damit Arbeitnehmer aus den acht osteuropäischen EU-Beitrittsländern des Jahres 2004 - Estland, Lettland, Litauen, Polen, Slowakei, Slowenien, die Tschechische Republik und Ungarn - keine Arbeitserlaubnis für Deutschland mehr.
Letzte Hürden bis 2013
Die Freizügigkeit gilt noch nicht für Bürger aus Bulgarien und Rumänien. Die Arbeitsmarkt-Einschränkungen für diese beiden Länder, die erst 2007 der EU beitraten, fallen aber Ende 2013 weg.
Text: mamk/dpa
KarriereSPIEGEL: Was sind die Voraussetzungen für den Erfolg in Osteuropa?

Kasperek: Wer offen ist, neugierig und anpassungsfähig und nicht besserwisserisch, erfüllt schon die Grundvoraussetzungen. Ich würde aber auch sagen: Man muss ein Herz dafür haben. Gerade die Slawen sind sehr sensibel, emotional, manchmal melancholisch - dafür muss man ein Gespür entwickeln. Und sich mehr vom Bauch steuern lassen als vom Kopf. Das ist wichtig. Besonders, wenn man eine Abteilung oder gar ein Unternehmen leiten will.

KarriereSPIEGEL: Wie gut müssen die Sprachkenntnisse sein? Kommt man auch mit Deutsch und Englisch durch?

Kasperek: Meine Erfahrung ist: Wer auf Menschen zugeht und kommunikativ ist, kommt mit Englisch wunderbar klar. Für den Job ist es meist nicht zwingend erforderlich, die Landessprache zu sprechen. Aber natürlich erleichtert es einem das Leben: Man ist ja nicht nur zum Arbeiten dort, sondern man muss auch mal leben. Man hat vielleicht Familie, geht ins Kaffeehaus oder Restaurant oder macht mal ein Picknick - da ist man ja nicht nur mit Leuten zusammen, die Englisch sprechen.

KarriereSPIEGEL: Wie sieht es mit der Bezahlung im Vergleich zu Deutschland aus?

Kasperek: Die Gehälter gleichen sich immer mehr an. In manchen Branchen, vor allem in der Industrie, verdienen Fach- und Führungskräfte sogar mehr als in Deutschland. In Osteuropa sind oft nur zwei Drittel des Gehalts fest und ein Drittel hängt vom Erfolg ab - auch im mittleren Management. Man muss aber bedenken: Es gibt große Unterschiede innerhalb der Länder. Die meisten Unternehmen sitzen in den großen Städten, und dort ist das Leben teuer.

KarriereSPIEGEL: Und die soziale Absicherung?

Kasperek: Die öffentlichen Gesundheitssysteme sind in vielen Ländern nicht so, wie sie sein sollten. Aber die großen Krankenversicherungen sind ja international präsent, so dass man sich privat absichern kann. Wer nur für eine gewisse Zeit ins Ausland geht, sollte seine Renten-, oder Lebensversicherung und andere Vorsorge in Deutschland weiterführen.

KarriereSPIEGEL: Welche Schwierigkeiten gibt es, wenn Deutsche und Osteuropäer zusammenarbeiten?

Kasperek: Die Deutschen erwarten vielleicht zu viel an Perfektionismus, Genauigkeit, sind auch manchmal besserwisserisch - wer diese Attribute aufweist, sollte sich das Ganze nochmal überlegen. Wer Strategien aus Deutschland einfach eins zu eins transferieren will, wird scheitern.

KarriereSPIEGEL: Welche Strategien zum Beispiel?

Kasperek: Zum Beispiel das Marketing: Man kann nicht eine Kaffeemarke oder eine Maschine oder Gummibärchen den Menschen genau so nahebringen wie in Deutschland. Sie reagieren ganz anders auf Werbung. Man muss sich also auf die Besonderheiten des Marktes einstellen, und auf die Menschen. Ich finde, das ist das Allerwichtigste.

Das Interview führte Eva-Maria Simon, Jahrgang 1984. Sie ist freie Journalistin (www.weitwinkel-reporter.de) und schreibt vor allem über Arbeit und Soziales.

Mehr in der KarriereSPIEGEL-Themenwoche "Grenzgänger":

Dienstag - Ab Mai überrollen uns die Billig-Jobber -: stimmt's?
Mittwoch - Zum Schlachten nach Dänemark
Donnerstag - "Tschechien ist gut für meine Karriere"
Freitag - Makler am Ende der Welt

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1. Sprache
thatsit@wegwerfemail.de 29.04.2011
Also, bin selber Expat. Das was die Kultur eines Landes zu 50% ausmacht und damit die Mögklichkeit die Mitarbeiter zu verstehen und führen zu können, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, ist . DIE SPRACHE Es wird von Expats immer behauptet (Schutzbehauptung aus eigener Unfähigkeit), daß man mit Englisch überall weiter kommt. Das ist nach meinen eigenen Erfahrungen ein grober Fehlschluß. Ohne Sprache wird man selten integriert und für voll genommen. Man bleibt immer der arrogante, besserwissende Ausländer.
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Stefan Kasperek betreibt in Krefeld die Personalberatung East, die spezialisiert ist auf die Vermittlung von Fachkräften nach Osteuropa. Kasperek ist selbst gebürtiger Pole.
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