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Deutscher Taxifahrer auf Kuba Mein Polo ist mein Kapital

Deutscher Taxifahrer auf Kuba: Endlich legal Fotos
Yadiris Garcia

Von seinen ersten beiden Kuba-Reisen war Reiner Ast enttäuscht. Beim dritten Mal funkte es: Fern der Strände und Hotels verliebte er sich - und blieb. Jahrelang kutschierte er als illegaler Taxifahrer deutsche Touristen über die Insel. Nun hat er die Genehmigung. Und ein neues altes Auto.

"Das riesige Plakat an der Ausfahrt zum internationalen Flughafen in Holguin sehe ich mindestens zweimal pro Woche. 'Wir arbeiten ohne Pause, ohne Eile, ohne Hast und ohne Improvisationen', steht dort auf Spanisch. Kuba ohne Improvisationen? 'Wie soll das denn funktionieren?', fragt einer meiner beiden Fahrgäste. Das Plakat ist von der kubanischen Armee. Die verfügt nicht nur über Soldaten und Waffen, sondern auch über hervorragend organisierte Betriebe. Aber in solche Gespräche meiner Fahrgäste mische ich mich nicht mehr ein.

Ich wohne seit 13 Jahren auf Kuba - und bin wohl der einzige Deutsche, der hier als Taxifahrer arbeitet. Regelmäßig fahre ich die 160 Kilometer von Holguin nach Santiago de Cuba und zurück. Je nach Tageszeit ist der Weg in zwei Stunden zu schaffen. Die Autobahn ist zum Glück an vielen Stellen ausgebessert worden. Ich fahre einen VW Polo, davon gibt es hier nur wenige, und es ist schwierig, Ersatzteile zu bekommen. Aussuchen konnte ich mir das Auto nicht. Dass ich überhaupt eines besitze und Taxi fahren darf, verdanke ich den neuen Gesetzen. In diesem Land bewegt sich gerade sehr viel. Das komplette Strom- und Wassernetz in Santiago de Cuba wurde erneuert, Markthallen werden gebaut, Eisdielen gegründet.

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13  Bilder
Eine Kubanerin in Deutschland: Bin ich hier im Haifischbecken?
Besucht habe ich Kuba zum ersten Mal 1997. Als Reiseverkehrskaufmann hatte ich meinen Kunden von Rum, Zigarren, amerikanischen Straßenkreuzern und hübschen Frauen vorgeschwärmt, nun wollte ich alles selbst erleben. Es war die übliche Pauschalreise: neun Tage in einer All-inclusive-Anlage in Varadero, vier Tage Havanna. Anschließend war ich enttäuscht. Das war nicht das Kuba, von dem ich geträumt hatte. Auch die zweite Reise, diesmal auf eigene Faust, ging schief. In Havanna wurde ich beim Zigarrenkauf gnadenlos abgezockt.

Als ich das auf dem Rückflug einem Kubaner erzählte, lachte der nur: 'Havanna ist nicht Kuba, Sie müssen in den Osten!' Das habe ich beherzigt. Ich habe mir ein halbes Jahr freigenommen - und bin geblieben. Der Kuba-Virus hatte mich befallen. Natürlich steckte auch eine Frau dahinter.

Meine Mutter war schockiert, als ich ihr mitteilte, nach Kuba ziehen zu wollen. In Gerlingen bei Stuttgart ist man nicht sehr weltoffen. Aber ich, damals immerhin 32 Jahre alt, zog die Sache durch. Verkaufte das Auto, löste die Wohnung auf. Maximal 30 Tage durfte man sich damals als Ausländer auf der Insel aufhalten. Es sei denn, man studierte. Also schrieb ich mich an der Universität von Santiago de Cuba für einen Sprachkurs ein.

Ausreiseerlaubnis für die Deutschlandreise

Als ich diesen abgeschlossen hatte, suchte Neckermann gerade einen deutschen Reiseleiter. Den Job machte ich sieben Jahre lang - zu kubanischen Konditionen. Im Monat bekam ich 300 Pesos Convertible, rund 240 Euro. Schwierig wurde es, als meine Stelle wegrationalisiert wurde. An die Strände, zu den All-Inclusive-Anlagen, wollte ich nicht. Ich liebe Santiago, die alten Kolonialgebäude, die Musikgruppen, den Karneval, die netten, hilfsbereiten Menschen. Und ich war schon in Deutschland ein leidenschaftlicher Salsatänzer.

Zeitgleich mit der Kündigung trudelte mein neuer Ausweis ein. Die Immigrationsbehörde hatte mir endlich den relativ seltenen Status eines 'residente permanente' gegeben. Damit war ich aufgenommen in die kubanische Gesellschaft - mit allen Rechten und Pflichten, das heißt: Anspruch auf kostenlose medizinische Versorgung, Lebensmittelkarte und Flug-, Bus- und Zugtickets zu Einheimischen-Preisen. Es heißt aber auch: Mitgliedschaft im örtlichen Revolutionskomitee und Verlust der Reisefreiheit. Erst seit wenigen Wochen brauche ich dank der neuen Gesetze keine Genehmigung mehr, wenn ich nach Deutschland fliegen will.

Als Ausländer auf Kuba zu leben, bedeutet vor allem, sich anzupassen. Zu akzeptieren, dass alles sehr langsam geht. Dabei zu sein, wenn der Präsident des Revolutionskomitees zum Arbeitseinsatz ruft. Nichts schweißt mehr zusammen, als gemeinsam die Straße zu fegen und abends über dem offenen Feuer ein Spanferkel zu rösten.

Neun Monate warten auf den Gebrauchtwagen

Neckermann hatte mir damals einen alten Peugeot überlassen. Nach deutschen Maßstäben war er schrottreif, nach kubanischen Gold wert. Also machte ich das, was fast alle Autobesitzer auf Kuba tun: illegal Taxi fahren. Meine Kunden waren deutsche Urlauber, die ich noch aus meiner Zeit als Reiseleiter kannte. Hätte man mich erwischt, wäre ich wohl sofort ausgewiesen worden.

Gefährlich wurde es erst nach zwei Jahren, als den staatlichen Taxifahrern am Flughafen dämmerte, dass ich ziemlich regelmäßig 'Freunde' abhole. Aber da verabschiedete die kubanische Regierung gerade neue Gesetze, Selbständigkeit wurde plötzlich gefördert. Und beim Transportministerium durfte man den Kauf eines Autos beantragen.

Nach einer Wartezeit von neun Monaten wurde mir für umgerechnet 4000 Euro der gebrauchte VW Polo angeboten, mit ungewissem Kilometerstand. Er war ein Mietwagen gewesen. Als einer der ersten beantragte ich eine Lizenz als selbständiger Taxifahrer und erwarb den Personenbeförderungs- und den Taxiführerschein. Seither fahre ich ganz offiziell und bin zufrieden. Manchmal werde ich auch als Reiseführer gebucht.

Papiere für Hochzeit oder Scheidung

Ich transportiere nicht nur Touristen, sondern auch Briefe, Geld, Fotos. In jedem Flieger aus oder nach Deutschland sitzt jemand, den ich kenne und der für andere etwas mitnimmt. Ich freue mich zum Beispiel immer über den Sportteil aus deutschen Tageszeitungen. Oder ein Glas Nutella. Viele sind auf der Rückreise zum Flughafen frisch verliebt. Dann bekomme ich den Auftrag, die Papiere für die Hochzeit zu organisieren. Für andere besorge ich die Scheidungsdokumente.

Ratschläge gebe ich nicht mehr, selbst wenn ich gefragt werde. Wer auf Kuba zum Liebeskasper wird, nimmt eh nur das wahr, was er hören will. Auch ich habe diese Erfahrung gemacht, von meiner ersten Frau bin ich geschieden. Meine neue Frau ist Kinderärztin. Wir haben einen vierjährigen Sohn, den ich mit Freude hier aufwachsen sehe. Kuba ist ein Paradies für Kinder. Sie sind immer der Mittelpunkt, werden verhätschelt und haben riesige Freiräume. Samuel wächst zweisprachig auf, in diesem Jahr werde ich das erste Mal mit ihm nach Deutschland fliegen. Auch andere Träume können endlich in Angriff genommen werden, etwa bei den Schwiegereltern ausziehen, denn Immobilien dürfen nun frei gehandelt werden.

Ich weiß aber, an welch seidenem Faden meine neue Selbständigkeit hängt. Als der Hurrikan 'Sandy' Santiago verwüstete, habe ich um meinen auf der Straße geparkten Volkswagen gebetet. Seltsamerweise war ich nicht auf die Idee gekommen, ihn gegen ein Trinkgeld in einer der staatlichen Tiefgaragen zu parken. Vielleicht ist das ein Anzeichen, dass ich allmählich die unbekümmerte Mentalität der Kubaner annehme."

Kulturschock

Aufgezeichnet von Peter Chemnitz

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insgesamt 41 Beiträge
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1.
el-gato-lopez 15.02.2013
Zitat von sysopVon seinen ersten beiden Kubareisen war Reiner Ast enttäuscht. Beim dritten Mal funkte es: Fern der Strände und Hotels verliebte er sich - und blieb. Jahrelang kutschierte er als illegaler Taxifahrer deutsche Touristen über die Insel. Nun hat er die Genehmigung. Und ein neues altes Auto. Auswanderer auf Kuba: Deutscher Taxifahrer mit kubanischem Ausweis - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/ausland/auswanderer-auf-kuba-deutscher-taxifahrer-mit-kubanischem-ausweis-a-882338.html)
Und die schauen dort alle so happy aus und erst die Lebensfreude, hach das einfache Leben! Sorry, aber solche befindlichkeitsjournalistischen "Reportagen" über Selbstfindungs-Gringos hängen mir als Latino nur noch zum Hals raus. Der Vorteil dieser Sinnsucher von der als "dröge" empfundenen Wohlstandsinsel ist ja, dass sie sich - im Gegensatz zu 95%+ der lokalen Bevölkerung - bei Bedarf wieder in den Flieger setzen können, um sich vom "langweiligen" Sozialstaat zu Hause durchfüttern zu lassen, wenn die Abenteuerlust weg ist.
2. Bildungsrepublik Deutschland
aladar_m 15.02.2013
Wie kommt jemand dazu, in der Fotostrecke vom STÄDTCHEN Santiago de Cuba zu schreiben? Zwar hatte auch ich die Einwohnerzahl nicht parat, dass "Städtchen" wohl beim besten Willen nicht stimmt, war sofort klar. Warum konnte der Verfasser bzw. Veröffentlicher der Bildunterschriften nicht auch mal nachgucken? Wikipedia behauptet, es wären ca. 5,4 Mio. Einwohner in dem "Städtchen", im Großraum mehr als 8 Mio. Zitat aus einer Reklame "wir denken nicht mehr, wir googeln" - aber nicht mal mehr das :-(
3. ...
jujo 15.02.2013
Zitat von el-gato-lopezUnd die schauen dort alle so happy aus und erst die Lebensfreude, hach das einfache Leben! Sorry, aber solche befindlichkeitsjournalistischen "Reportagen" über Selbstfindungs-Gringos hängen mir als Latino nur noch zum Hals raus. Der Vorteil dieser Sinnsucher von der als "dröge" empfundenen Wohlstandsinsel ist ja, dass sie sich - im Gegensatz zu 95%+ der lokalen Bevölkerung - bei Bedarf wieder in den Flieger setzen können, um sich vom "langweiligen" Sozialstaat zu Hause durchfüttern zu lassen, wenn die Abenteuerlust weg ist.
Sie haben den Artikel gelesen? Da wird das doch genau beschrieben, das er mit allem für und wieder "Kubaner" geworden ist, das er jetzt die Erleichterungen annimmt , kann man ihm doch nicht vorwerfen! Von Selbstfindung oder Verwirklichung kann ich nichts entdecken, nur keinen Neid!
4. optional
boer640 15.02.2013
is wie bei vox, oder?
5. hier noch reiners homepage
username987 15.02.2013
www.kuba-taxi.de
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