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11. Januar 2012, 11:07 Uhr

Arbeiten in Polen

Die deutschen Teuerlöhner kommen

Protokolle: Stefan Kesselhut

Polen ist das neue Österreich, denn in der Liste der Lieblingsziele deutscher Arbeitsnomaden rangiert das Land jetzt schon auf Platz drei. Der Nachbar gilt als Wirtschaftswunderland. Vier Deutsche erzählen, warum sie in den Osten gingen und wie ihnen das Leben und Geldverdienen dort gefällt.

Auswandern - das klingt nach Palmen und Stränden, Kängurus und endlosen Highways. Die Realität sieht für viele Deutsche aber ganz anders aus: In der Rangliste der beliebtesten Auswandererziele liegen nämlich nicht Australien oder Spanien vorn, sondern die Schweiz, die USA - und Polen. Das Land hat nach Angaben des Statistischen Bundesamts 2009 Österreich von Platz drei verdrängt.

Umgekehrt ist der ganz große Zustrom von Polen nach Deutschland ausgeblieben. Zum 1. Mai 2011 brach die Freizügigkeit für Arbeitskräfte aus acht Ländern Osteuropas an. Teils hofften deutsche Unternehmen auf Grenzgänger gegen den Fachkräftemangel, teils kursierten Warnungen vor einer Invasion der Billiglöhner. Gerade für polnische Arbeitnehmer war Deutschland keineswegs ein Magnet: Im ersten Halbjahr nach der Arbeitsmarktöffnung übersiedelten nur 22.000 Menschen mehr als im Halbjahr zuvor.

Derzeit wachsen in Polen erneut die Sorgen vor einer Abwanderung von Fachkräften, weil deutsche Arbeitgeber verstärkt werben. Die Zeitung "Rzeczpospolita" berichtete am Montag über ein Drittel mehr "Lockangebote" aus Deutschland als 2010: Zahlreiche Firmen zahlten inzwischen Wechselprämien und Familienheimfahrten und stellten zudem geringere Anforderungen an die Deutschkenntnisse der Bewerber als zuvor.

Aber die Fachkräfte haben auch gute Gründe, zu bleiben statt zu gehen. Polen gilt als Boomland, mit der Wirtschaft ging es jahrelang konstant aufwärts. Auch während der Finanzkrise in den Jahren 2008 und 2009 hat sich das Wachstum kaum abgeschwächt; der Rating-Riese Standard & Poor's, vor dem ganz Europa zittert, stellte Polen zuletzt sogar eine bessere Bonitätsnote in Aussicht. Seit Polen zur EU gehört, investieren immer mehr ausländische Firmen im großen Stil. Das meiste Geld kommt von deutschen Firmen, die allein 2010 gut 1,6 Milliarden Euro in Polen investierten, mehr als ein Drittel aller direkten Auslandsinvestitionen.

Die Bedingungen sind besser als in den meisten anderen Ländern Osteuropas - also machten sich im Jahr 2009 rund 12.000 Deutsche auf den Weg nach Polen, zum Beispiel als Anwälte, Manager, Ingenieure und Übersetzer. In den größten polnischen Städten mangelt es derzeit nicht an Arbeit, sondern an Arbeitskräften. Vor allem in der Baubranche, in Ingenieurberufen und im Finanzsektor fehlen Fachleute. In Warschau beträgt die Arbeitslosigkeit unter vier Prozent, in Poznan (Posen) liegt die Quote sogar noch darunter.

Und wie sieht es in der Praxis aus? Der Deutsche Akademische Austauschdienst veranstaltete unlängst in Warschau ein Seminar. Vier Deutsche erzählen, warum sie nach Polen kamen, was ihnen dort gefällt und woran sie sich erst gewöhnen mussten.

"Schnell viel Verantwortung bekommen": Isabella Bartelt, 35, ist Rechtsanwältin bei einer deutschen Kanzlei in Warschau

"Ich bin 2010 nach Polen gekommen, das war nicht ganz geplant. Ich hatte in Südafrika einen Master gemacht und musste nach meiner Rückkehr feststellen, dass die Lage auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland schwierig war. Polnisch konnte ich, weil ich in Schlesien geboren bin und dort die ersten Jahre meines Lebens verbracht habe. Also habe ich mich einfach bei einer deutschen Kanzlei in Warschau beworben. Dann ging alles ganz schnell, ich wurde eingestellt und bin hierher gezogen.

Persönlich hat mich an einer juristischen Tätigkeit in Polen gereizt, dass ich hier in drei Sprachen arbeiten kann. Wir haben viele internationale Mandanten. Und obwohl ich damals noch relativ wenig Berufserfahrung hatte, bekam ich in Warschau von Anfang an viel Verantwortung und die Möglichkeit, an großen Projekten mitzuarbeiten. In Deutschland wäre der Weg zur selbständigen Begleitung von Projekten wahrscheinlich länger gewesen. Als Jurist hat man hier sehr viele Möglichkeiten. Sehr gute Sprachkenntnisse sind dafür allerdings unverzichtbar.

Kollegial, freundschaftlich - und extrem ehrgeizig

In Deutschland ist die Arbeitsatmosphäre in einer Kanzlei im Vergleich zu Polen nach meinem persönlichen Empfinden etwas steifer und distanzierter. In Polen geht es etwas kollegialer und freundschaftlicher zu. Oft unternehmen wir zum Beispiel nach der Arbeit gemeinsam etwas.

Auf der anderen Seite sehe ich bei den jungen polnischen Anwälten einen teilweise extremen Ehrgeiz. Oft sitzen sie bis in die Nachtstunden an ihren Akten. Sie sind sich bewusst, dass sie hier viele Möglichkeiten haben. Sie gehören zu einer polnischen Generation, die wirklich etwas erreichen kann. In Deutschland hatte ich den Eindruck, dass gerade bei den Juristen der Arbeitsmarkt gesättigt ist und viele Entwicklungsmöglichkeiten kaum noch zugänglich sind.

Wenn man in Polen arbeiten möchte, stellt man sich natürlich die Frage, ob sich das überhaupt lohnt. Für junge Juristen in großen Kanzleien würde ich sagen: auf jeden Fall. Die Gehälter sind teilweise auf deutschem Niveau.

Wie lange ich in Polen bleiben werde, weiß ich noch nicht. Die meisten meiner Freunde und Verwandten sind in Deutschland. Ich fliege deshalb oft in die Heimat. Das ist auf Dauer nicht so einfach. Deshalb habe ich schön öfter daran gedacht, zurückzugehen. Aber zurzeit fühle ich mich dennoch so wohl hier, dass das nicht in Frage kommt."

"Die mündliche Absprache zählt": Andreas Volk, 40, arbeitet als freiberuflicher Literaturübersetzer

"Ich habe vor zehn Jahren begonnen, polnische Literatur ins Deutsche zu übersetzen. Damals habe ich im Rahmen des Aufbaustudiengangs Vergleichende Mitteleuropastudien an der Viadrina Universität Frankfurt/Oder ein Praktikum in Krakau gemacht.

Nach Warschau zu ziehen, war nicht wirklich meine eigene Entscheidung. Meine Freundin ist Engländerin und hatte in Berlin, wo wir gemeinsam lebten, bei einer Nachrichtenagentur gearbeitet. Als man ihre Stelle strich, bot ihr eine amerikanische Agentur eine Festanstellung in Warschau an. Das hat mir sehr gut gepasst, so sind wir hierher gezogen.

Ursprünglich hatten wir für Warschau zwei, drei Jahre geplant - mittlerweile sind es acht. Ich konnte schon vorher Polnisch, meine Freundin fing erst in Warschau an, die Sprache zu lernen. Inzwischen sind wir aber ziemlich gut integriert.

Ein Vertrag ist nur eine Formalie

Man fühlt sich im Ausland immer wohler, wenn man die Sprache der Einheimischen spricht. Und es ist nützlich, nicht davon auszugehen, dass alles genauso wie in Deutschland abläuft. Das merke ich bei meiner Arbeit: Wenn man in Deutschland als Übersetzer einen Auftrag bekommt, wird meistens gleich ein Vertrag mitgeschickt. Ohne den würde ein deutscher Übersetzer gar nicht mit der Arbeit anfangen.

Ganz anders in Polen: Hier kommt der Vertrag erst, wenn man schon längst mit dem Übersetzen begonnen hat. Was zählt, ist die mündliche Absprache. Auf die kann man sich auch immer verlassen. Der Vertrag ist dann nur eine Formalie.

Eine Lösung gibt es in Polen immer, auch wenn es im ersten Moment oft heißt: Nein, geht nicht. Notfalls werden Vorschriften etwas flexibler ausgelegt oder außer Kraft gesetzt. Das funktioniert mit Handwerkern wie mit Behörden. Dazu muss man sich auf die polnische Kultur einlassen. Es kommt meist darauf an, ob und was der andere davon hat, einem diesen oder jenen Gefallen zu tun. Da muss man den Leuten ein bisschen entgegenkommen. Am Ende stehen aber oft erstaunlich solide Lösungen.

Irgendwann werden wir hier wegziehen, weil unsere Familien in Deutschland und England leben. Bei den Kindern sieht das schon wieder etwas anders aus: Meine zehnjährige Tochter ist erst zwei Jahre alt gewesen, als wir nach Polen gekommen sind. Sie fühlt sich als Polin, geht auf eine polnische Schule. Für sie kommt es nicht in Frage, aus Warschau wegzugehen."

"Man kommt auch ohne Polnisch klar": Oliver Koepke, 41, ist bei einer internationalen Bank angestellt

"Mein Arbeitgeber hat mir die Möglichkeit geboten, für drei Jahre in Warschau zu arbeiten, mit Option auf Verlängerung. Ich habe schon öfter im Ausland gearbeitet, mehrere Jahre in Luxemburg und zwei Jahre in New York. Mit meinem Wechsel nach Polen hat sich eine berufliche Chance ergeben, die ich nutzen wollte.

Ungewohnt für mich war, wie hier viele Mitarbeiter auf die Frage reagieren, ob sie dieses oder jenes Problem lösen können: Die erste Antwort war oft distanziert. Das heißt allerdings noch lange nicht, dass es nicht geht. Eine Lösung hat sich immer gefunden, wenn wir intensiver zusammengearbeitet haben. Es ist vor allem eine andere Kommunikationskultur, an die ich mich gewöhnen musste.

Doch darauf kann und sollte man sich einstellen. Denn wer in einem fremden Land arbeiten will, darf keine Berührungsängste haben. Es macht Sinn, die Sprache zu lernen, so kommt man im Alltag viel besser zurecht. Für mich selbst ist das schwierig, ich habe oft zu wenig Zeit. Im Job komme ich mit Englisch sehr gut weiter, obwohl die offizielle Arbeitssprache bei uns Polnisch ist. Man kann in Polen durchaus ohne Polnischkenntnisse arbeiten. Das hängt vom jeweiligen Unternehmen ab.

Viele Kontakte zu anderen Ausländern

Hilfreich für mich und meine Familie war, dass wir schon Auslandserfahrung hatten. Unsere Kinder sind Umzüge gewohnt. Allerdings ist man als Entsendeter meist automatisch in einer internationalen Community, nicht in einer lokalen. Das fängt beispielsweise mit den Kindern an, die in Warschau auf eine amerikanische Schule gehen. Daraus ergeben sich größtenteils Kontakte zu Menschen, die nicht aus Polen sind, sondern hier auf Zeit arbeiten.

Polen hat starkes Potential. Trotzdem gibt es noch viel zu tun, vor allem, was die Infrastruktur betrifft. Die Perspektive in Polen ist da, gerade in Warschau. Für immer werde ich hier wahrscheinlich nicht bleiben, aber uns gefällt es sehr gut in Warschau, und ich kann mir vorstellen, die Entsendung zu verlängern."

"Deutsche und Polen haben viel gemeinsam": Jörn Becker, 27, verbringt als Trainee ein halbes Jahr in Warschau

"Ich bin als Trainee bei General Electric in Deutschland angestellt und entwickle Windenergieanlagen. Das Programm dauert zwei Jahre, und man hat die Möglichkeit, für ein halbes Jahr ins Ausland zu gehen. Ich hätte auch nach Österreich oder Frankreich gehen können, aber Osteuropa hat mich dann doch mehr gereizt. Ich habe mich für Warschau entschieden.

In der Warschauer Niederlassung arbeiten fast ausschließlich polnische Mitarbeiter, die mich sehr herzlich aufgenommen haben. Von Anfang an habe ich mich voll integriert gefühlt. Vom ersten Tag an haben wir etwas gemeinsam unternommen, und die Kollegen haben mich eingeladen, mit ihnen an die Masurischen Seen zu fahren.

Die Arbeitssprache bei uns ist Englisch, was die meisten Kollegen fließend sprechen. Im Alltag ist man ohne Kenntnisse der polnischen Sprache aber ziemlich verloren. Einen Schuh beim Schuhmacher reparieren zu lassen, das funktioniert mit Englisch zum Beispiel nicht.

Noch bürokratischer als in Deutschland

Was die Bürokratie in Polen angeht, war ich überrascht, dass sie manchmal noch straffer organisiert ist als in Deutschland. Hier in Polen untersuche ich Schadensfälle im Materiallabor. Um in diesem Labor arbeiten zu dürfen, musste ich mich sehr vielen Untersuchungen unterziehen.

Ansonsten haben Deutsche und Polen viele Gemeinsamkeiten. In beiden Ländern wird zum Beispiel meist sehr sachlich an Probleme herangegangen. Sowohl in Polen als auch in Deutschland ist es normal, dass private Erlebnisse auch einmal auf der Arbeit besprochen werden. Und Polen ist noch auf Jahre hinaus ein Markt mit großem Wachstum, auch im Bereich Windenergie. Deshalb könnte ich mir prinzipiell schon vorstellen, wieder zurückzukommen und länger hier zu leben."

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