Von Eva-Maria Simon
Um diesen Arbeitsplatz beneiden ihn wohl viele: Timo Unger leitet das Savoy in Prag, fünf Minuten von der Burg entfernt. Vor dem Eingang des Hotels rollt quietschend die Straßenbahn Nummer 22 vorbei und spuckt Touristen aus, hinter dem Haus glitzern die Dächer der Kleinseite.
"Wenn ich mich hier nicht wohlfühlen würde, wäre ich längst nicht mehr hier", sagt Unger. Nach Prag hat es ihn vor neun Jahren zufällig verschlagen, der Liebe wegen, genauso zufällig landete der gelernte Groß- und Außenhandelskaufmann in der Hotellerie. Wäre er nicht nach Tschechien gegangen, wäre sein Berufsleben wohl ganz anders verlaufen: "Meine Sprachkenntnisse haben mir in meiner Karriere sehr geholfen", sagt er und springt auf, um am Tresen einen Gast zu bedienen.
Immer häufiger suchen Deutsche wie Timo Unger jenseits der Grenze ihr berufliches Glück: Rund 3000 sind es zurzeit in Tschechien, mehr als doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren. Es gibt gute Gründe für den Weg ins Nachbarland: "Jemand aus dem mittleren Management bekommt dort vielleicht eine Chance, die er in Deutschland noch nicht hat", sagt Stefan Kasperek, Personalberater mit Osteuropa-Schwerpunkt. Gleichzeitig sei der Lebensstandard hoch. Kindergärten, Schulen und die übrige Infrastruktur sind weit entwickelt.
Immer mehr Direktbewerbungen nach Tschechien
Die große Mehrheit der deutschen Arbeitskräfte in Tschechien hat einen mittleren oder höheren Bildungsabschluss. Nach Angaben des Sozialministeriums arbeiten etwa zwei Drittel in Dienstleistungsberufen, die anderen in der Industrie. Die tschechische Wirtschaft erholt sich von der Krise, die Schlüsselbranchen Auto- und Maschinenbau haben zwar Stellen abgebaut, aber hauptsächlich in der Produktion. "In der Entwicklung und Konstruktion besteht nach wie vor Fachkräftebedarf, hier haben auch ausländische Ingenieure und Konstrukteure sowie Facharbeiter gute Chancen", sagt Hannes Lachmann, Sprecher der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer (DTIHK).
Ein weiterer Vorteil: Diese Mitarbeiter sprechen Deutsch - nach einer DTIHK-Umfrage halten das 90 Prozent der Mitgliedsunternehmen mit deutscher Beteiligung für wichtig oder sehr wichtig. Deshalb nehmen viele Arbeitgeber ihre Mitarbeiter mit. Tschechischkenntnisse dagegen seien oft nicht zwingend notwendig.
Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs habe sich einiges geändert, so die Beobachtung der Kammer: In den ersten Jahren entsandten die meisten Unternehmen ihre Mitarbeiter und zahlten ihnen deutsche Löhne. "Deutsche Interessenten bewerben sich inzwischen immer häufiger aus Deutschland auf Stellen in Tschechien", sagt Lachmann. Die arbeiteten dann zu ortsüblichen Löhnen und Bedingungen.
Sprichwörtliches Improvisationstalent
Das müsse aber kein Nachteil sein: Hochqualifizierte Geschäftsführer, Vertriebsmanager oder Spezialisten im Controlling verdienten inzwischen kaum weniger als in Deutschland. Da die Tschechische Krone steige und die Wirtschaft wachse, würden die Unterschiede immer kleiner. Unternehmen bereiten sich darauf vor, dass sie enger mit dem Nachbarland zusammenarbeiten.
Wer das Land bereits kennt, hat Vorteile. So wie Christian Stern, der von Prag aus den europaweiten Einkauf des Aufzugherstellers Schindler steuert. "Ich denke schon, dass dieser Auslandseinsatz meine Karriere fördert", sagt der gelernte Wirtschaftsingenieur. Wer Geschäfte machen wolle, müsse auch die Menschen kennen, nicht nur den Markt.
Mentalitätsunterschiede fallen ihm auf, wenn er mit tschechischen Lieferanten zu tun hat: "Da fehlt manchmal der Blick für das große Ganze." Zum Beispiel komme ein Geräteteil pünktlich an, aber das passende Werkzeug nicht. Ähnliches habe er auch privat erlebt: So habe er in seiner Küche eine Arbeitsplatte mit integrierter Steckdose montieren lassen; sie passte auch genau. Aber die Monteure vergaßen, sie mit der Wandsteckdose zu verbinden.
Das würde Christina Léotard niemals einfallen. Sie lebt seit fünf Jahren in Westböhmen, leitet das Hotel Dvoák in Karlsbad und hat inzwischen mit ihrem Mann ein Haus gebaut - in einem 500-Einwohner-Dorf am Rande der Bäderstadt. "Wir sind hier mit offenen Armen aufgenommen worden und sehr glücklich, dass wir so viele gute Freunde gefunden haben", erzählt sie.
Sieben Fälle, Wörter ohne Vokale, mit Weidenrute versohlt
Beim Grillen mit den Nachbarn, aber auch beim Arbeiten im Hotel habe sie vor allem eins gelernt: "Die Tschechen sind uns Deutschen gar nicht so unähnlich." Sie seien am Anfang oft etwas zurückhaltend, dann aber umso herzlicher und offener. Inzwischen fühle sie sich nicht zur akzeptiert, sondern auch integriert - viel schneller als etwa in Hongkong, wo sie vorher lebte.
"Man muss aber auch was dafür tun", sagt Léotard. Vor allem Tschechisch lernen - eine Sprache mit sieben Fällen, vielen Sonderzeichen und Wörtern ohne Vokale. "Das hat mich am Anfang wirklich fertig gemacht." Inzwischen aber ruft Christina Léotard jedem Gast ein "Dobrý den" zur Begrüßung entgegen und unterhält sich mit Masseuren und Krankenschwestern im Kurhotel. Sie sei zufrieden mit ihrem gut eingespielten und professionellen Team.
An die Eigenheiten des Landes habe sie sich gewöhnt. Sogar an den Brauch mit den Weidenruten: Einmal im Jahr dürfen tschechische Männer den Frauen den Hintern versohlen, am Ostermontag, das soll Gesundheit bringen. "Die hauen da richtig zu", sagt Léotard und kann's immer noch nicht richtig glauben. Im ersten Jahr kannte sie die adäquate Reaktion - Schokolade und Schnaps für die Herren - noch nicht. Stattdessen kippte sie den Störenfrieden schon frühmorgens drei Eimer Wasser über. Was zu interkulturellen Komplikationen führte.
Inzwischen aber ist Christina Léotard in Tschechien zu Hause. Aus dem Karrieresprung sei für sie und ihren Mann ein Sprung in eine neue Heimat geworden, sagt sie und blickt über die prächtigen Hotelfassaden am Ufer des Flüsschens Teplá: "Wir wollen hier alt werden."

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