Surfen, Ausstieg, Neuanfang Ein Brett im Kornfeld
Surfen und Aussteigen, das gehört zusammen. Drei Männer haben ihre Berufe zurückgelassen, ihr altes Leben auch. Chris reist Afrikas Küste entlang, Matt surft in Portugal, bis ihm das Geld ausgeht. Und der Bayer Stefan will die Welt verändern - er produziert in Spanien Öko-Surfbretter.
Chris ist eigentlich Elektriker aus dem englischen Coventry. Mit seiner Lola, einem Ford Transit, reist er nun alleine von England nach Ghana, um sich dort ein neues Leben aufzubauen.
Taghazout, Marokko. Das marokkanische Epizentrum des Wellenreitens. Im Wasser geht es international zu. Chris ist das zu viel. Er packt seine Sachen zusammen, das Surfboard wird besonders behutsam verstaut. An der glatten Oberfläche glänzen noch Tropfen von atlantischem Meerwasser. Er klappt seinen Campingstuhl zusammen und wirft schmutzige Wäsche in seine "Waschmaschine", eine schwarze Tonne auf dem Gepäckträger seines Vans.
Als er einige Stunden später im weniger touristischen Süden ankommt, ist seine Wäsche von der Sonne aufgeheizt und dank der Schotterpisten geschleudert worden. "Living the simple life", kommentiert der Engländer.
Chris kommt aus der Mitte Englands, aus Coventry, einer 300.000-Einwohner-Stadt. Nun ist er unterwegs, immer an Afrikas Küste entlang nach Ghana. Vordergründig geht es ihm ums Surfen, aber sein eigentlicher Plan lautet, das Leben in England hinter sich zu lassen. Dabei war das kein so schlechtes Leben, wie Chris grinsend erklärt: Ausbildung zum Elektriker, anschließend angestellt.
Der Kauf seiner "Lola" war der Wendepunkt in seinem Leben. Stolz fuhr er mit dem zwanzig Jahre alten Ford Transit an der Uni seiner Freundin vor, um sie abzuholen. Chris verdreht die Augen: "Es war ihr peinlich, in meinem Transit zu sitzen!"
No girls, no toys
Er versteht nicht, dass sie nicht auswandern wollte. "Sie hat Studienschulden und ist arbeitslos. Da hätte sie auch mit mir kommen können. Afrika ist billig!" Chris' Augen wechseln kurz in den Unendlich-Modus, dann lacht er laut: "No girls, no toys!" Das ist sein Reisemotto. Unter Spielzeug versteht er all den überflüssigen Ballast, den die westliche Welt propagiert. Flachbildfernseher, iPhone, das ganze Gerümpel.
Fernsehen schaut der Engländer schon lange nicht mehr. Wenn, dann al-Dschasira. Das beunruhigte besonders seine Mutter: Ihre größte Sorge ist, dass ihr Sohn als Terrorist nach England zurückkehren könnte. Ihr gefällt die jüngste Errungenschaft ihres Sohnes nicht: eine traditionelle, afghanische Mütze. "Das ist genau so eine, wie die Taliban sie tragen, wenn sie auf BBC gezeigt werden. Meistens stehen sie damit in der Wüste und tragen eine Panzerfaust auf der Schulter."
Chris schneidet seinen frisch gebackenen Kuchen an und erklärt, warum sein Van "Lola" heisst. Eigentlich erklärt er es nicht. Er wirft lediglich seine knisternde Bordanlage an:
"Well I'm not the world's most physical guy,
but when she squeezed me tight
she nearly broke my spine,
oh my Lola!
Lo-lo-lo-lo-lola..."
Im Song der Kinks aus dem Jahre 1970 ist Lola ein Transvestit. Chris' Wagen ist eine Ford Transe. Darum Lola.
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