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Deutscher Filmemacher in Mexiko "Pünktlichkeit ist der größte Fettnapf"

Filmemacher in Mexiko: Kung-Fu und Tequila Fotos

Er kam wegen des Tequilas und blieb, um Filme zu drehen. Matthias Klenk schlägt sich in Guadalajara als Drehbuchautor und Regisseur durch. Obwohl er immer wieder versetzt wird, gibt er nicht auf. Nur eines möchte er nicht: Sich mit Streifen durchschlagen, wie sie Drogenbarone bestellen.

"Wenn man in Mexiko etwas will, musst man oft genug nerven, dann klappt es auch. Wahrscheinlich hat es mit der Härte des Lebens hier zu tun, dass man sich richtig anstrengen muss. Mexikaner sagen aber nie Nein, man muss also spüren, wann ein Ja wirklich ein Ja ist.

Ich lebe in Guadalajara, bin Drehbuchautor, führe Regie und versuche, mich auf dem mexikanischen Markt zu etablieren. Ich arbeite gerade an einer Serie, in der es um die sozialen Probleme im Süden von Mexiko geht, eine Art mexikanisches 'Lost'. Bald werde ich auch eine Web-Serie und ein paar Kurzfilme produzieren. Mein erster großer Film soll ein Kung-Fu-Film werden, das Drehbuch ist gerade fertiggeworden. Jetzt muss ich versuchen, für die Produktion zwei Millionen Dollar aufzutreiben.

Staatliche Fördermittel für meine Filme bekomme ich hier nicht, weil ich Ausländer bin. Trotzdem ist es leichter als in Deutschland, an Geld zu kommen. In Mexiko gibt es viele Reiche, die bereit sind, Filme zu finanzieren. Es gibt sogar sogenannte Narco-Filme: Drogenbosse bezahlen dafür, dass man Filme über ihr Leben dreht. Das würde ich aber nie machen.

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Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten
Ich habe Interamerikanische Studien in Bielefeld studiert. Eigentlich wollte ich für ein Auslandssemester nach Venezuela. In Mexiko war noch ein Platz frei, an der Universität in Guadalajara. Das Land kannte ich nur aus 'Speedy Gonzales' und dem Film 'Amores Perros', ich wusste fast nichts. Was mich interessiert hat, war der Tequila. Spanisch konnte ich am Anfang kaum. Wenn die Leute sich auf Uni-Partys unterhalten haben, habe ich gar nichts verstanden.

Guadalajara ist die zweitgrößte Stadt Mexikos und die mexikanischste Stadt überhaupt: Alle Klischees, die man von Mexiko kennt, kommen von hier. In der Stadt mischt sich ländliches und urbanes Leben, es ist relativ sicher, und es gibt sehr viel Kunst, Kultur und Subkultur. Die größte Buchmesse der spanischsprachigen Welt und das größte Filmfestival Lateinamerikas finden jedes Jahr hier statt.

Mein Auslandssemester ist jetzt fünf Jahre her. Spanisch habe ich durch Lesen und Sprechen gelernt. Allerdings halten mich die meisten Mexikaner für einen Franzosen, weil ich wie alle Sachsen das 'R' verschlucke. Das richtige mexikanische, rollende 'R' kann ich nicht aussprechen.

Weitermachen, wenn man auf die Nase fällt

In Mexiko kann man sich schneller etablieren als in Deutschland, alles ist informeller. Das hat seine Vor- und Nachteile. Ich lerne gerade erst, dass ich extrem auf andere zugehen und mich stärker präsentieren muss, um etwas zu erreichen. Man spürt die Nähe zu den USA: Bei jedem Kurs oder Workshop kriegt man eine Urkunde. Viele Mexikaner pimpen ihre Lebensläufe damit und donnern sich für Vorstellungsgespräche richtig auf.

Gute Kontakte erleichtern vieles, Vitamin B ist sehr wichtig. Aber wenn man einmal ein paar wichtige Menschen kennt, kennt man schnell alle. Schön finde ich hier die Lebensfreude. Alles geht etwas lockerer zu, und man lernt weiterzumachen, auch wenn man mal auf die Nase fällt.

Nach meinem Auslandssemester war ich kurz in Deutschland und bin dann nach Mexiko-Stadt geflogen, um meine Masterarbeit zu schreiben. Ich habe geforscht, wie die Stadt im mexikanischen Film dargestellt wird. Dann habe ich zwei Jahre versucht, mich neben meinen Filmprojekten als Deutschlehrer über Wasser zu halten, und 2011 habe ich meine Doktorarbeit über 3-D-Kino angefangen, an der ich noch arbeite.

Viele Studenten hier arbeiten nicht neben dem Studium. Es studieren fast nur Leute, die es sich leisten können. Die Kinder der Reichen besuchen die Privatunis und auf die öffentlichen Universitäten gehen die Kinder der politischen Funktionäre. An den Privatunis kann man Studenten finden, die in Deutschland kein Abitur schaffen würden. Als Deutschlehrer habe ich schon erlebt, dass Kinder mich mit Geschenken überzeugen wollten, dass ich ihnen bessere Noten gebe.

Zu spät kommen ist normal

Im Durchschnitt arbeiten die Mexikaner aber richtig viel. Viele betreiben neben ihrem offiziellen Job irgendein Geschäft, um mehr Geld zu verdienen. Auf Schwarzmärkten kann man alles kaufen, auch Kopien aktueller Blockbuster. Es gibt sogar Filme, die nur für den Schwarzmarkt produziert werden: Die Produzenten schließen Verträge mit den Händlern ab und werden am Erlös beteiligt.

Nur wenige mexikanische Spielfilme sind richtig erfolgreich, es werden ein Haufen Filme produziert, die niemand sieht. Die meisten Schauspieler halten sich mit den in Mexiko beliebten Telenovelas über Wasser und versuchen dann, ins Kino zu kommen.

Pünktlichkeit ist das größte Fettnäpfchen in Mexiko. Zu spät zur Arbeit zu kommen ist hier normal. Wenn man bei einem Dreh Regie führt, ist das hart. Die Leute sagen, dass sie gleich kommen, und dann tauchen sie gar nicht auf. Wenn man um vier Uhr verabredet ist, kommt man besser um halb fünf. Ich bin immer pünktlich und muss warten. Am Set ist es generell chaotischer, die Leute vergessen Sachen, sie denken nicht bis ins Detail.

Ich habe erlebt, dass Menschen sagen, dass sie ein Projekt mit mir machen möchten - aber es wird nichts daraus. Jetzt konzentriere ich mich mehr auf mich. Es nervt mich, wenn mich Freunde anrufen und sagen, dass sie am nächsten Tag etwas mit mir unternehmen wollen, und dann melden sie sich nicht. Inzwischen mache ich das aber auch."

Kulturschock

Aufgezeichnet von Sonja Peteranderl

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insgesamt 1 Beitrag
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    Seite 1    
1. Das
kasper39 16.04.2013
Vorschlag: ein halbes Jahr Wetterau und er kann das mit dem "r". Denn die machen in alles ein "r" auch wenn es dort keines gibt.
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