Von Maximilian Kalkhof
Samstags verwandelt sich Zipin Chen, 23, in Elsa. Sie kämpft sich um sieben Uhr aus dem Bett, eilt um acht aus dem Haus, drängt sich in die Metro, die sie unterirdisch ins Stadtzentrum von Taipei schießt, schnappt sich bei 7-Eleven noch ein Onigiri und einen Kaffee, huscht in das verglaste Hochhaus und fährt mit dem Aufzug in den elften Stock. Wenn sich die Fahrstuhltür um kurz vor neun öffnet, ist sie nicht mehr Zipin, sondern Elsa. Den Namen hat ihr die Deutschlehrerin vom Goethe-Institut gegeben.
Das kaum 20 Quadratmeter große Klassenzimmer strahlt in makellosem Weiß, von der Decke fällt fahles Neonröhrenlicht. Zwei Deutschland-, eine Europa- und eine Weltkarte sorgen für ein paar Farbkleckse. Die Jalousien sind heruntergelassen, nur der heraufdringende Verkehrslärm ruft in Erinnerung, dass draußen die Großstadt tobt. Barbara mimt Aschenputtel, wie es auf der Treppe ihren Schuh verliert und erntet Gelächter. "Ruckedigu, Blut ist im Schuh", imitiert sie die Tauben. Elsa schaut fragend zu ihrer Nachbarin.
Ihr Ziel trägt den Titel: "Goethe-Zertifikat B1". Wenn Elsa das erreicht, winkt ihr eine Gehaltserhöhung. In ihrem Leben als Zipin arbeitet sie bei Taitra, dem Taiwan External Trade Development Council, mitten in Taipeis Finanzzentrum. Sie ist dort zuständig für den Außenhandel zwischen Taiwan und Europa: Taiwanische Lieferanten wenden sich an sie, wenn sie europäische Käufer zu Verhandlungen treffen möchten. Sie fädelt den Kontakt ein, koordiniert die Termine, bucht die Hotels und begleitet die Europäer auf ihrer Tour durch Taiwan - bislang auf Englisch.
Den Sprachkurs muss sie selbst finanzieren. 2330 Taiwan-Dollar, etwa 60 Euro, zahlt sie für einen Monat Deutschunterricht im Goethe-Institut. Bei rund 1000 Euro brutto, einem für Berufseinsteiger überdurchschnittlichen Gehalt in Taiwan, macht das sechs Prozent ihres Monatseinkommens. Wenn sie die Prüfung nicht packt, geht die Rechnung nicht auf. Ihr Chef will den Lernfortschritt Schwarz auf Weiß. Erst wenn sie das Zertifikat hat und er sicher sein kann, dass sie deutsche Delegationen betreuen kann, rückt er mit einer Gehaltserhöhung heraus.
Lieber Deutsch studieren als gar nichts
Deutschland ist Taiwans wichtigster Handelspartner in Europa, das deutsch-taiwanische Handelsvolumen belief sich 2012 auf rund dreizehn Milliarden US-Dollar. Entsprechend hoch ist auch die Nachfrage nach deutschen Sprachkursen: Rund 800 Studenten sind derzeit am Goethe-Institut Taipei eingeschrieben, etwa die Hälfte ist schon berufstätig. 69 Schulen und acht Universitäten unterrichten Deutsch, drei Hochschulen bieten ein Masterprogramm an.
Auch Chen ist Absolventin eines Deutschstudiengangs, das würde sie aber am liebsten verschweigen. In vier Studienjahren sind bei ihr nämlich nur wenige deutsche Wörter hängen geblieben. Für die Sprache hatte sie sich nur entschieden, weil ihre Schulabschlussnote nicht für ein Englischstudium gereicht hatte. Lieber Deutsch studieren als gar nichts - diese Entscheidung ist in Taiwan nicht ungewöhnlich. Sogar der ehemalige Repräsentant Taiwans in der Bundesrepublik Shieh Jhy-Wey hat nur deshalb Deutsch studiert, weil er nicht die für Englisch erforderliche Zulassungsnote erzielt hatte.
Für das politisch isolierte Taiwan spielt der Außenhandel traditionell eine wichtige Rolle. Wegen der fehlenden diplomatischen Beziehungen sei ihr Job aber oft mühsam, klagt Chen. Alle zwei bis drei Wochen fliegen potenzielle Käufer zu Verhandlungen ein, für die Vorbereitung sitzt sie meist von morgens um neun bis abends um zehn Uhr im Büro, auch am Wochenende. "Immerhin werden die Überstunden bezahlt", sagt sie, "das ist nicht die Regel."
Philipp Rösler? Nie gehört
Werktags hat Chen jetzt keine Zeit mehr zum Deutschlernen. Was bleibt, sind die Samstage, an denen sie nicht ins Büro muss. Die füllt sie morgens mit Unterricht und nachmittags mit Gruppenlernen. Viel Zeit bleibt nicht, in wenigen Wochen steht die Prüfung an. "Wieso lautet der Akkusativ den Prinzen und nicht den Prinz?", fragt ein Kommilitone. Chens Antwort, man müsse es sich einfach merken, überzeugt ihn nicht wirklich.
Sie klappt ihren Rechner auf, geht auf die Seite der "Deutschen Welle" und sucht die langsam gesprochenen Nachrichten. Philipp Rösler ist in den Schlagzeilen. Weiß sie, wer das ist? "Ein Japaner?" Hat sie außer Goethe und Aschenputtel eigentlich schon mal was von "Keinohrhasen" oder "Türkisch für Anfänger" gehört? "Nein, aber ich habe 'Sissi' gesehen!" In Deutschland war sie auch schon einmal und den deutschen Sommer fand sie im Gegensatz zur taiwanischen Schwüle ziemlich angenehm. Aber: "Er dauert nur zwei Wochen, dann ist die Sonne wieder weg."
Samstagabends gegen sechs Uhr macht sich Elsa auf den Nachhauseweg. Ein Tag Elsa, findet sie, sei fast so anstrengend wie fünf Tage Zipin.
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