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10. Dezember 2012, 07:06 Uhr

Kulturschock in Bangladesch

Zwischen Müll und Luxus

Der Strom fällt neunmal am Tag aus, das Duschwasser verursacht Ausschlag, die Autos haben mehr Beulen als Fensterscheiben. Trotzdem findet Patrick Kalanu das Leben und Arbeiten in Dhaka inspirierend. Der Englischlehrer staunt, wie optimistisch in dieser Stadt selbst die Ärmsten sind.

"Bangladesch stand nicht ganz oben auf der Liste der Länder, in denen ich gern arbeiten wollte. Aber das Jobangebot war einfach verlockend - meine Frau und ich unterrichten hier an der internationalen Schule in Dhaka. Wir haben vorher in Brüssel gelebt, dort habe ich einen Master of Arts and Education gemacht, und meine Frau hat Kinder der Nato-Mitarbeiter unterrichtet.

Ich bin zweisprachig aufgewachsen und habe die deutsche und amerikanische Staatsbürgerschaft. An einer deutschen Schule könnte ich nicht unterrichten, weil ich mein Lehramtsstudium in den USA und nicht in Deutschland abgeschlossen habe. Ich wollte aber auch unbedingt an eine internationale Schule. Für Lehrer gibt es spezielle Agenturen, bei denen man sich dafür bewerben kann. Sie laden Schulvertreter und Kandidaten zu Recruiting-Events ein, in meinem Fall in London. Dort habe ich Gespräche geführt mit Schulen aus Ägypten, Nigeria, Russland - und eben Bangladesch.

Es ist eines der ärmsten Länder der Welt, und tatsächlich ist die bittere Armut hier schwer zu ertragen. Obwohl wir viel über Bangladesch gelesen hatten, war die Ankunft schockierend. Wir sind nachts gelandet - da ist die Stadt stockfinster. Ich schätze, dass nur rund 40 Prozent der Bevölkerung einen Stromanschluss haben. Wer keinen hat, zapft gern mal illegal die Stromleitung an. Das führt regelmäßig zu Unfällen - und zum Zusammenbruch des Netzes. Neun oder mehr Stromausfälle pro Tag sind nicht selten.

Wir wohnen am Stadtrand in einem ganz neuen, zehn Stockwerke hohen Wohnhaus, direkt daneben beginnt der Slum. Eine Kanalisation gibt es nicht. Das Abwasser fließt offen in Rinnen neben der Straße. Man sieht also alles, was darin herumschwimmt. Trinkwasser bekommen wir in großen Tonnen geliefert. Vom Duschen kriege ich regelmäßig Ausschlag, aber dass wir überhaupt Leitungswasser haben, ist schon ein Luxus. In unserem Haus wohnen außer uns nur noch vier Parteien, die anderen Wohnungen stehen leer. Die Miete können sich die meisten Menschen hier einfach nicht leisten. Für uns zahlt sie die internationale Schule.

Das Schulgeld beträgt rund 11.000 US-Dollar pro Jahr. Das ist natürlich ein teures Vergnügen, aber der Abschluss ist überall anerkannt, auch in Europa oder den USA. Und in den Grundschulklassen unterrichten immer zwei Lehrer zusammen, ich teile mir meine Klasse mit einer indischen Lehrerin.

Mit der Fahrrad-Rikscha zur Arbeit

Nur 30 Prozent unserer 700 Schüler sind Ausländer, also Kinder von Diplomaten oder Mitarbeitern von internationalen Organisationen. Die meisten sind Kinder von Geschäftsleuten aus Bangladesch. Natürlich gibt es auch günstigere Schulen. Bei der Solmaid Community School rechnet man zum Beispiel mit 285 Dollar pro Kind und Jahr. Meine Frau und ich haben einen Stipendienfonds gegründet, Freunde und Bekannte zahlen ein und finanzieren so Straßenkindern den Unterricht.

Kneipen gibt es in Dhaka nicht. Bangladesch ist ein muslimisches Land, Alkohol wird nur in internationalen Clubs ausgeschenkt. Wir sind Mitglied im amerikanischen Club und dürfen auch den skandinavischen, britischen und deutschen Club nutzen. Dort trifft man sich mit anderen Expats, surft im Internet, trinkt ein Bier zusammen.

Unser soziales Leben spielt sich hauptsächlich dort und an der Schule ab. Wir können zum Beispiel in der Freizeit das Schwimmbad oder Fitnessstudio der Schule nutzen. Abends sind wir meist zu Hause. Der Verkehr in Dhaka ist so schlimm, dass es sich gar nicht lohnt, irgendwohin zu fahren. Die Busse sehen aus wie vom Schrottplatz, viele haben sogar zerschlagene Fenster. Und die Autos haben zusätzliche Stoßstangen, wie beim Autoscooter. Unfälle sind an der Tagesordnung, Beulen und Kratzer im Lack gelten als normal. Erstaunlicherweise sind bei Verabredungen aber immer alle extrem pünktlich.

Wir haben ein Auto samt Fahrer gemietet, das ist hier üblich. Morgens fahren wir allerdings mit der Fahrrad-Rikscha zur Schule. Das ist eine schöne Art der Fortbewegung, und wir mögen den Rikschafahrer so gern, dass wir es auch nicht übers Herz bringen, ihm zu kündigen. Außer ihm und dem Chauffeur beschäftigen wir noch eine Haushälterin, die für uns kocht, putzt, bügelt. Drei Angestellte zu haben, das ist uns schon sehr fremd. Mit den Lebensverhältnissen muss man aber realistisch umgehen. Meine Frau und ich können allein wenig daran ändern.

Europäer gelten als Attraktion

Das Feuer in der Textilfabrik in Ashulia, einem Vorort von Dhaka, bei dem 110 Menschen ums Leben gekommen sind, hat uns natürlich geschockt. In der internationalen Berichterstattung wurde diese Tragödie gern als Beweis für die Bösartigkeit der globalen Textilindustrie geschildert. Diese Einschätzung mag ich nicht teilen. Das Problem liegt meiner Meinung nach darin, dass die Regierung von Bangladesch zerstritten, inkompetent und korrupt ist und sich nicht darum schert, die Industrien wirksam zu regulieren. Die Fabriken zu schließen, kann keine Lösung sein. Das hätte für die Betroffenen dieselbe Wirkung wie für alle arbeitswilligen Menschen weltweit: Verlust des Selbstvertrauens und den sozialen Abstieg.

Ein hoffnungsloser Fall ist Bangladesch aber nicht. Ich kenne selbst viele Fabrikbesitzer, Politiker und Bankiers, die sich durchaus der sozialen Probleme bewusst sind. Mit anderen Einheimischen außerhalb der Schule in Kontakt zu kommen, ist leider nicht so einfach. Die meisten haben Bangladesch noch nie verlassen, und unsere Lebenswelten sind komplett verschieden. Als Europäer gelten wir als Attraktion, werden häufig gefilmt oder fotografiert - mit dem Handy, das hat hier fast jeder. Selbst internationale Gespräche kosten nur fünf Cent pro Minute.

Die Menschen sind generell sehr freundlich, sogar in der Wellblechhütte wird man zum Essen eingeladen und bekommt nur das Beste serviert. Vor Lehrern hat man hier auch generell großen Respekt. Ich habe mich noch nie unsicher oder schlecht behandelt gefühlt. Wenn mal jemand bestohlen wird, hat er meist Schmuck oder Handy offen herumgetragen. Das würde ich schon allein aus Respekt vor meinen Mitmenschen nicht machen.

Unser Vertrag ist befristet auf zwei Jahre, so lange wollen wir auch mindestens bleiben. Natürlich gibt es Momente, in denen man am liebsten alles hinwerfen will, aber wir bereuen unsere Entscheidung für das Land nicht. Ich bewundere die Menschen hier für ihre Fähigkeit, einfach weiterzumachen, egal, wie widrig die Umstände auch sind. Sie sind extrem fleißig, arbeiten elf Stunden am Tag, sechs Tage pro Woche, und sind dabei so optimistisch und stolz auf ihr Land. Unter welchen Umständen Menschen noch Hoffnung haben können - das finde ich sehr inspirierend."

Aufgezeichnet von Verena Töpper

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