ThemaKulturschockRSS

Alle Kolumnen


  • Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Kulturschock in Südafrika Ich bin dann mal Ranger

Ranger in Südafrika: Tausche Büro gegen Wildnis Fotos

Weg vom Schreibtisch, rein in die Wildnis, das war der Traum von Juan Proll. In Südafrika fand der Sozialpädagoge ein passendes Angebot: eine Ausbildung zum Ranger. Vor Ort kam er sich erst mal ganz schön alt vor. Dann fand er Gefallen am Leben zwischen Löwen, Giftschlangen und Touristen.

"Ich erinnere mich noch gut an den Moment, als wir mit unserer Ausbildungsgruppe durch ein Wäldchen marschierten und plötzlich eine Löwin mit markerschütterndem Gebell hervorstürmte. 20 Meter vor uns stoppte sie abrupt und fauchte drohend. Jetzt bloß cool bleiben, dachte ich. Mit einer geladenen Waffe auf sie gerichtet, gingen wir sehr langsam rückwärts, ohne die Löwin auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Aus sicherer Distanz sahen wir dann Löwenbabys aus dem Gebüsch kommen.

Dass der südafrikanische Busch einmal mein Zuhause sein würde, hätte ich vor drei Jahren nicht einmal geträumt. Damals leitete ich als Lehrer und Sozialpädagoge das Kompetenzzentrum für die berufliche Integration von Migranten beim Bildungswerk des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Ich mochte meine Arbeit, aber ich hatte das Gefühl, es sei Zeit für eine Veränderung.

Südafrika stand schon lange ganz oben auf meiner Reisewunschliste. Ich recherchierte im Internet - und fand ein Angebot für eine sechsmonatige Ausbildung zum Ranger im Entabeni Wildreservat, knapp 500 Kilometer entfernt vom berühmten Kruger Nationalpark. Wer die Abschlussprüfung bestehe, bekomme garantiert einen Halbjahresvertrag als Ranger mit Aussicht auf Festanstellung und könne so das Geld für die Ausbildungskosten wieder verdienen, hieß es. Mein Pulsschlag stieg auf 180: In der Natur sein und nebenbei mein Englisch verbessern, das schien mir ideal. Inzwischen lebe und arbeite ich schon seit über einem Jahr in Südafrika.

Fotostrecke

29  Bilder
Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten
Von den acht Azubis, die mit mir zusammen starteten, war ich mit 46 der Älteste, gefolgt von einem 42 Jahre alten Amerikaner, mit dem ich auch das Zelt teilte. Die anderen waren 18 bis Mitte 20 und kamen aus den USA, Belgien und Uruguay. Auch drei Südafrikaner waren dabei. Alle waren irgendwie mit Tieren aufgewachsen und mir weit voraus. Ich kam mir vor wie ein Schuljunge. Fachwissen und berufliche Anerkennung hatte ich quasi am Camp-Eingang abgegeben. Hier als 'Oldie' nicht alt auszusehen war eine echte Herausforderung.

Der Unterricht begann in der Regel um 6 Uhr und endete um 19.30 Uhr, oft gab es dann noch Abendvorträge oder Nachtfahrten. Die meiste Zeit war die Wildnis unser Klassenraum. Zweimal am Tag fuhren wir mit dem offenen Landcruiser durch unser Naturreservat. Wir kauten uns sprichwörtlich durch den Blätterwald, kochten Heilpflanzen, beobachteten Giraffenbabys oder jagende Geparden, übten das Fahren mit dem Jeep durch schwieriges Gelände oder suchten nachts Skorpione mit UV-Licht.

Schießübungen mit Löwenattrappe

Das Ausbildungscamp war mitten im Löwenterritorium und nicht eingezäunt. Eben mal einen Spaziergang machen oder eine Runde Joggen, wäre zu gefährlich gewesen. Jeder Ausflug musste gut vorbereitet werden, und das Gewehr mitzunehmen war Pflicht. Ich war nie beim Bund. Schießen zu lernen war ein ungewöhnlicher Gedanke für mich. Doch zum Militärdienst gibt es einen großen Unterschied: Es gibt hier keine Schießbefehle. Ich entscheide selbst, ob ich zum Schutz der Gäste einen Löwen erschießen muss. Die Frage stellt sich aber erst, wenn das Tier angreift und näher als fünf Meter herankommt. Im Training wurden wir mental auf solche Situationen vorbereitet. Wir haben das Verhalten der Löwen studiert, aber auch mit echter Munition auf bewegliche Löwenattrappen geschossen, die auf uns zu rasten.

Ich habe mir angewöhnt, meine Schuhe auszuschütteln, bevor ich sie anziehe. Abends schaue ich unters Bett, Schränke öffne ich ganz vorsichtig. Giftige Schlangen, Spinnen und Skorpione sind hier nämlich allgegenwärtig. Meine Mitschüler trauten sich schon nach drei Minuten, eine ungiftige Schlange in die Hand zu nehmen. Ich brauchte drei Tage. Immerhin habe ich dann aber auch Würgeschlangen und Kobras angefasst. Schlangen aus den Zimmern der Gäste zu entfernen, gehört zu den Aufgaben eines Rangers. Ich hatte zum Glück aber noch keinen solchen Einsatz.

Nach sechs lernintensiven Monaten und bestandener Prüfung wurde ich in die 'Student-Ranger-Garde' befördert und durfte vom Trainings-Camp in eine Gäste-Lodge umziehen. Obwohl ich die gleiche Arbeit wie alle etablierten Ranger geleistet habe, bekam ich die volle Anerkennung erst nach etlichen weiteren Prüfungen, zum Beispiel in Botanik, Geologie, Klimatologie und Astronomie und einer Safari-Prüfungsfahrt. Von den acht anderen, die mit mir zusammen angefangen hatten, haben außer mir nur zwei so lange durchgehalten.

Überstundenausgleich? Du willst doch nicht deinen Job verlieren

Mit den Ranger-Epauletten auf den Schultern bekam ich eine Festanstellung angeboten. Ich habe lange überlegt, ob ich zusage. Als Ranger arbeitet man 21 Tage am Stück, dann hat man eine Woche frei. Vertraglich muss man nicht mehr als 195 Stunden pro Monat arbeiten. Hat man allerdings Gäste, wird erwartet, dass man morgens der Erste ist, der aufsteht, und abends der Letzte, der ins Bett geht. In der Regel bedeutet das einen Arbeitseinsatz von 17 Stunden oder mehr. Einen Ausgleich für die Überstunden fordert nur, wer seinen Arbeitsplatz verlieren will. Die dreiseitige Jobbeschreibung im Arbeitsvertrag gipfelt in dem Satz, dass hier nicht alle Aufgaben erfasst werden können und jeder Ranger zur Erfüllung solch nicht erwähnter Aufgaben aufgefordert werden kann.

Auch die Aussicht, mir im Winter ein heizungsloses Zimmer bei bis zu minus fünf Grad Celsius mit einem zugeteilten Kollegen zu teilen, ist nicht besonders nah an meiner Vorstellung von Lebensqualität. Küche und Bad werden insgesamt von rund 30 Rangern genutzt. Ich verstehe mich zwar mit allen sehr gut, aber noch so eine Erfahrung wie in der Ausbildungszeit, als ich meine einfache Zelthütte mit einem lichtempfindlichen, in Gesundheitspillen verliebten Frühschläfer teilen musste, möchte ich kein zweites Mal.

Auf der anderen Seite lockt mich das ständige Abenteuer: Bei den Safaris trifft man schon mal auf Elefanten, die den Jeep aus dem Weg räumen wollen, sprintet mit Büffeln um die Wette oder rettet sich vor Nashörnern auf Bäume. Mit Gästen aus aller Welt diese Momente zu teilen, für sie Unsichtbares sichtbar und Natur erlebbar zu machen, ist für mich zu einer echten Leidenschaft geworden.

Ich habe mich nun gegen die Festanstellung entschieden, aber von dem Ranger-Leben möchte ich gerne mehr. Zurzeit überlege ich, wie ich diesen Wunsch realisieren kann. Sicher ist, dass ich ein Buch darüber schreiben möchte."

Kulturschock

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Cool
chip01 22.02.2013
Der Mannhat mal einen Beruf verwirklicht der richtig cool ist. Zwar gefährlich und unterbezahlt aber allein die Tatsache bei sovielen bedrohten Tieren zuarbeiten macht das fast weg. Glückwunsch zu dem neuen Leben.
2. Guide statt Ranger
bendits 22.02.2013
Ein spannender Artikel, der bei einigen Lesern sicher den Reflex auslöst: "Will ich auch!" Ich hätte mir nur gewünscht, dass Juan Prolls Beruf ordentlich benannt worden wäre: Er ist ein Field Guide, ein Naturführer, und kein Ranger, was im Deutschen dem Wildhüter entspricht. Ich selber war bis vor kurzem Field Guide in Südafrika und habe 4 Jahre bei einer Lodge in der Nähe des Kruger National Parks gearbeitet. Auch wenn man selbst in Südafrika die Begriffe gerne durcheinanderschmeisst, gibt es einen entscheidenden Unterschied: Der Field Guide kümmert sich um Menschen, der Ranger um Tiere... Ist für manche Interessierte vielleicht nicht unwichtig zu wissen :-) Ansonsten teile ich Juan Prolls Leidenschaft für den afrikanischen Busch 100 Prozent - es gibt keinen schöneren Ort!
3. @ bendits
erzähler2102 23.02.2013
Ich kann ihnen fast in allen Belangen zustimmen. Jedoch muss ich ihnen gestehen, dass ich in meinen nebenjobs in der Türkei feststellen musste, dass das Land dort genauso schon ist, wie die afrikanischen Savannen und Busch Landschaften. Ich arbeite in der Türkei immer wieder gerne als jagdfuhrer und Bergführer für deutsch Touristen. Ebenso kann es auch sehr reizvoll sein für deutsche pauschal touris in der Türkei eine Jogging Safari anzubieten. Hat alles sehr schöne Seiten. Jedoch finde ich es genauso wie sie, wunderbar, Touristen unvergessliche Urlaubs Erlebnisse zu vermitteln.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Kulturschock
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen



Fotostrecke
Deutscher Taxifahrer auf Kuba: Endlich legal
Verwandte Themen

Fotostrecke
Arbeiten in Bangladesch: Leben in zwei Welten

Fotostrecke
Vom Informatiker zum Silberschmied: Ganz schön zugeknöpft

Serie "Kulturschock"
Wer im Ausland arbeitet, erst recht in exotischen Ländern, erlebt oft einen Kulturschock - und erwischt spielend die Fettnäpfe, im Berufsleben wie in der Freizeit. Was haben Sie in fernen Ländern erlebt? Schicken Sie eine E-Mail an kulturschock@spiegel.de

Social Networks