Von Hendrik Werner
Sommermensch Matt aus Melbourne lebt für ein Jahr in London. Weil der Tischler das Surfen vermisste, radelt er mit seinen letzten Euros die Küste Portugals und Spaniens entlang. Mehr Zeit als im Wasser verbringt er allerdings in Aufenthaltsräumen.
Ericeira, Portugal. Es regnet seit Tagen. Im Aufenthaltsraum des lokalen Campingplatzes haben sich einige Portugiesen versammelt, um Fußball zu schauen. In der letzten Reihe bedient jemand seinen Campingkocher. Der rothaarige Australier passt optisch nicht ins Bild. Matt beeindruckt das Spektakel auf dem riesigen Plasmabildschirm nicht. Er freut sich, dass sein Wasser kocht.
Matt ist mit dem Fahrrad unterwegs und besitzt nur ein winziges Zelt. "An solch miserablen Tagen gibt's nur eins: Tee trinken!", erklärt der Australier mit dem feuerroten Vollbart. In seinen schwarzen Ceylon-Tee gehört auch Milch. Milchtüten wären aber zu groß und schwer, um sie auf dem Rad zu transportieren, also gibt es Milchpulver. "Gott sei Dank kann ich kein Portugiesisch. So kann ich nicht lesen, was da alles Schlechtes drin ist!", sagt er lachend.
Sonst arbeitet Matt in Australien als selbständiger Tischler. Er kann sich seine Zeit frei einteilen und hat sich das so zurechtgelegt: Er verdient genau so viel Geld, wie er braucht. Dann lebt er anschließend eine Weile am Meer und surft, bis das Geld ausgeht.
"Blue Lip" versteht keinen Spaß
Nur anderthalb Stunden von Melbourne entfernt hat Matt seinen Zweitwohnsitz. Dort wohnt er jeden freien Tag in einem Wohnmobil. Wobei: Mobil ist es schon lange nicht mehr. Es steht fest, nur ein paar Schritte vom Strand entfernt.
"Das Leben in Melbourne ist zwar genauso teuer wie in London, dafür hat man aber eine unbezahlbare Lebensqualität am Meer. Und Sonnenschein das ganze Jahr." Matt hat vor allem ein Problem mit dem kühlen Nordeuropa: Er hasst Fußbekleidung. Flip-Flops sind gerade noch genehm, alles andere engt den Sommermenschen aus Down Under ein - "barfuß ist Lifestyle!".
Drei Tische im Sala de Convívio, dem Gemeinschaftsraum, sind durch Matts Sachen belegt. Er macht Yoga auf der leeren Tasche seines Surfbretts. Zur Tür kommt der notorisch unfreundliche Campingplatzwärter herein. Er hat blaue Lippen und versteht keinen Spaß. "Blue Lip", wie der Australier den Wärter nennt, will Matt rausschmeißen. Er beanspruche den Raum für sich allein. Matt diskutiert freundlich und darf schließlich, wetterbedingt, zwei Tische nutzen.
Matt vermutet, dass "Blue Lip" mit seinem langweiligen Job auf dem Campingplatz unzufrieden ist. Da müsse man nachsichtig sein. Er lacht. Matt ist auch nicht hundertprozentig zufrieden. Wenn er zurück in Melbourne ist, wird er sich erneut um seinen Traumberuf bewerben. Er erzählt, dass er eigentlich Feuerwehrmann sein möchte. Er grinst: "Vier Tage arbeiten, vier Tage frei. Ein Traum!"
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