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Moderne Nomadin Arbeit ist da, wo das Notebook ist

Digitale Nomadin: Arbeiten kann man überall Fotos
Frances M. Thompson

Job und Wohnung gekündigt, die Habseligkeiten verkauft - seit zwei Jahren lebt Frances M. Thompson völlig losgelöst. Ihre Familie denkt, sie sei auf Dauerurlaub. Dabei hat sie nun mehr Stress als früher. Hier verrät sie, wie man aus seinem Leben eine Weltreise macht.

"Um eines vorwegzunehmen: Ich bin kein Hippie. Ich brauche finanzielle Sicherheit, und mir lag es noch nie, einfach so in den Tag hineinzuleben. Bis vor anderthalb Jahren hatte ich noch einen ganz normalen Bürojob. Meine Arbeit machte mir Spaß, mein Single-Leben in London war großartig. Trotzdem gab ich irgendwann alles auf, kündigte Job und Wohnung, verkaufte meine Sachen.

Warum? Die Kurzversion lautet: Ich habe mich in einen digitalen Nomaden verliebt und bin ihm gefolgt. Klar, ich bin schon vorher gereist - aber es ging immer wieder zurück nach Hause. Ich dachte, dass ich mich damit abfinden muss und einfach nicht mehr gegen mein Fernweh tun kann. Tatsächlich war dies die erste Lektion, die ich als digitale Nomadin gelernt habe: Finde dich niemals mit etwas ab!

Es war das Ende unseres ersten gemeinsamen Urlaubs, eine zehntägige Tour durch Malaysia. Ich wollte noch nicht nach Hause und packte gerade widerwillig meine Sachen, als mein Freund sich zu mir umdrehte und sagte: 'Du weißt, dass es nicht immer so sein muss. Wir könnten beide viel mehr reisen. Du könntest dich selbständig machen.'

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Ich hielt das für unmöglich. Ich, die bei einer Unternehmensberatung arbeitet? Ich hatte zwar Spaß am Schreiben, aber davon zu leben? Das schien utopisch. Trotzdem ging mir der Gedanke nicht mehr aus dem Kopf.

Fast genau ein Jahr später verließen wir London für immer. In der Zwischenzeit hatte ich mich als Autorin und Texterin selbständig gemacht und mein Blog aufgesetzt, über das ich Aufträge für Reiseartikel bekam. Im darauffolgenden Jahr bereisten wir 19 Länder, Thailand, Australien, Kanada, Singapur.

Manchmal bleiben wir nur für ein paar Tage in einem Hotel, oft mieten wir uns für mehrere Monate eine Wohnung. Ich arbeite dort, aber auch in Cafés, in Bibliotheken oder am Strand. Ich mag es, alle paar Wochen die Umgebung zu ändern. Das Einzige, was nie fehlen darf, ist eine funktionierende Internetverbindung.

Es ist nicht immer einfach. Es gibt Tage, da wissen wir nicht, wo wir in der nächsten Woche sein werden. Aufträge brechen weg, oder ich muss überfällige Rechnungen eintreiben. Es mag komisch klingen, aber das Berufliche macht mir mehr Sorgen als das Unterwegssein. Das Reisen, all seine Hindernisse und unerwarteten Wendungen sind für mich eine bekannte Unbekannte. Aber selbständig zu arbeiten, die Angst und Unsicherheit, die damit einhergehen, finde ich immer noch ungewohnt.

Was ein digitaler Nomade immer dabei haben sollte

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Bevor ich London verließ, war ich mit unzähligen Fragen konfrontiert. Heute weiß ich, dass die folgenden fünf die wichtigsten waren, um herauszufinden, ob man als digitaler Nomade leben kann und will:

1. Kann ich meinen Job von einem anderen Ort aus machen?

Die Antwort darauf scheint einfach. Ich wette, Sie denken: 'Nein, natürlich nicht! Fall abgeschlossen, Traum für immer erledigt.' Aber ortsunabhängiges Arbeiten wird immer beliebter, und Sie wären erstaunt, wenn Sie wüssten, wie viele Unternehmen sich dafür gerüstet haben, gute Mitarbeiter zu halten. Es gibt nur eine Möglichkeit herauszufinden, ob Sie von unterwegs arbeiten können: Fragen Sie nach!

2. Freelancen oder nicht freelancen?

Was, wenn Ihr Arbeitgeber Sie partout nicht von unterwegs arbeiten lassen will? Falls Ihr Job, Ihr Hobby oder Ihre Fähigkeiten es ermöglichen, sich selbständig zu machen, müssen Sie zunächst Kunden akquirieren. Das war für mich am Anfang das Schwierigste, weil ich mich nicht einfach mit Kunden persönlich treffen oder zu Networking-Treffen gehen kann. Aber viele Unternehmen müssen Sie gar nicht persönlich kennen, um einen Auftrag zu ergattern. Sie werden zum Beispiel auf Portalen wie Elance vergeben.

Machen Sie am Anfang nur Jobs, die Sie gut können, damit Sie pünktlich gute Qualität liefern können. Idealerweise sollte man außerdem einen finanziellen Puffer haben, der einen zur Not über sechs Monate bringt - dann sind magere Zeiten nicht ganz so beängstigend. Deshalb würde ich auch Studenten raten, sich nach der Uni erstmal eine "normale" Stelle zu suchen - auch wenn es naheliegt, genau dann um die Welt zu reisen, weil man noch keine große Verpflichtungen hat. Mit einem festen Job kann man Geld zurücklegen, Kontakte knüpfen und Dinge lernen, die man später als digitaler Nomade gut gebrauchen kann.

3. Warnung: Dies ist kein Urlaub! Wollen Sie wirklich reisen und arbeiten?

Ich brauche dringend Urlaub. Wenn ich das jemandem zu Hause erzähle, werde ich ausgelacht, weil alle glauben, mein Leben sei ein einziger Urlaub. Ist es aber nicht. Ich arbeite mehr als vorher - oft auch abends und am Wochenende - und verdiene weniger.

Trotzdem macht mir mein Job jetzt mehr Spaß, weil ich an ständig wechselnden Orten arbeite, von denen ich nie geglaubt hätte, sie jemals zu sehen. Und ich kann sogar mehr Geld sparen, weil ich meinen Lebensstandard stark zurückgefahren habe. Ich muss kein Haus abbezahlen und habe kein teures Auto. Früher habe ich Vintage-Klamotten gesammelt, heute gebe ich für jedes Kleidungsstück, das ich mir kaufe, ein altes weg.

4. Was sind Sie bereit aufzugeben?

Vollzeitreisen ist nicht ganz so schick, wie es klingt. Man muss auf vieles verzichten. Ich vermisse meine Familie, meine Freunde, meine Rezeptbücher und meine Nähmaschine. Ich vermisse meinen Kleiderschrank, den ich mit Klamotten vollstopfen konnte, die ich dann doch nicht angezogen habe. Manchmal fällt es mir schwer, mich an einem Ort einzuleben. Die Flüge sind verspätet, in der Wohnung liegen tote Ratten, das Dach des Hotels ist eingestürzt. In solchen Momenten hinterfrage ich unseren Lebensstil. Seien Sie bereit, Opfer zu bringen und Dinge zu vermissen.

5. Was wollen Sie erreichen?

Ich frage mich regelmäßig, was ich mit diesem Lebensstil erreiche, außer Reiseorte auf meiner Wunschliste abzuhaken. Die Antwort lautet: Ich lebe besser als vorher, brauche weniger Geld, bin freier und flexibler. Vergangenes Jahr wollte ich einen Roman schreiben, also habe ich mir in Thailand eine nette Wohnung gesucht, mich zwei Monate lang dort eingesperrt und geschrieben. Dieses Jahr wollten wir snowboarden und das Nordlicht sehen, also sind wir nach Finnland. Das sind persönliche Ziele, die ich mit einem festen Job an einem festen Ort nur schwer hätte erreichen können.

Es bleibt abzuwarten, wie lange ich noch so leben werde. Aber fest steht: In den vergangenen Monaten habe ich mehr erlebt, gelernt, gelacht, gearbeitet und so viel mehr Orte lieben gelernt als jemals zuvor. Dafür bin ich unglaublich dankbar - und stolz, ein digitaler Nomade zu sein."

  • Frances M. Thompson (31) hat Französisch, Deutsch und Italienisch studiert. Ihren Wohnsitz hat sie in London, seit Oktober 2011 ist sie aber immer auf Reisen und arbeitet als Autorin und Reisebloggerin. Über ihre Erlebnisse schreibt sie auf Englisch in ihrem Blog "AstheBirdflies" und im Backpackerinnen-Blog "Travelettes", das eine deutsche Fotografin ins Leben gerufen hat.

Aufgezeichnet und übersetzt von Anja Tiedge.

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insgesamt 51 Beiträge
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1. Frage:
01099 26.09.2013
Wie genau finanziert man sowas? Da muss man doch großzügig geerbt haben oder einen reichen Freund an seiner Seite wissen. Versicherungen sind schließlich nicht billig und Mieten un Provisionen wollen schließlich auch bezahlt werden. Und die Flüge kosten auch Geld. Diese Blogger müssen doch alle Kinder aus der reichen Oberschicht sein. Anders ist dieser Lebensstil doch kaum zu finanzieren.
2. ... und jung und gesund und zu zweit sollte man sein!
lesermichel 26.09.2013
Bei der Packliste fehlt die übliche Antwort auf die Frage, was man unbedingt auf eine einsame Insel mitnehmen würde: Den besten Freund / die beste Freundin und eine Kreditkarte vom reichen Papi :-)
3. Die wahren Probleme kommen erst
milatext 26.09.2013
Die Frage nach der Finanzierung hat die Autorin ja sehr gut beantwortet: Arbeiten und gleichzeitig Ausgaben durch Verzicht minimieren. Das geht, zumal in vielen Ländern die Lebenshaltungskosten deutlich niedriger sind, als bei uns. Das eigentliche Problem eines solchen Lebensstils ist das Alter. Mit 31 hat man noch kaum gesundheitliche Probleme, mit 50 schon. Dann ist nicht nur das Reisen anstrengender, sondern auch die ärztliche Versorgung schlechter als daheim. D.h., es gibt ein relativ enges Zeitfenster für diese Art der Arbeit. Es reicht auch nicht, erst mit 50 wieder sesshaft zu werden, weil bis dahin im Heimatland alle Bindungen und sozialen Netze zerrissen sind. Heißt: Zwei, drei Jahre vorher bereits zurückkehren und neue Netze knüpfen. Bleiben unter dem Strich - abzüglich ein bis zwei Jahre Anlaufzeit, bis die Auftragslage trägt - 10 bis maximal 15 Jahre aktives Reisen. Das reicht in der Regel nicht, sich als Selbstständiger ein gesundes finanzielles Polster fürs Alter zuzulegen. Darin liegt das eigentliche Wagnis.
4. Arbeite am liebsten am Ufer
founder 26.09.2013
1995 war ich erstmals mit Notebook und Photovoltaik am Strand. In den letzten 18 Jahren habe ich dazu meine Ausrüstung immer mehr perfektioniert. 1.) Ultrabook mit matten Display (http://notebook.pege.org/2013-ultrabook/) 2.) Faltbare Photovoltaik und Stromversorgung (http://notebook.pege.org/2012-outdoor/) Die Zentraleinheit der Solaranlage wiegt nur 660 Gramm und kann auch dazu verwendet warden auf langen Flugreisen die Laufzeit um 5 Stunden zu verlängern. 9 Stunden Laufzeit vom Notebook und 5 zusätzliche Stunden über die Zentraleinheit der Solaranlage machen lange Flugreisen problemlos.
5. optional
Beorn 26.09.2013
Schöne Idee, muss ja in der Umsetzung nicht immer so radikal sein, dass man ins Ausland geht. Ein paar Monate von einer anderen Ecke Deutschlands aus zu arbeiten wäre auch schon nicht schlecht ... träum, träum ... . :)
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Für flexible Arbeitszeiten gibt es eine Reihe von unterschiedlichen Modellen. Manche werden in vielen Unternehmen, andere nur ausnahmsweise praktiziert. Insgesamt arbeiten gut 40 Prozent der Beschäftigten in Deutschland mit einem solchen Stundenplan. Ein kleines Glossar der modernen Welt der Arbeitszeiten.
Reduzierte Tagesarbeitszeit
Der Klassiker, der kaum Freiräume ermöglicht. Ein Angestellter arbeitet zum Beispiel nur vormittags oder nachmittags. Die Zeitfenster ändern sich nicht.
Reduzierte Wochenarbeitszeit
Eine fast ebenso gängige Variante: Drei- oder Viertagewoche, die übrigen Tage sind frei, und Teilzeitmitarbeiter bestimmen in Absprache mit ihrem Team den freien Tag oft selbst.
Reduzierte Monatsarbeitszeit
Wenig verbreitet: Man verteilt ein Zeitbudget beliebig auf den Kalendermonat. Drei Wochen am Stück arbeiten, eine Woche frei - das geht.
Gleitzeit
Auch "gleitende Arbeitszeit" genannt, bedeutet, dass Beginn, Ende und Dauer der täglichen oder wöchentlichen Arbeitszeit nicht festgelegt sind, sondern zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern verabredet werden. Man unterscheidet "einfache" und "qualifizierte" Gleitzeit. Bei der "einfachen" Gleitzeit wird eine feste "Kernarbeitszeit" und ein "Gleitzeitrahmen" festgelegt, z.B. 7-20 Uhr Gleitzeitrahmen / 10-17 Uhr Kernarbeitszeit. Bei der "qualifizierten" Gleitzeit wird die "Kernarbeitszeit" noch einmal reduziert oder ganz abgeschafft. Vereinbart wird meist eine bestimmte Stundenzahl in der Woche, im Monat oder im Jahr. Die weitere Planung der Arbeitszeit übernimmt der Arbeitnehmer in eigener Verantwortung.
Arbeitszeitkonten
Viele Unternehmen haben mittlerweile Konten eingeführt, auf welchen die Arbeitszeit laut Vertrag, Tarif oder Vereinbarung mit der tatsächlich geleisteten Arbeit verrechnet wird. Besonders bei Modellen wie Gleitzeit oder bei Schichtarbeit werden sie eingesetzt; zudem gibt es meist Vereinbarungen, wie viel "Guthaben" oder "Schulden" auf einem solchen Konto angesammelt werden dürfen.
Sabbatical
Im Sabbatjahr ließen die Bauern Israels, so erzählt das Alte Testament, die Felder ruhen und alle Schulden wurden erlassen. In der Arbeitswelt können Beschäftigte in regelmäßigen Zeiträumen ein bezahltes Sabbatjahr nehmen, wenn sie zum Beispiel Arbeitszeit angespart oder eine Zeitlang Vollzeit für das halbe Gehalt gearbeitet haben.
Jahresarbeitszeit
Streng genommen eine Variante der Gleizeit: Arbeitgeber und Angestellte verteilen in Absprache das Arbeitszeitvolumen eines Betriebs nicht gleichmäßig, sondern flexibel über ein Jahr. Dieses Modell bietet sich dann an, wenn es vorhersehbare saisonale Schwankungen im Arbeitsaufkommen gibt.
Job-Sharing
Ein recht seltenes Modell: Ein, zwei oder auch drei Kollegen teilen sich eine Vollzeitstelle. Wer wann im Büro sitzt, machen sie unter sich aus. Jeder Jobpartner ist im Prinzip für sich selbst verantwortlich. Eine weitere Variante ist das "Job-Pairing", bei dem mehrere Kollegen ein Team bilden, das die Verantwortung, meist für ein weit gestecktes Arbeitsziel oder Projekt, gemeinsam trägt.
Vertrauensarbeitszeit
Dieses Arbeitszeitmodell hat kaum noch mit dem genauen Zeitraum zu tun, der für Arbeit aufgewandt werden muss. Es orientiert sich eher an einem bestimmten Arbeitsziel, einem Produkt zum Beispiel, das bis zu einem bestimmten Zeitpunkt fertig sein soll. Bei der Vertrauensarbeitszeit liegt es weitgehend in der Verantwortung des Arbeitnehmers, seine Zeit und seine Arbeit zu organisieren. Überstunden gibt es bei diesem Modell nicht, dafür auch kein Zuspätkommen. Eine vertraglich festgelegte Arbeitszeit aber sehr wohl, sie wird jedoch meist nicht kontrolliert.

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