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Arbeitsplatz Tschernobyl Job in der Todeszone

Slawutitsch: Stadt für die "Todgeweihten" Fotos
André Eichhofer

Vor 27 Jahren explodierte Block 4 im Atomkraftwerk Tschernobyl, heute ist der Unglücksmeiler der Arbeitsplatz von 2000 Menschen. Viktor Stepanenko wartet Reaktoren, Oleg Petrow baut an der neuen Schutzhülle. Ein normaler Job, finden sie - und nennen sich selbst "Todgeweihte".

Jeden Sonntag geht Viktor Stepanenko, 45, auf einen Waldfriedhof nahe der Stadt Slawutitsch. An einem Grab mit einem orthodoxen Kreuz macht er halt und legt einen Strauß Blumen nieder. Hier liegt sein Sohn Michail begraben - er starb vor fünf Jahren an Leukämie.

Slawutitsch liegt 50 Kilometer vom Atomkraftwerk Tschernobyl entfernt. Die Plattenbausiedlung entstand nach dem GAU 1986 auf dem Reißbrett, als Ersatz für die Stadt Pripjat, die am 27. April 1986 evakuiert worden war. Auf manchen Grabsteinen ist ein Bild vom Kraftwerk eingraviert. Die meisten Menschen, die hier begraben liegen, starben infolge der Reaktorkatastrophe.

Heute, 27 Jahre später, ist der Atommeiler größter Arbeitgeber der Stadt. Denn über zweitausend Arbeiter, Techniker und Sicherheitsleute sind in Tschernobyl im Dauereinsatz. Sie halten die verbliebenen Reaktoren instand und bauen einen neuen Sarkophag für den 4. Block, der 1986 explodierte. Der alte Betonmantel, der über den havarierten Reaktor gegossen wurde, bröckelt und kann die Strahlung auf Dauer nicht eindämmen. Die drei Blöcke, die bei dem Super-GAU unbeschädigt blieben, sind außer Betrieb, müssen aber bis zur endgültigen Stilllegung des Kraftwerks im Jahr 2022 gewartet werden.

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Tschernobyl: Das verstrahlte Paradies
Stepanenko arbeitet seit zehn Jahren im 3. Kraftwerksblock. Im Kesselraum sitzt er an einem Schaltpult und kontrolliert die Wärmeversorgung des Reaktors. "Ich helfe auch, radioaktiven Müll zu beseitigen", sagt Stepanenko. Für ihn ist das "ein ganz normaler Job, damit verdiene ich mein Geld." Und doch: Er und seine Kollegen nennen einander sarkastisch "Smertniki" - die Todgeweihten.

Morgens um 7.30 Uhr steigt er in einen Sonderzug, der ihn direkt zum Kraftwerk bringt. Die Strahlenzone ist für Besucher gesperrt. Bei der Einfahrt zeigt er den Soldaten eine Plastikkarte, die ihn als Mitarbeiter des Atomkraftwerks ausweist. Um auf das Kraftwerksgelände zu gelangen, muss Stepanenko durch einen 50 Meter langen Tunnel und mehrere Sicherheitsschleusen.

20 Stunden Arbeit, einen Tag Pause

"Zuerst gehen wir durch ein Metalltor, das unsere Strahlung registriert", erklärt Stepanenko. "Danach bekommen wir Dosimeter zur Messung der Alpha- und Betastrahlung in die Hand gedrückt." Dann laufen die Arbeiter in den "Schmutzraum", wo sie ihre Kleidung in einem Spind einschließen. Im "sauberen Raum" hinter einer weiteren Schleuse schlüpfen sie in einen weißen Schutzanzug. Bei der Arbeit tragen die Techniker eine Haube über dem Kopf und einen Respirator, ein Atmungsgerät, das aussieht wie eine Gasmaske.

Außerdem hat jeder Tschernobyl-Arbeiter einen privaten Mini-Strahlenmesser dabei. Pro Schicht sei eine maximale Dosis von 200 Mikrosievert erlaubt, erläutert Stepanenko. Wer eine höhere Dosis abbekommt, muss zur medizinischen Kontrolle und darf im Kraftwerk nicht mehr arbeiten. Stepanenko arbeitet 20 Stunden und ruht sich nach der Schicht einen Tag zu Hause aus.

Seit der Kindheit mit dem Atomkraftwerk verbunden

Der Mann mit dem blauen T-Shirt und der Jeansweste ist seit der Kindheit mit dem Atomkraftwerk verbunden. Stepanenkos Vater war Ingenieur in dem Atommeiler, die Familie lebte in Pripjat, der Stadt neben dem Kraftwerk. Als Pripjat einen Tag nach der Katastrophe evakuiert wurde, war Stepanenko gerade in Kiew, wo er Physik studierte. Nach der Katastrophe lebten die Eltern in Minsk, zwei Jahre später zogen sie in eine kostenlose Wohnung in Slawutitsch.

Die Plattenbauten der 24.000-Einwohner-Stadt wirken trist, es gibt keine Cafés, kein Kino, keine Bibliothek und keine Discos. Die einzige Pizzabude steht gleich neben dem Bahnhof. Dennoch fühlt sich Stepanenko in Slawutitsch wohl. "Es gibt gute Schulen und Kindergärten", sagt er.

Nahe des Sportplatzes steht Oleg Petrow, 46, mit seiner Tochter an einem Spielplatz. Der Mann mit der schwarzen Jacke arbeitet an dem neuen Sarkophag, der die Strahlung am Block 4 des Kraftwerks eindämmen soll. Petrow will seinen richtigen Namen nicht verraten, denn sein Arbeitgeber habe den Mitarbeitern verboten, mit der Presse zu reden. Verantwortlich für den Sarkophag-Bau ist das Konsortium Novarka, an dem auch Hochtief und die französischen Baufirmen Vinci und Bouygues beteiligt sind. Die neue "Hülle" soll 100 Jahre halten, den Reaktor bogenförmig umspannen und sieht nach Fertigstellung Ende 2015 aus wie ein riesiger Flugzeughangar.

"Keine Sorgen wegen der Strahlung"

Die meisten Sarkophag-Arbeiter kommen aus Slawutitsch, andere aus der Türkei, Aserbaidschan, Portugal und Frankreich. Wie ist es, zu den "Todgeweihten" zu gehören? "Ich mache mir keine Sorgen wegen der Strahlung", sagt Petrow. Er trage bei der Arbeit ein Dosimeter an seinem Gürtel, das automatisch piept, wenn die zulässige Strahlendosis überschritten wird. Nur mit dem Gehalt ist Petrow unzufrieden: "Ich verdiene rund zehnmal weniger, als meine französischen Kollegen", ärgert er sich.

Novarka war in den letzten Wochen wegen der Bezahlung in die Schlagzeilen geraten. Das Konsortium zahle nur umgerechnet 400 Euro im Monat, sagt Petrow. Das sei zwar mehr als der Durchschnittslohn von 300 Euro, für so einen gefährlichen Job jedoch zu wenig, findet er.

Viktor Stepanenko, der im Reaktor für eine amerikanische Firma arbeitet, ist mit dem Verdienst von 300 Euro zufrieden. In der Ukraine ist die Erwerbslosigkeit hoch. "Das Kraftwerk ist ein begehrter Arbeitsplatz in der Region", sagt er. Die Bedingungen sind gut, mit kostenloser Kantine und all den Sicherheitsmaßnahmen der ausländischen Firmen - einheimische wären da deutlich laxer.

Dann wird Stepanenko nachdenklich. Nahezu jeder im Verwandten- oder Freundeskreis habe jemanden in der Familie, der an Krebs erkrankt ist. "Trotzdem kann ich hier nicht weg", meint er.

André Eichhofer ist freier Autor in Berlin und berichtet für das Korrespondenten-Netzwerk N-Ost aus der Ukraine, Weißrussland und Moldawien.

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