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Urlaub ohne Ende Jetzt aber mal Schluss mit der Arbeit!

Freizeit ohne Ende: 1000 Dollar, wenn ihr endlich Urlaub macht Fotos
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So viel Urlaub machen, wie man mag - ein Traum. Angestellte einer amerikanischen IT-Firma dürfen das. Sie tun's aber nicht. Weil so wenige verreisen, setzt der Chef sogar noch einen drauf: Er schenkt jedem 1000 Dollar, der mindestens eine Woche im Jahr freinimmt.

Christian Kohlschütter zählt seinen Urlaub nur noch bis Tag fünf. Wenn er am Ende des Jahres nachweist, dass er mindestens eine Woche freigenommen hat, zahlt ihm sein Arbeitgeber einen Bonus von 1000 Dollar. Nach oben gibt es keine Grenze: Er kann so viele freie Tage nehmen, wie er will.

Eine Belohnung fürs Urlaubmachen, wenn man unbegrenzt Urlaub machen darf? Für den Informatiker nachvollziehbar: Er kennt einige Kollegen, die seit Jahren nicht verreist sind.

Kohlschütter, 34, arbeitet im Silicon Valley für den Cloud-Dienst Evernote. Sein Chef hat ihn vor einem Jahr persönlich abgeworben, von einem großen deutschen IT-Dienstleister, der unter anderem Software zur Arbeitszeiterfassung entwickelt. Das hat der Oberfranke nun hinter sich gelassen, im doppelten Sinn: Stechuhren sind bei Evernote ein Fremdwort. Gezählt werden weder Überstunden noch freie Tage.

Arbeitszeitregelungen gelten mittlerweile in vielen amerikanischen IT-Firmen als überholt. Ob beim Webdienst Pinterest, dem Spielehersteller Zynga oder bei der Software-Sicherheitsfirma Veracode - den Chefs ist egal, wie die Arbeit erledigt wird. Morgens, abends oder nachts, in drei oder in 14 Stunden. Hauptsache, sie wird erledigt.

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"Wir haben auch keine Kleidungsvorschrift. Trotzdem kommt keiner nackt. Merke: Man braucht nicht für alles Vorschriften", so erklärt der Online-Filmverleiher Netflix die Arbeitsphilosophie. In der Firma gibt es die unbegrenzten Urlaubstage bei voller Bezahlung schon seit 2004. Sie werden einfach nicht mehr gezählt. Geschadet hat's wohl nicht: Netflix hat mittlerweile mehr Abonnenten in den USA als der Pay-TV-Gigant HBO, allein in diesem Jahr betrug der Unternehmensgewinn 32 Millionen Dollar.

Christian Kohlschütter gefällt die neue Freiheit: "Wenn ich später ins Büro kommen oder ein paar Tage frei haben möchte, spreche ich es einfach mit meinen Kollegen ab." Urlaubsanträge, Überstundenzettel, auf den ganzen Papierkram verzichte er gern. "Die Arbeit muss gemacht werden, klar. Aber wo und wann, das ist oft Nebensache."

"Jaja, ich weiß, ich sollte mal wegfahren..."

Den Job hätte Kohlschütter auch ohne die unbegrenzten Urlaubstage genommen. Ohne die Putzfrau, die ihm das Unternehmen alle zwei Wochen ins Haus schickt. Ohne das Elektroauto, das er gratis in der Firmengarage aufladen kann. "Das ist alles ganz nett und nützlich, aber darum geht es nicht", sagt er. "Evernote hilft mir dabei, dass ich mich auf meine eigentliche Arbeit fokussieren kann."

Luis Samra ist so auf die Arbeit fokussiert, dass er den 1000-Dollar-Bonus fürs Ausspannen in diesem Jahr wieder verpasst. Der Manager ist bei Evernote fürs Lateinamerikageschäft zuständig, im Urlaub war er seit zwei Jahren nicht mehr. Unglücklich wirkt der quirlige kleine Mann deshalb nicht: "Jaja, ich weiß, ich sollte mal wegfahren. Aber ich hab' einfach so viel zu tun."

Die Zeit, in der andere putzen, auf den Bus warten oder ihr Pausenbrot schmieren, können Kohlschütter und Samra anders nutzen. Und sie nutzen sie, ganz klar, zum Arbeiten. Wo Berufliches aufhört und Privates anfängt, kann bei Evernote niemand mehr sagen.

"Wenn ich im Büro eine E-Mail von meiner Freundin mit Restauranttipps kriege, will ich die nicht erst zu Hause lesen", sagt Linda Koslowski aus der Marketingabteilung. "Umgekehrt lese ich auch am Abend mal E-Mails aus dem Büro. Ich fände es unbefriedigend, wenn ich beides strikt trennen müsste." Das sei mehr als eine Firmenphilosophie - "das ist eine Lebenseinstellung".

Glückliche Workaholics, so könnte man Menschen wie Samra wohl nennen. Er liebt seinen Job, er brennt für seine Arbeit. Sie ist sein Lebensinhalt. Keine Minute scheint er stillstehen zu können, selbst in der Teeküche wirbelt er umher, in der Hand eine Instant-Nudelsuppe. Der Suppenvorrat geht bei Evernote nicht aus. Kaffee, Tee, Obst, reichlich Schokoriegel - die Mitarbeiter können sich zu jeder Tages- und Nachtzeit bedienen. Selbst fürs Abtrainieren der Kalorien muss niemand aus dem Büro: Wer will, stöpselt seinen Laptop am Laufband ein. Oben schreiben, unten laufen, das klappe prima, sagt Koslowskis Kollegin Gina Kim.

40-Stunden-Woche? Das ist ja ein Teilzeitjob

Managementprofessorin Lotte Bailyn vom Massachusetts Institute of Technology sieht die Entwicklung mit Sorge. "Für einen bestimmten Lebensabschnitt, etwa in den Zwanzigern, mag es in Ordnung sein, Privat- und Arbeitsleben zu verschmelzen", schreibt sie in einem Essay zum Thema. Das könne sich aber auch "zu einer ungesunden, lebenslangen Arbeitssucht entwickeln". Innovative und kreative Arbeit komme so sicher nicht zustande.

Bei Evernote bestreitet niemand die heilsame Wirkung einer Auszeit. Dass manche Mitarbeiter trotz unbegrenzter Urlaubstage und 1000-Dollar-Bonus darauf verzichten, dafür könne man ja nun nichts, meint Linda Koslowski. "Wir sind doch alle erwachsen."

Doch wer geht schon nach Hause, wenn die anderen durcharbeiten? Manche Arbeitswütige sehen schon eine 40-Stunden-Woche als Teilzeitjob. Nach acht Stunden Arbeit nach Hause gehen, das sei doch "Karriere-Selbstmord", zitiert das amerikanische Think Tank Center for American Progress einen Manager.

Der Online-Börsenberater Motley Fool schickt Mitarbeiter deshalb jetzt zwangsweise in den Urlaub. Wer in der monatlichen Verlosung gezogen wird, muss binnen 30 Tagen zwei Wochen Urlaub nehmen - und darf in dieser Zeit weder E-Mails ins Büro schicken noch dort anrufen.

Christian Kohlschütter ist zuversichtlich, dass er auch ohne Zwangspause die richtige Balance zwischen Beruf und Freizeit finden wird. Eines sei aber auch klar: "Ich bin nicht zum Ferienmachen hierhergekommen."

  • Autorin Verena Töpper (Jahrgang 1982) ist KarriereSPIEGEL-Redakteurin.

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insgesamt 81 Beiträge
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1.
snailfinger 17.12.2013
ja, die schönste Form der Ausbeutung ist die Selbstausbeutung. Und alles, was aus den USA kommt, ist sowieso gut...
2. Perfide
Mr.Yellow 17.12.2013
Derartige Systeme würde für kein Geld der Welt beiwohnen wollen. Ich erlebe es bereits in meiner Firma, dass der Gruppendruck gerne genutzt wird. Da sind 40h eher die Ausnahme als die Regel. Dem versuch ich mich durch ein wenig "Einzelgängertum" zu entziehen. Da riskier ich schlimmsten Fall auch die Kündigung.
3.
tkedm 17.12.2013
Witzig. Wenn die Mitarbeiter gar nicht zum Urlaub machen kommen, kann man ihnen solch theoretisch unbegrenzten Urlaub natürlich anbieten. Und nimmt ein Mitarbeiter tatsächlich Urlaub und kassiert die 1000 Dollar, heißt es im Jahr darauf: "Der Mitarbeiter ist zu teuer und für ihn ist die Firma nicht der Lebensinhalt, raus mit ihm." Sehr geschickt.
4.
picard95 17.12.2013
Zitat von snailfingerja, die schönste Form der Ausbeutung ist die Selbstausbeutung. Und alles, was aus den USA kommt, ist sowieso gut...
Naja, im IT Bereich ist es in vielen deutschen Firmen auch kein Zuckerschlecken. Stress pur wenn wieder die Rauchmelder überprüft werden, die Heizungen abgelesen oder mal ein paar Möbel geliefert werden. Überstunden sind auch normal, nur dass man eben diese sinnlose Anwesenheitspflicht hat und für jeden Mist Urlaub einreichen muss. Nun in der US Firma (in D) brauche ich mich um sowas nicht mehr zu kümmern: Hauptsache ist dass meine Softwareprojekte fertig werden. Und das schaffe ich mit vielleicht 10 Tagen pro Jahr wo ich länger arbeite. Dafür habe ich die Wahl spontan von zu Hause aus zu arbeiten oder zur Arbeit zu fahren je nachdem wie ich wach werde. Und das Gehalt ist sehr gut (Grundgehalt, leistungsabhängiger Bonus, Jahresbonus, Mitarbeiteraktien, betriebliche Altersvorsorge etc.) und 30 Tage Urlaub sind auch schön. Vielleicht gönne ich mir nächstes Jahr eine dreimonatige Auszeit für einen Australientrip; auch das wird von der Firma unterstützt. In die USA fliege ich ja eh mehrmals pro Jahr ins Hauptquartier; da hänge ich dann meist ein paar Tage Urlaub ran und mache Kalifornien unsicher. So lasse ich mich gerne "ausbeuten".
5.
Sleeper_in_Metropolis 17.12.2013
---Zitat--- den Chefs ist egal, wie die Arbeit erledigt wird. Morgens, abends oder nachts, in drei oder in 14 Stunden. Hauptsache, sie wird erledigt. ---Zitatende--- Problematisch wird's halt nur, wenn die Arbeit in einem normalen Pensum nicht zu schaffen ist, und die Belegschaft nicht nur aus "glücklichen Workaholics" besteht.
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